25.08.2011

Carlos Latuff: Zeichnen für die Freiheit der Anderen

Carlos Latuff
Über die Macht der Bild- und Wortkunst und den Brasilianer Carlos Latuff, der sich in die Herzen vieler Ägypter gezeichnet hat.

Von Kristin Jankowski und Daniel Roters

"Wer einmal das Wasser des Nils getrunken hat, muss den Nil wiedersehen", sagt man in Ägypten gerne. Bereits vor der Revolution haben viele ägyptische Aktivisten Solidarität von Ausländern erfahren, noch bevor die Zensur, noch bevor die Staatsmacht überhaupt ahnte, dass jemals eine Demokratiebewegung in Ägypten die Massen für sich einnehmen konnte.

Bereits im Vorfeld des Volksaufstandes tauchten an wenigen Stellen in Kairo hier und dort Plakate, Karrikaturen und Grafitis auf, die abseits der Medienzensur den Wunsch nach Partizipation nach 30 Jahren der Mubarak-Herrschaft ausdrückten.
Eine Zeichnung in einer Ausgabe von 1878,
die einen Europäer gedemütigten Felachen zeigt.

Was würde der wohl erste arabischsprachige Cartoonist und Karikaturist James Sanua (1839-1912) zu seinen geistigen Nachfahren sagen, die auf seinen Spuren wandeln? In jedem Fall gingen die Aktivisten in Kairo und anderen Städten Ägyptens neue Wege und nutzten moderne Kommunikationstechnologie, um dem Protest gegen das ägyptische Regime durch Texte und Bilder Ausdruck zu verleihen.

James Sanuas Zeitschrift Abu Naddara (Der Mann mit der Brille) erschien ab 1877 und kommentierte auf satirische Art und Weise das politische Tagesgeschehen in Ägypten. Khedive Ismail war nicht amüsiert über die in Satire verpackte Kritik an seiner Finanzpolitik, die Ägypten mehr und mehr in die Arme der Europäer trieb. Schließlich ließ Ismail die Zeitschrift verbieten und Sanua musste ins Exil nach Paris gehen. Dort führte er seine Zeitschrift nun zweisprachig fort. In französischer und arabischer Stimmung machte er satirisch Stimmung gegen die Engländer, die Ägypten zu einer Kolonie der informellen Herrschaft degradiert hatten.

Nach der Revolution ist vor der Revolution. Der General kann
nicht schlafen, weil das Volk "Demokratie!" ruft.
Während der ägyptischen Revolution hat der Brasilianer Carlos Latuff mit seinen Cartoons Berühmtheit in Ägypten erlangt und wird von vielen Ägyptern als Held gefeiert.Viele Gruppen im Facebook sind Carlos Latuff gewidmet, viele Nutzer drücken ihre Dankbarkeit ihm gegenüber aus. Einige der treuesten ägyptischen Fans fordern gar die ägyptische Staatsbürgerschaft für den Mann aus Brasilien, der mit dem Bleistift bewaffnet seinen ägyptischen Freunden zur Seite steht.


Kristin Jankowski sprach mit dem brazilianischen Cartoonisten Carlos Latuff, der mit seinen politischen Cartoons während des ägyptischen Volksaufstandes für Aufmerksamkeit sorgte.


Vor ein paar Tagen bin ich am Tahrir-Platz vorbeigegangen und habe dort einen Demonstranten gesehen, der mit einem breiten Lächeln einen deiner Cartoons in den Händen hielt. Deine Kunst wurde Teil der Aufstände. Denkst du, dass Kunst Menschen befreien kann?


Carlos Latuff: Nur die Menschen können Menschen befreien. Kunst wird ihnen als Werkzeug dienen. Ein Revolutionär kann alle möglichen verfügbaren Werkzeuge nutzen, angefangen bei einem Mobiltelefon bis hin zu einer Waffe. Kunst ist eines dieser Werkzeuge.


Du lebst zur Zeit in Rio de Janeiro in Brasilien, ziemlich weit entfernt von Ägypten. Warum ist es wichtig für dich, die jetzige politische Situation in Ägypten zu dokumentieren? Warum setzt du dich so ein?

Eine Ägypterin auf dem Weg zu einer
Demonstration. Auf dem Rücken prangt ein
Twitter-Hashtag "#July8", dem Tag der
Demonstrationen zum "Schutze der Revolution".
Carlos Latuff: Ich engagiere mich genauso für Ägypten wie auch für Palästina, wo ich 1999 war. Es geht um Internationaliät uns Solidarität mit den Menschen dieser Welt. Ägypter, Palästinenser, Brasilianer, am Ende sind wir doch alle Menschen.


Wie verändern die derzeitigen Ereignisse in Ägypten dein Leben?

Carlos Latuff: Ich neige dazu mich Bewegungen zugehörig zu fühlen, an deren Ziele ich glaube. Es wird dann sehr persönlich...


Die Ägypter fordern Demokratie und Freiheit ein. Die Armee ist immernoch and der Macht. Was denkst du sind die Erfolge der Aufstände bis jetzt?


Carlos Latuff: Ich glaube, dass die Ägypter auf den Straßen bleiben werden. Ich bin sicher, dass es nicht ihr Ziel war Mubaraks Diktatur mit einer Militärdiktatur zu ersetzen. Märtyrer starben nicht umsonst. Die Ägypter werden ringen bis eein demokratisches System herrscht.

Du hast innerhalb einer kurzen Zeit Berühmtheit in Ägyptene erlangt. Menschen teilen deine Cartoons auf Facebook und tragen sie auf Demonstrationen mit sich. Was ist deine Botschaft an die Ägypter, die mitmachen bei diesem Kampf gegen das System?

Carlos Latuff: Meine Cartoons sind meine persönliche Art und Weise meine Solidarität mit den Ägyptern auszudrücken. Es ist meine Art zu sagen: "Ich bin bei euch, mit Herz und Seele".

Du hast eine Serie von Cartoons gezeichnet, die internationale Politiker als Monster darstellen. Wer ist das Monster hier in Ägypten? Was meinst du?

Carlos Latuff: Da gibt es viele. Mubarak zu stürzen hieß nicht, dass es gelungen sei, Ägypten von Schmutz der widerlichen korrupten Charaktere zu befreien.

Einige Leute - insbesondere die Linken - sagen, dass der weltweite Widerstand gegen das globale System des Kapitalismus und der Ungerechtigkeit gerade begonnen habe. Denkst du auch so?

Carlos Latuff: Inshallah! :-)

Künstler sind meist Träumer, Menschen voller Fantasie. Manchmal ist deren Kunst eine Art und Weise die Grausamkeit der Welt zu verarbeiten. Wovon träumst du?

Carlos Latuff: Ich versuche meine Kunst nicht in den Dienst meiner eigenenTräume zu stellen, sondern in den Dienst der Träume anderer. Ich habe keine Träume mehr.

Am 23. Juli, dem Tag der Feiern zur ägyptischen
Revolution von 1952, wurden Demonstranten,
die gegen die Militärrgierung demonstrierten in
Abbasiya/Heloopolis
anegriffen.
Wann kommst du nach Ägypten?

Carlos Latuff: Nicht in der nächsten Zeit. Der ägyptischer Militärrat (SCAF) würde mich sofort am Flughafen verhaften lassen.

Das Interview mit Carlos Latuff erschien zuerst auf "Transit", dem Li-lak Blog des Goethe Instituts in Kairo und wurde hier ins Deutsche übersetzt.

Kommentare:

  1. Jajaja..der Kampf gegen globalen Kapitalismus. Der Quatsch ust schon angefangen. Leider fuer euch passt man nicht auf dieses in Aegypten auf. Wahre politische Bewegungen haben schon den Tahrir-Platz lange verlassen. Nun kaepfen nur Idioten, die ueberhaupt keine Chncen in den kommenden Wahlen haben, darum, auf den Platz demonstrieren zu duerfen.

    Sie sind so wenig, dass sie nicht mehr den Platz behalten koennen. In Al Abbasiyya, ebenso wie in Sidi Gaber in Alexandria haben normal Buerger die "Demonstranten"\Hooligans\Randalierer angegriffen, weil sie keinen Tahrir-Platz in ihrer Gegend haben wollten.

    Ihre Aufforderungen, naemlich der Entwurf einer neuen Verfassung vor den Wahlen, wurde von der Mehrheit der Aegyptern grundsaetzlich abgelehnt.

    So gross war der Ausmass der Ablehnung, dass die "Revolutionaere" den Platz am 29.07 verlassen mussten, um Platz fuer die Gegen-Protestler zu machen. Gleich danach loesten sie ihren Sitzstreik aus. Ihre Ueberrreste wurden von der Polizei Zwangshaft rausgeschmissen, waehrend die normalen Buerger einfach schauten und zwar die Sicherheitskraefte applaudierten.

    So ungeliebt sind die Agierer heutzutage unter den Aegyptern. Ah, und von Carlos Latuff habe ich uebrigens nie gehoert. So beruehmt unter den Aegyptrn ist er ueberhaupt nicht.

    Salam aus Aegypten

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  3. Carlos Latuff ist durch internationale Medien bekannt (u.a. Al Jazeera). Aus ihrem Kommentar schließe ich, dass Sie sich ungerne mit "Idioten" (also Politikern) und Aktivisten unterhalten. Selbstverständlich, dass man dann Carlos Latuff nicht kennt. Seine Arbeit ist schließlich auch politisch. Um die Bekanntheit seiner Person geht es ja auch nicht, sondern um den Universalismus von Freiheit. Für Freiheit sind sie doch auch? ;)

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