16.05.2011

Händchenhaltende Syrer

Von Paula Manstetten

Vorbemerkung der Redaktion:
Der folgende Text bezieht sich auf den Artikel »Ein kurzes Jahr an der Uni Damaskus«, der am 10. Mai 2011 auf ZEIT-Online veröffentlicht wurde. Frau Manstetten ist Studentin an unserem Institut.

Letztes Wochenende erschien in der Onlineausgabe der ZEIT ein Artikel über mich – als deutsche Studentin an der Universität Damaskus.  Zeitungsartikel sind, wenn man sie nicht selbst schreibt, nie ganz so, wie man es sich gewünscht hätte. Daher möchte ich im Folgenden einige Anmerkungen loswerden und manches klarstellen.

Der Kontakt zu der Journalistin, die übrigens selbst  noch eine Studentin ist, kam zufällig zustande, und ich sah ihre Anfrage, einen Artikel über mich schreiben zu dürfen, als Chance, mit einigen Vorurteilen über Syrien aufzuräumen. Ich nahm sie in eine Vorlesung an der Uni und auch zu mir nach Hause in meine Gastfamilie mit. Wir führten ein langes Gespräch, insbesondere darüber, wie sich der Alltag in Syrien meistern lässt und wie es einer Ausländerin wie mir gelingen kann, sich in Syrien zu »integrieren« – wenigstens bis zu dem Grade, dass man sich nicht mehr als Außenseiter fühlt. Aufgrund der politischen Lage änderte sich im Nachhinein das Thema des Artikels, und von unserem Gespräch blieben leider nur einige Marginalien stehen, die, wie ich meine, doch ein etwas verzerrtes Bild von Syrien (und vielleicht auch von mir) vermitteln könnten.



Dürfen syrische Paare nicht Händchen halten?
Im Studium macht man sich bei Texten immer wieder bewusst, dass sie oft mehr über den Autor aussa- gen, der sie geschrieben hat, als über den Gegenstand, den er gerade behandelt.  Die Journalistin hatte
– sicher nicht bewusst und in irgendeiner bösen Absicht – das Bedürfnis, insbesondere Unterschiede zwischen Syrien und Deutschland zu finden, gesellschaftliche Konventionen herauszustellen, die uns in Deutschland als abwegig oder doch zumindest als fremd erscheinen würden.

Ursprünglich hatte sie z.B. geschrieben, es sei in Syrien nicht gesetzlich vorgeschrieben, ein Kopftuch zu tragen. Damit hat sie völlig recht – natürlich ist es nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber das sollte einen nicht verwundern, insbesondere sollte es nicht dargestellt werden, als sei es etwas ganz Bemerkenswertes.  Aber die Assoziationskette Arabisches Land > Islam > Kopftuch läuft eben leider ganz automatisch ab. Was seinen Weg dann in den Artikel fand, war die missverständliche Aussage, es sei in Syrien ein ungeschriebenes Gesetz, dass Pärchen in der Öffentlichkeit nicht Händchen halten dürften. Das stimmt so natürlich nicht. Wohl sieht man in Syrien weniger Paare Händchen halten als in Deutschland, und dass sie es gar nicht tun, mag auf einzelne, besonders traditionelle  Stadtviertel von Damaskus durchaus zutreffen. Aber es gibt sie und sie sind keine Ausnahme.

     Diese »Händchenhaltgeschichte« verweist eigentlich auf ein anderes Problem. Meinem Eindruck nach ist es für junge Menschen in Syrien schwieriger, Beziehungen zu führen und so offen auszuleben, wie es bei uns der Fall ist. Die soziale Kontrolle ist größer, Beziehungen vor der Ehe sind nicht allgemein akzeptiert, es kommt also sehr auf die Familie an, aus der man stammt. Insofern tut man auch hier gut daran, sich den Einzelfall anzuschauen und sich mit Verallgemeinerungen zurückzuhalten. Im Umgang mit Beziehungen zwischen Frauen und Männern ziehen sich die Brüche natürlich nicht nur durch die einzelnen Konfessionen (von denen in kaum einem Land der Welt so viele vertreten sind wie in Syrien!), Brüche findet man vor allem auch innerhalb dieser Konfessionen. Dazu könnte man noch viel sagen (und noch mehr müsste man dazu fragen).

     Ich habe Damaskus als sehr „liberale“ Stadt erlebt, in der viele unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind. (Diese Freiheit gilt freilich, wie wir derzeit besonders deutlich sehen, überhaupt nicht für die Politik, für andere Bereiche aber schon). Man findet hier fast alles, was man sich nur vorstellen kann – vorausgesetzt, man ist neugierig genug. Völlig verschleierte Frauen neben Frauen mit Kopftuch, Minirock und Highheels, Breakdancer, Metal-Rocker, Bauern auf Pferdekarren und so weiter und so fort.

Eine Deutsche und ihr »Kindheitstraum«
Aus irgendeinem Grund schien es besonders erwähnenswert, dass ich in Syrien deutsches Brot und italienischen Caffè getrunken habe. Das stimmt, aber ich bin keine »Fundamentalistin«, was diese Dinge betrifft, und habe natürlich nicht »jeden Morgen Schwarzbrot in einer Pfanne aufgewärmt«, weil es keinen Toaster gab, wie im ZEIT-Artikel zu lesen ist. Ich mag wirklich deutsches Vollkornbrot lieber als die syrischen Brotfladen, aber auch an die habe ich mich gewöhnt. Es kommt ja vor allem darauf an, was man dazu isst … da stehen der deutschen Marmelade dann wunderbare Kichererbsen- und Auberginenpasten gegenüber, ganz zu schweigen vom unübertrefflichen Zayt wa-Za’tar, Olivenöl und Thymian. Und warum nicht gelegentlich mal Bohnen mit frischen Tomaten und Kräutern frühstücken, oder Kischek, diese feine Suppe aus Bulgur, Schafskäse, Knoblauch und Zwiebeln …? All das wäre, denke ich, für einen deutschen Leser viel interessanter gewesen als diese scheinbar Scheuklappen tragende Deutsche, die auf ihr deutsches Brot besteht

     Ich bin Deutsche, das sagt mein Pass, meine Muttersprache ist deutsch, manches an mir mag auch »typisch Deutsch« sein. Was kulinarische Vorlieben angeht, bin ich jedoch Italienerin, was Musik betrifft, gehöre ich ins 19. Jahrhundert nach Italien oder ins 20. Jahrhundert nach Nordamerika und eigentlich noch an sehr viele andere Orte, wenn es um Literatur geht, zieht es mich tendenziell nach England oder Russland und so weiter und so fort. Und gleichzeitig ist es wieder typisch deutsch, nicht deutsch sein zu wollen … Es ist ja gar nichts Neues – jeder Einzelne von uns ist Viele.

Ganz abgesehen davon, dass ich statt der Staatsangehörigkeit »deutsch«  lieber die Weltangehörigkeit »Mensch« hätte, war Syrien für mich auch eine Art Experiment: wie syrisch kann ich werden, ohne mich selbst aufzugeben? Diese Frage bleibt schwer zu beantworten. Aber festgestellt habe ich, dass ich ganz ich selbst bleiben durfte, und trotzdem ein bisschen syrisch geworden bin. All das, was im Artikel an »Schwierig- keiten« erwähnt wird – dass man sich als Frau, je nach Nachbarschaft, nicht im eigenen Haus mit Männern treffen kann, dass man als Frau nicht Fahrrad fährt etc. – war im Endeffekt marginal. Man arrangiert sich damit.

Viel wichtiger ist es ja eigentlich, offen und neugierig zu sein darauf, welche Möglichkeiten sich stattdessen in Syrien bieten, die man in Deutschland nicht hat. Da wären zum Beispiel die Minibusse … sie machen das Fahrrad überflüssig. Ich bin ein großer Fan dieser Minibusse geworden! Man muss nur die Route kennen, die sie fahren, dann kann man sich einfach an den Straßenrand stellen, sie heranwinken, und später wieder aussteigen, wo man will. Es gibt keine festen Haltestellen, man muss nur eines der vielen Sprüchlein kennen, die man dem Fahrer zurufen kann, damit er einen aussteigen lässt.

     In den letzten drei Wochen meines Aufenthalts zog ich zu einer Freundin und ihrer kleinen Tochter. R**** ist Syrerin, hat 7 Jahre in Japan gelebt, einen türkischen Mann geheiratet, in der Türkei gelebt. Als er starb, zog sie zurück nach Syrien. Wir waren eigentlich eine schöne kleine Multi-Kulti-WG, obwohl wir nur zu dritt waren. Sehr bezeichnend für diese bunte Mischung, die ich in Syrien wirklich oft erleben durfte, war wohl mein letztes Frühstück, bevor ich abreisen musste. R****s Tante und ihre Tochter, auch eine sehr gute Freundin von mir, waren zu Besuch. Wir aßen das traditionelle syrische Ful und Humus und  tranken dazu italienischen Espresso, den ich mit meiner kleinen Espressomaschine vom Markt in Rom gekocht hatte. Vor dem Essen sang R****s Tante ein buddhistisches Gebet … im Fernsehen lief derweil die britische Traumhochzeit – auf dem französischen Sender TV5.

      Dass es mein Kindheitstraum war, nach Syrien zu reisen, hörte sich wahrscheinlich »ganz super« an. Aber Träume hatte ich als Kind viele, habe ich auch jetzt noch. Damaskus kam da vielleicht an dritter Stelle nach Italien und Indien. Rafik Schami (und auch Hauffs  Märchen) waren tatsächlich Ausgangspunkte einer romantisch übersteigerten Orientsehnsucht, die ich hatte. Dieser Orient war voller Kuppeln, Mina- rette und Dattelpalmen, bevölkert von Geschichtenerzählern, Kamelreitern und listigen Zauberern, und über all dem schwebte wahrscheinlich ununterbrochen ein Sichelmond … Man muss diese Vorstellungen ja nicht verteufeln, wenn sie zur Basis für ein gewisses Interesse werden und Neugierde wecken. Sie dürfen eben nur der Ausgangspunkt, nicht der Endpunkt einer Beschäftigung mit »dem« Orient sein. Ohne Rafik Schamis Romane hätte ich vielleicht nie Arabistik studiert, wer weiß.

     All diese früheren Bilder habe ich natürlich gar nicht erwartet, als ich im September nach Damaskus fuhr. Enttäuscht wurde ich nur im Sinne einer Reihe von Ent-täuschungen, Aufhebungen von Täuschungen – es ist dieses wunderbare Gefühl einer Erkenntnis, die nicht einmal tief gehen muss, die einem aber auf einmal zeigt: das-und-das hast du erwartet – sieh mal, es stimmt gar nicht so, es ist doch ganz anders, und auch dieses »anders« ist natürlich nur eine Schicht, unter der die Wahrheit noch tief verborgen liegt. So gesehen hatte die Journalistin natürlich recht, wenn sie mir in den Mund legte: »Denn auf diesem Weg schaffe man sich seine eigenen Bilder im Kopf.« Eigentlich meinte ich mit Ent-täuschung aber gerade den Versuch, diese Bilder im Kopf zu hinterfragen und im besten Falle aufzuheben.

     Insofern gibt es zwei Dinge, die sich jeder in den Koffer packen sollte, wenn er ins Ausland geht: Gelassenheit und Neugier. Diese Dinge mögen freilich oft schon nützlich sein, wenn man nur den eigenen Nachbarn besucht.

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