08.07.2011

Die Revolution zuerst: Vom Untertan zum Staatsbürger

 Von Daniel Roters

Seit dem Morgen des 8. Juli strömen Tausende Ägypter auf den Tahrir-Platz in Kairo. Es sind die größten Proteste seit dem Sturz Hosni Mubaraks und die Bilder ähneln denen aus dem Frühjahr. Stellte ich mir persönlich die Frage, ob es noch eine Revolution gibt, muss ich heute hier und jetzt sagen: Die Revolution lebt weiter.

Der Tahrir-Platz am Abend des 8. Juli.
Die Ägypter üben gerade Demokratie. Sie sind wachsam und jeder trägt seinen Teil dazu bei, das Land am Nil in eine bessere Zukunft zu bewegen. Es sind die alten Forderungen: Keine Militärtribunale mehr, Prozesse gegen die, die so lange vom System Mubarak profitierten, Bekämpfung der Armut, Bildung und politische Partizipation für eine seit über 30 Jahren geknechtete Gesellschaft.

Die Proteste wenden sich nun gegen die Militärregierung und gegen deren Vorsitzenden Feldmarschall Tantawi, der seit dem Sturz Mubaraks die Amtsgeschäfte des Landes führt. Es ginge nicht um die Armee selbst, sondern die Führer des Landes, die es versäumten, Gerichtsverfahren gegen Komplizen des ehemaligen Präsidenten anzustrengen und Reformen voranzubringen.

Wieder ist der Tahrir-Platz bevölkert von Ägyptern, die nicht nur demonstrieren und protestieren, sondern in Kommitees wieder eine Art Selbstverwaltung aufgebaut haben. Die Sicherheit der Demonstranten organisieren die Demonstranten selbst. Personen, die den Platz betreten werden kontrolliert. Mobile Lazarette bereiten sich auf die Versorgung Verletzter vor.

Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz hören
Ramy Essam, dem "Sänger der Revolution" zu.
Auch  auf dem Saad Zaghloul-Platz in Alexandria, in Tanta, in Ismailia, in Damietta, in Mahalla El Kobra, in Asyut, in Aswan und in anderen Städten versammeln sich Menschen auf den öffentlichen Plätzen und demonstrieren: Wir sind hier. Wir beobachten euch. In Sharm El Sheikh versammeln sich Menschen, um vor dem Krankenhaus zu protestieren, in dem Hosnii Mubarak behandelt wird. Geschätzte zwei Millionen Menschen im ganzen Land sind auf den Straßen, protestieren, diskutieren und knüpfen an die Proteste vom Frühjahr an.

In Suez strömten Menschen auf die Straßen und protestierten gegen die Freilassung von 10 Polizisten auf Kaution. Sie waren in Haft, weil sie für den Tod zahlreicher Demontranten während der Proteste im Frühjahr verantwortlich gemacht wurden.

Gingen wir davon aus, dass der Sturz Mubaraks ein historischer Moment war, so können wir nun sagen, dass der 8. Juli eine neue Marke gesetzt hat: Ägypter sehen es nun als ihre staatsbürgerliche Pflicht an, wachsam zu sein, zu protestieren, und für elementare Freiheitsrechte einzutreten.

Es geht nicht um Nahrung oder mehr Geld. Es geht um die Vorraussetzungen für eine Gesellschaft, in der staatsbürgerlich gehandelt werden kann und darf, um das Leben der Menschen zu verbessern. Es geht darum Ziele zu stecken und sie durch politische Partizipation zu erreichen. "Freiheit" und "Gerechtigkeit", das sind die Worte, die man an diesem Tage auf dem Tahrir-Platz vernimmt. Und die Demonstranten haben auch durchaus dedizierte Forderungen: Bereits gestern forderten demonstrierende Muslime und Christen die Einführung eines Gesetzes zur Einführung der Zivilehe, um sich scheiden und wieder verheiraten lassen zu können.

Proteste auch in vielen anderen Städten Ägyptens. Hier
demonstrieren die Bürger von Tanta.
Heute wie an keinem anderen Tag dieser lang andauernden Revolution symbolisiert der Tahrir-Platz die Zukunft der politischen Auseinandersetzung in Ägypten: Politische Parteien, auch die Muslimbruderschaft, Jugendkoalitionen, Gewerkschaften, Bürgervereinigungen, Angestellte der Universitäten, Christen und Muslime treten zusammen. Einen großen Sieg haben die Ägypter bereits errungen. Man hat erkannt, dass Demokratie auch bedeutet, Kompromisse einzugehen. Wollten die Muslimbrüder noch vor Tagen nicht an Protesten teilnehmen, stehen sie nun Seite an Seite mit anderen Interessengemeinschaften auf dem Tahrir-Platz.

Die ägyptische und libysche
Flagge zusammengeknüpft als
Zeichen der Solidarität.
Ein Gruß aus Kairo an die Palästinenser.
Doch die Ägypter stehen nicht für sich allein. Der Frühling 2011 hat ein neues Bewusstsein geschaffen, welches langsam aber sicher Untertanen zu Staatsbürgern werden lässt. Die Uhren können nicht mehr zurückgedreht werden. In der arabischen Welt rennt die Zeit in Richtung Verwandlung. Wir in Deutschland müssen uns damit abfinden, dass unsere Regierung schläft, während die arabische Welt erwacht. Wir schlafen nicht nur, sondern senden (un)missverständliche Signale an Menschen, die in Protesten in der ganzen arabischen Welt, um ihre Rechte kämpfen. Wird der deutsche Außenminister wieder auf dem Tahrir-Platz stehen, dann werden ihn Ägypter fragen, warum ausgerechnet Deutschland Panzer an Saudi-Arabien lieferte. Er würde wahrscheinlich nicht einmal antworten. In alter Manier schweigt die Kanzlerin und duckt sich weg.Wir in Europa resignieren, wenig solidarisch miteinander in diesen Zeiten. Solidarität wird auf dem Tahrir-Platz gelebt und manch ermunternder Gruß verlässt den Platz der Befreiung in Richtung Libyen, Bahrain, Syrien, in den Jemen und anderer Orte in der Welt, wo unbeobachtet von den Medien kleine Revolutionen große Ideale zurück in das Leben der Menschen bringen.

Nachtrag (00:45): In Suez haben Arbeiter und Demonstranten zivilien Ungehorsam angekündigt sollte die Militärregierung den Forderungen der Demonstranten nicht nachkommen.

05.07.2011

Frühling in Syrien (Folge 2)

Folge 2 einer Serie über den arabischen Frühling in Syrien. Frau Manstetten ist Studentin an unserem Institut. 
Von Paula Manstetten

Seit nunmehr über 100 Tagen ist Syrien von Unruhen erschüttert, von einer Revolte, von der derzeit wohl niemand mehr so recht glaubt, dass sie noch ein „gutes“ Ende nehmen könnte. Anlass zur Hoffnung gab, dass  am vergangenen Montag erstmals eine von der syrischen Regierung genehmigte Zusammenkunft von über hundert Oppositionellen in einem Damaszener Hotel stattfand (siehe http://english.aljazeera.net/news/middleeast/2011/06/20116283558545951.html und http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/offene-debatte-im-hotel/). Doch einmal mehr haben dieses Treffen, die Reaktionen der Medien und die der oppositionellen Gruppierungen gezeigt, wie komplex und unübersichtlich die Lage in Syrien ist. Zeigt die Tatsache, dass dieses Treffen zustande kommen konnte, dass sich die Opposition von der Regierung instrumentalisieren lässt? Oder kommt hier der Reformwille Baschar al-Assads zum Ausdruck, der sich bereit zeigt, auf die Forderungen der Opposition einzugehen? Jedenfalls gab es Proteste seitens einiger oppositioneller Gruppierungen, die zu keinem Dialog bereit sind, solange Baschar al-Assad nicht zurücktritt. Ebenfalls Proteste gab es von Unterstützern des Assad-Regimes. Die syrische Bevölkerung ist gespalten, die Opposition ist es auch.
***
An der ath-Thawra-Straße(=“Revolutions“straße) in Damaskus –
in der Mitte zu sehen ein Propagandaplakat, unterlegt mit der syrischen Fahne:
„JA zur gemeinsamen Anstrengung und Arbeit – NEIN zum Bürgerkrieg“
Während es ab Mitte März in zahlreichen syrischen Städten kleinere und größere Demonstrationen gab, die zum Teil blutig niedergeschlagen wurden und während bereits die Armee im Einsatz war, um weitere Proteste zu unterdrücken, erlebte ich Damaskus bis zum Ende meines Aufenthalts in Syrien (Ende April) als verhältnismäßig ruhig – unwirklich ruhig, könnte man vielleicht sagen. In gewisser Weise ist die Hauptstadt bis heute erstaunlich unberührt geblieben von der Art von Unruhen, die wir in den westlichen Medien zu sehen bekommen,  diese spielen sich dort in erster Linie in den Vororten oder in einzelnen Stadtvierteln ab, deren Grenzen sie nicht überschreiten. Solange ich in Damaskus war, schien die Revolte unwirklich fern, man hätte gar nicht gewusst, dass es sie gab, hätten die Medien nicht täglich die Unruhen in die Wohnzimmer  getragen, hätte sich nicht auf einmal das Straßenbild politisch aufgeladen.

Das Propagandaministerium leistete offensichtlich exzellente Arbeit, die von eifrigen regimetreuen Bürgern in Eigenregie multipliziert wurde. Der Wind der „Krise“ war in jedem Winkel von Damaskus angekommen, wenn auch auf ganz andere Art und Weise als durch Proteste: Am auffälligsten in Form von syrischen Flaggen und Portraits des Präsidenten in den Straßen, an Kreisverkehren, Bushaltestellen, in Geschäften, aufgeklebt auf Autos und Busse. Ein Großteil der normalen Werbeflächen, die sonst für Duschgels, Kaugummis und Ugarit-Cola warben, wurde nun genutzt, verschiedenste Propagandaplakate zu zeigen. Aus Musikgeschäften und Autos dröhnten nationalistische Lieder, in denen es immerzu um das geliebte Syrien und den geliebten Präsidenten ging, und im vormals als eher langweilig verschrienen Staatsfernsehen, das nun neuerdings anstelle des Senders al-Jazeera in vielen Haushalten, Geschäften, Imbissstuben oder beim Friseur lief, konnte man ebenfalls ständig Musik zur Stärkung des Nationalgefühls hören. Diese Propaganda sickerte mehr und mehr in den Alltag ein, es war unmöglich, ihr nicht ständig zu begegnen. 

„Wir sind alle mit dir“
Die Unruhen: „Eine Verschwörung aus dem Ausland“
Gleich nach meiner Heimkehr aus Latakia erlebte ich im Linienbus nach Damaskus die ersten Früchte der laufenden Propagandamaschinerie. Der Busfahrer hatte das Radio eingeschaltet, berichtet wurde von ausländischen Gruppierungen, die sich ins Land eingeschlichen hätten, um einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Das Radio sendete dann ein „Verhör“ mit einem dieser Verbrecher, doch klang es eher wie ein Interview, ein nettes Geplänkel, wenn man nur auf den Klang der Stimmen und die Sprache achtete. Inhaltlich hatte es das Gespräch in sich. Der Betreffende „gestand“, er sei aus Ägypten, sei dort an der Revolution beteiligt gewesen und nun nach Syrien gekommen, um das Land zu destabilisieren. Er habe außerdem die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ob er schon einmal in Israel gewesen sei? „Ja, so etwa drei Mal…“. Er verkörperte insofern fast alle syrischen Feindbilder in einem – es hätte nur noch gefehlt, dass er sich als radikaler Muslimbruder ausgegeben hätte.

Obwohl Präsident Baschar al-Assad mittlerweile immer wieder erwähnt, es gebe ja durchaus Forderungen nach Reformen, die eine gewisse Legitimität hätten, werden Regierung und syrische Staatsmedien bis zum heutigen Tag nicht müde, alle Unruhen auf eine hinterhältige Verschwörung zu schieben. Die zahllosen Todesfälle, die auch die syrischen Medien nicht allesamt totschweigen können, werden zum Ergebnis der Brutalität bewaffneter Gruppen erklärt, die angeblich wahllos auf Passanten schießen und Sicherheitskräfte und Soldaten töten. Von den Protesten in vielen Städten und deren blutiger Niederschlagung berichten die Staatsmedien freilich nicht, wohl aber al-Jazeera, al- ‘Arabiyya, BBC etc., alles Sender, die man in Syrien empfangen kann und die, bevor der Arabische Frühling Syrien erreicht hatte, weit häufiger eingeschaltet wurden als die Staatsmedien.

Ich selbst amüsierte mich anfangs noch über den schier unerschöpflichen Erfindungsreichtum der Presse. Ich dachte, diese Verschwörungstheorie hätte lachhaft erscheinen müssen, weil mir der Zusammenhang zwischen der tunesischen und ägyptischen Revolutionen und dem syrischen Aufbegehren gegen die Diktatur offensichtlich erschien; weil staatliche Medien dafür bekannt sind, Propaganda zu verbreiten. Doch verging mir das Lachen bald, als ich feststellte, dass ein Großteil meiner Bekannten und Freunde genau an diese Verschwörung glaubte und mir immer wieder erklärte, man müsse nun als Nation zusammenhalten. Sie hatten dementsprechend ein ganz anderes Bild von den Geschehnissen, als wir es im Westen vermittelt bekamen. Dass Menschen, die dem Regime ohnehin kritisch gegenüber stehen, den syrischen Medien kein Wort glauben, versteht sich von selbst. Aber all die, die aus welchen Gründen auch immer auf Seiten der Regierung stehen oder neutral und unpolitisch sind, sind leicht von dieser Propaganda beeinflussbar.

Ich musste die ganze Anti-Oppositions-Propaganda nicht nur durch die Nachrichten, sondern auch aus dem Mund meiner Freunde hören – man kann sich vielleicht vorstellen, wie belastend das für mich war, hatte ich doch anfangs mit vielleicht etwas blinder Hoffnung auf die Proteste geblickt, die mit unglaublichem Mut und Zähigkeit mehr Freiheit forderten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal, die Verschwörungstheorie mit all ihren Auswüchsen würden „nur die Allerdümmsten“ glauben, auf ARTE hieß es, „das ganze syrische Volk“ lehne sich nun gegen Assad auf. Ich wünschte, es wäre so einfach, denn dann wäre die Krise in Syrien vielleicht bereits gelöst.

Wer sollten eigentlich diese Verschwörer sein? Die an sich leere Aussage „bewaffnete ausländische Gruppen“ wurde vielleicht absichtlich unbesetzt gelassen bzw. mit ganz unterschiedlichen Inhalten gefüllt, Medienpropaganda mischte sich mit Gerüchten und Halbwahrheiten. Am Werk sah man u.a. Israel, die USA (bzw. den „Westen“), den Libanon, Saudi-Arabien, Muslimbrüder und Kurden.

Israel eignet sich in Syrien natürlich bestens als Feindbild, ebenso die USA. Da passte es wunderbar, als sich herausstellte, dass die USA wohl schon seit 2006 die syrische Opposition finanziell unterstützten, wie Mitte April durch WikiLeaks öffentlich wurde (http://www.washingtonpost.com/world/us-secretly-backed-syrian-opposition-groups-cables-released-by-wikileaks-show/2011/04/14/AF1p9hwD_story.html). Diese Unterstützung wurde (irgendwie natürlich auch zu recht) als direkter Angriff auf das Regime Assads gewertet. Als Barack Obama nach dem sog. „Karfreitagsmassaker“ die Gewalt in Syrien aufs Schärfste verurteilte, sandte das syrische Fernsehen in Dauerschleife, eine offizielle Quelle habe verlauten lassen, Obamas Aussage beruhe nicht auf einer objektiven Einschätzung der Lage. Überlegungen zu Sanktionen und zur Möglichkeit eines direkten Eingreifens in Syrien waren dann Wasser auf die Mühlen der syrischen Staatsmedien, die hierin die Bestätigung für ihre These sahen, dass die USA, ja der gesamte Westen es sich zum Ziel gesetzt habe, Assad zu stürzen.

Über die Anfänge  der Unruhen in Der’a kursierte u.a. folgendes Gerücht: ein dort ansässiger Stammesverband,  der sich enger mit seinen Stammesgenossen in Saudi-Arabien verbunden fühle als mit dem Staat Syrien, sei von Saudi-Arabien aus finanziell unterstützt worden, um Unruhen in Syrien zu schüren. Syrien pflegt traditionell enge Kontakte zum schiitischen Iran und zur schiitischen Organisation Hisbollah im Libanon – was dem sunnitisch geprägten Saudi-Arabien zweifelsohne mehr als nur ein Dorn im Auge ist, diese Tatsache machte die Geschichte in den Augen vieler plausibel.

Auch den Muslimbrüdern, die in Syrien seit Jahrzehnten aufs Schärfste verfolgt werden, schob man die Schuld an den Unruhen in die Schuhe. Diese Unterstellung spielt mit den Ängsten vor der Erstarkung radikal-islamischer Kräfte, die in einem multireligiösen Land wie Syrien natürlich besonders groß sind. Man muss allerdings sagen, dass sich Muslimbrüder bzw. tendenziell mit den Muslimbrüdern sympathisierende Syrer tatsächlich vergleichsweise stark an den Protesten zu beteiligen scheinen. Das legen verschiedene Videos, Flugblätter und gelegentliche Jihad-Aufrufe nahe. Früh wurde auch bekannt, dass der Administrator einer der Facebook-Gruppen der Opposition ein Muslimbruder ist, der sich in Schweden befindet. Was auch immer das konkret bedeuten mag – solche Details sind es leider, die das Bild der Opposition unter den bisher unbeteiligten Syrer mitprägen.


Tishreen-Zeitung von 14.4., Titelblatt:
„…terroristische Geständnisse: „Wir wurden von
ausländischer Seite mit Geld und Waffen ausgestattet,
um Sabotageakte in Syrien durchzuführen.“
Um die Verschwörungstheorie zu untermauern und gleichzeitig das aktive Vorgehen der Regierung gegen diese Bedrohung unter Beweis zu stellen, publizierten Zeitungen und Fernsehen immer wieder Bilder von gefassten „Terroristen“, deren Waffen- und Geldlagern. Auf dieser Schiene konnten dann auch die zahlreichen Festnahmen von Protestierenden insbesondere in den letzten zwei Monaten erklärt werden – es handele sich schließlich um mutmaßliche Terroristen. Auch aus Der’a hieß es offiziell, die Armee habe dort Jagd auf
Terroristen gemacht.

Nun ist es tatsächlich so, dass im Laufe der Proteste auch immer wieder Angehörige des Geheimdienstes, Soldaten und Offiziere zu Tode gekommen sind. Die große Frage ist nur, wie. Wie die Opposition, die jeden ihrer Toten als „Märtyrer“ bezeichnet, nannte die Presse diese Offiziere ebenfalls „Märtyrer“: gestorben im Kampf für das Vaterland. Sie wurden feierlich beigesetzt, Bilder der Begräbnisse füllten ganze Titelseiten der Zeitungen.

“The family of the martyrs expressed pride of their sons
who sacrificed their lives for the sake of defending the
Homeland's unity and stability. The martyrs' fellow colleagues
stressed their determination to confront the terrorist groups
which attempt at sabotaging the country in order to restore
security and calm and proceed with the reform process.”

 (so auf der Seite der Syrian Arab News Agency SANA)
Kurzmeldungen über Märtyrer aus der Armee kehrten im Radio in Dauerschleifen wieder. Als Täter beschuldigt wurden neben den üblichen bewaffneten Gruppierungen auch gewalttätige Demonstranten. Die Opposition hat derweil ein ganz andere Erklärung parat, die, sollte sie stimmen, wirklich schockierend ist: Diese Soldaten hätten sich geweigert, auf Demonstranten zu schießen, und seien daher exekutiert worden. Mittlerweile geht man davon aus, dass es tiefe Zerwürfnisse innerhalb der Armee gibt, ganze Einheiten dazu bereit sind, zu desertieren, wenn sich die Möglichkeit bieten sollte.
Wir wissen aber weiterhin nichts genaues; dass vereinzelte oppositionelle Gruppierungen sich bewaffnet haben und gegen die hart durchgreifende Armee kämpfen, scheint auch nicht ausgeschlossen zu sein, obwohl das wohl eher die Ausnahme ist. Das Problem ist wirklich, dass Syrien keine ausländischen Medien in die Orte lässt, in die die Armee einmarschiert ist, um „Jagd auf Terroristen“ zu machen.  Eine unabhängige Berichterstattung ist völlig unmöglich – damit müsste die Regierung natürlich eigentlich all ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Aber sie hat auch hier eine medienwirksame Strategie gefunden: Die ausländischen Medien seien von den Verschwörern instrumentalisiert, um das Chaos im Land zu vergrößern, berichten die Staatsmedien.

Im Krieg mit al-Jazeera

Propagandaplakate gegen
Al Jazeera
Wie schon zuvor in anderen arabischen Ländern, schlug sich der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera auf die Seite der Protestierenden. Insofern war seine Berichterstattung natürlich auch nicht mehr frei und „objektiv“, sondern hatte das Ziel vor Augen, auch in diesem Land den Sturz des Regimes voranzutreiben. Pro-Assad-Demonstrationen fanden dementsprechend kaum Beachtung oder wurden als „vom Regime erzwungen“ abqualifiziert, während aus all dem Videomaterial der Opposition oft nur die drastischsten und schockierendsten Szenen ausgesucht wurden. Al-Jazeera verleiht der Opposition eine laute Stimme, das ist sicherlich zu begrüßen.  Die Frage ist nur, ob es mit dieser Strategie gelingen kann, mehr und mehr Menschen aus der syrischen Bevölkerung gegen die Regierung zu mobilisieren. Denn die Staatspresse begann bereits sehr früh mit einer regelrechten Hetzkampagne gegen al-Jazeera, die nicht wirkungslos blieb.
Neben diesen Plakaten, die gegen den Sender verbreitet wurden, wurden immer wieder Demonstrationen vor al-Jazeera-Büros organisiert. Das syrische Fernsehen war fleißig damit beschäftigt, einzelne Berichte von al-Jazeera auseinander zu nehmen und als Lügen zu „entlarven“. Es wurde dann gezeigt, wie der Sender mit Hilfe von Fotoshop Bilder und Videos fälsche, alte Videos oder Videos aus anderen Ländern als Dokumente für die Ereignisse in Syrien verwende, Fake-Interviews sende (alles Methoden, mit denen wahrscheinlich gerade die Staatsmedien schon viel Erfahrung gesammelt haben!). Von hier war es nur ein kleiner Schritt dahin, zu behaupten, al-Jazeera sei mitverantwortlich für das Chaos im Land, sei Mittäter der Verschwörung. Es kann der syrischen Opposition nur schaden, wenn dann gelegentlich herauskommt, dass einige in Umlauf gebrachte Foltervideos tatsächlich aus dem Irak stammten oder dass die engagierte Bloggerin „A gay girl in Damascus“ tatsächlich ein 40jähriger Amerikaner war, der unter einem Pseudonym schrieb (http://www.washingtonpost.com/lifestyle/style/a-gay-girl-in-damascus-comes-clean/2011/06/12/AGkyH0RH_story.html).

(Selbst-)Darstellung  Baschar al-Assads in den Medien

Eine Gruppe auf Facebook:
„Die syrische Revolution
mit Baschar al-Assad“.
Derartige Gruppierungen schreiben sich
Assads vorgeblichen Reformwillen
auf die Fahnen und sehen hierin
die „richtige“ Revolution.
Das Bild von Assad, wie es die Staatsmedien darstellen, unterscheidet sich natürlich erheblich vom Bild des „Schlächters“, der „auf Demonstranten schießen lässt“ und der „seine Bluthunde auf die Opposition loslässt“, wie es in den westlichen Medien präsent ist. In den syrischen Medien zeigt sich Assad als jemand, der stark und entschlossen gegen die Verschwörung kämpft und der „sein Volk“ bittet, ihm den Rücken zu stärken. Gleichzeitig betont er seinen Willen zu Reformen und seine Bereitschaft, gegen Korruption und Arbeitslosigkeit aktiv zu werden.


Wenn die westlichen Medien berichten, Assad lasse seine Gegner brutal niederschießen, hört man im syrischen Fernsehen, dass der Präsident selbst immer wieder ein Ende des Blutvergießens gefordert habe und erklärt habe, er verbiete den Sicherheitskräften unter allen Umständen, auf friedliche Demonstranten zu schießen. Die Armee sei dagegen eingesetzt worden, um die Bevölkerung vor den terroristischen bewaffneten Gruppierungen zu schützen.
Am 30. März hielt Assad seine erste Rede seit Beginn der Unruhen. Sie wurde live übertragen und ich sah sie zusammen mit zwei syrischen Freunden. Es  ist lohnend, sich diese Rede einmal in Ausschnitten anzusehen. (Auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=LUkrS5d23JE&feature=fvst – Die komplette Rede in englischer Übersetzung ist hier nachzulesen: http://www.sana.sy/eng/21/2011/03/30/pr-339334.htm).  Gleich zu Anfang stellte sich das Gefühl eines seltsamen Kontrasts zwischen Assad und seinen Zuhörern ein. Von den anwesenden Abgeordneten standen immer wieder einzelne auf und unterbrachen ihn in seiner Rede, um in übertriebenem Pathos Lobeshymnen auf ihn und nationalistische Gedichte vorzutragen. Im Vergleich zu diesen Abgeordneten wirkte Assad verständig und bedacht, gespielt locker. Er machte Witze, lachte selbst am lautesten über sie, dann gab er „freimütig“ zu, sich mit den Reformen – an denen man ja seit Jahren arbeite – „etwas“ verspätet zu haben. Man kann es leider nicht anders sagen: Wenn man ihn so sieht, ist es schwer, sich ihn als blutrünstigen Schlächter vorzustellen (was nicht heißt, dass er nicht trotzdem einer sein könnte).

Vielmehr habe ich zunehmend den Eindruck, dass er doch weit weniger Macht hat, als man annimmt, die Fäden also – möglicherweise mit seinem Einverständnis – hinter seinem Rücken gezogen werden. Die Familienstrukturen und die Machtverteilung im  Assad-Clan dürften recht kompliziert sein. Die Tatsache, dass Assad vielleicht ein Schwächling ist, spricht ihn aber von keiner Verantwortung frei – er ist und bleibt das Sinnbild dieser Diktatur. Am Abend nach der Fernsehansprache war auf al-Jazeera und in den meisten westlichen Medien zu lesen, das syrische Volk sei enttäuscht von dieser Rede, da Assad nur wage Versprechungen gemacht habe und zudem angekündigt habe, hart gegen jegliche Opposition durchzugreifen. (Die Reaktionen der Medien auf seine zweite und kürzlich auf seine dritte Rede waren übrigens in etwa dieselben). Mein Eindruck war ein ganz anderer. Meine Freunde waren zufrieden mit Assads Rede, beruhigt und optimistisch, dass die Unruhen nun bald vorüber sein würden.

In meinem Bekanntenkreis blieb das Bild von Assad auch weiterhin durchweg positiv. Schließlich erfüllte er augenscheinlich einige Forderungen der Opposition, indem er die Notstandsgesetzgebung aufhob und ein Gesetz verabschiedete, das Demonstrationen erlaubt. Dazu muss ich auch sagen, dass Syrer mir mehrfach sagten, sie hätten nie zuvor von diesem Ausnahmezustand gehört. Er betraf nur diejenigen, die sich politisch engagierten, unpolitische Menschen bekamen von ihm nichts zu spüren. „Sie haben den Ausnahmezustand aufgehoben, aber genau jetzt erleben wir doch einen Ausnahmezustand“, sagten manche.

***

Die Tatsache, dass Teile der syrischen Krise sich auch auf der Ebene der Medien abspielen, ist meiner Meinung nach zentral, will man auch nur annähernd verstehen (oder eher erahnen), was sich derzeit in Syrien abspielt. Und zwar „abspielt“ nicht im Sinne harter Fakten, sondern bezogen auf das Lebensgefühl der „normalen“, nicht unbedingt direkt betroffenen Menschen, ihre Ängste, ihre Einstellung zur Regierung und zur Opposition. Entscheidend für die weitere Entwicklung in Syrien wird neben dem Durchhaltevermögen der Opposition und der Positionierung der syrischen Armee eben auch die Tendenz der öffentlichen Meinung sein. Diese wird neben eigenen Erfahrungen vor allem durch die Medien geprägt, und da die „Wahrheit“ über die aktuellen Geschehnisse nicht greifbar ist, sind es die Konstruktionen der Wirklichkeit durch die Medien (und natürlich auch durch Gerüchte und Mund-zu-Mund-Propaganda), die die Stimmung in der Bevölkerung beeinflussen. Bevor wir nun, in unserer Ach-so-Aufgeklärtheit, all die Syrer auslachen, die der Version der von der Regierung gesteuerten Staatsmedien glauben, denen wir ja nachsagen würden, dass sie grundsätzlich lügen, sollten wir uns vielleicht fragen, wie oft wir selbst die Nachrichten, die wir hören, hinterfragen. Ich kann nur jedem raten, einmal die Website der syrischen Nachrichtenagentur zu besuchen (http://www.sana.sy/index_eng.html  ) und die Wirkung dieser suggestiven Berichterstattung am eigenen Leib auszutesten.

30.06.2011

Ägypten: Lang lebe die Revolution?

Über die neu entflammten Proteste in Kairo, ihre Hintergründe und ein Schlag von Ereignissen und Absurditäten.

Von Daniel Roters

Menna Gad ist 22 Jahre alt und in Kairo für den DAAD tätig. Am 28. Juni will sie nach Hause gehen. Sie weiß nicht, dass Sie wahrscheinlich Zeugin des Anfangs neuer blutiger Proteste ist. Genau fünf Monate nach den schweren Straßenkämpfen vom Januar geht Sie vom Stadtteil Agouza in Richtung ihres Hauses. Gegen 19 Uhr beobachtet sie am Al-Balloon Theater circa 200 Menschen. Es ist Geschrei zu hören. Die Situation scheint angespannt.

Viele Beobachter sind sich einig: Diese von Menna beobachtete Szene war der Anfang der blutigsten Auseinandersetzungen seit dem Sturz Hosni Mubaraks. In Agouza hatten sich zuvor Familien vieler Todesopfer der Revolution getroffen, um der Toten zu gedenken. Man trauerte auch um das jüngste Opfer: Mahmoud Khaled (24) war am 28. Januar - dem Tag des Zorns - wie viele andere Ägypter auf der Straße, um für ein besseres Ägypten zu demonstrieren. Die Staatsmacht griff ein und hunderte Menschen verloren ihr Leben, tausende wurden verletzt. Sicherheitskräfte schossen dem jungen Mann in den Kopf. Eine Staatskarosse überollte ihn und Polizisten zertrümmerten ihm die Beine, bevor man ihn in Sicherheit bringen konnte. Schließlich lag er mehrere Monate im Koma und starb am 27. Juni an den Folgen der Schussverletzung. Es wurden Stimmen der Angehörigen und Freunde eingefangen, die vor dem Kasr Al-Aini Hospital Mubarak und den den Ex-Innenminister Habib Al-Adly für den Tod des jungen Mannes verantwortlich machen.

Glaubt man vielen übereinstimmenden Berichten, dann wurde der Trauerzug am Abend des 28. Juni von Schlägern angegriffen. Die Polizei soll eingegriffen und ausgerechnet Angehörige des Trauerzuges festgenommen haben. Schnell verbreitete sich der Vorfall, auch über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter. Wie die Situation vor Ort wirklich aussah, ist unklar. Jedenfalls wird unverhältnismäßig oft davon gesprochen, dass es so gewesen sein muss, wie oben beschrieben. Ein Bericht wird aber nicht wahrer, je öfter man ihn druckt. Ob die Polizei mit gutem Grund eingriff, Demonstranten grundlos festgenommen wurden oder Schläger die Gewalt schürten und die Polizei zum Eingreifen zwang ist definitiv nicht so eindeutig, wie es in den Medien dargestellt wird.

Es sind die alten geblieben. Ein aktuelles Bild, dass sich
durchaus auch auf den Januar datieren leiße.
Hunderte Menschen folgten den Aufrufen, in Richtung Tahrir-Platz zu marschieren. Die Polizei wollte die Demonstranten daran hindern, den Platz zu besetzen und setzte Tränengas und Gummigeschosse ein, um die Menge auseinander zu treiben. Das ägyptische Gesundheitsministerium gab bekannt, dass bis zur Stunde über 1000 Menschen bei den erneuten Protesten verletzt worden sind. Die Szenen erinnern an die Tage des Frühlings, die Zeit der schweren Kämpfe und der vielen Opfer. Für viele Ägypter ist es erschreckend, dass die Polizei mit den gleichen Methoden vorgeht: Auseinandertreiben, demoralisieren, Einzelne als Exempel misshandeln. Wieder bitten die Demonstranten um Lebensmittel, medinzinisches Material und Ärzte. Auf die Armee hoffen indes viele Ägypter nicht mehr. Auch Menna sagt, es sei naiv gewesen zu glauben, dass die Armee und das Volk eine Hand sind, die sich um das Land sorgt und kümmert und es erneuern will.

Gleichzeitig hat der Oberste Militärrat eine Stellungnahme auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Die Vorfälle, so der Militärrat, seien ein neuer Beweis für das Ziel, Ägyptens Sicherheit und Stabilität zu erschüttern. Die Drahtzieher versuchten das Blut der Märtyrer der Revolution zu verwenden, um Gräben zwischen dem Volk und dem Sicherheitsapparat zu schaffen.

Zu einer Fernsehansprache zu den Vorfällen durch Premierminister Essam Sharaf kam es nicht. Er ließ sich entschuldigen. Er sei auf dem Weg nach Äquatorialguinea, um dem 17. Gipfel der Afrikanischen Union beizuwohnen. Er wird dort General Tantawi vertreten, der seit der Machtübernahme des Militärs die Funktion des Staatschefs in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Militärrates ausfüllt.

Die Zeltstadt auf dem Tahrir-Platz im Freudentaumel.
Am 11. Februar 2011 tritt Hosni Mubarak nach einer
30-jährigen Präsidentschaft zurück.
In der folgenden Nacht wurde der Tahrirplatz wieder bevölkert von tausenden Ägyptern, die sich an die Zeit erinnerten, als sie dort in einer Zeltstadt lebten. Sie hatten eine eigene Administration, eigene Gesetze, eigene Zeitungen und veranstalteten Diskussionsrunden und kulturelle Events und bewegten mit ihrer Standhaftigkeit Hosni Mubarak zum Rücktritt.

Diese und die nächsten Tagen werden wieder turbulente Tage für Ägypten. Die Nachrichten überschlagen sich. Jede Meldung über die Verzögerung von Prozessen gegen die Verantwortlichen der Tötungen von Demonstranten wird mit neuen Streikaktionen beantwortet. So hatte Anfang der letzten Woche die Vertagung des Prozesses gegen Ex-Innenminister Al Adly zu Tumulten vor dem Gericht geführt. Al Adly wird vorgeworfen, für die Tötung von 800 Menschen während des 18-tägigen Aufstandes verantwortlich zu sein, der zum Sturz Mubaraks führte. Das von der Administration kristisierte unverhältnismäßige Verhalten der Polizei in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni bewegt immer mehr Menschen dazu, wieder in Richtung Tahrir-Platz zu gehen. Tahrir heißt Befreiung und diese haben die Demonstranten vor Augen. Die Ägypter wollen ihr Land zurück.

Aktuelle Bilder: Ein Demonstrant sucht Deckung
Man kann nur mutmaßen, welche Elemente in Ägypten für die neuen Unruhen verantwortlich zu machen sind. Richtig ist, dass viele Ägypter nun wieder die Polizei im Visir haben. Sie soll nach dem Willen vieler Ägypter, ähnlich wie die Staatssicherheit, völlig umstrukturiert werden. Amr Gharbeia, ein Mitglied einer ägyptischen Initiative für Persönlichkeitsrechte ist der Meinung, dass der Polizeiapparat sofort hätte aufgelöst werden müssen. Die Polizei sei neben der Staatssicherheit das Hauptmittel der Unterdrückung durch Mubarak gewesen. Der derzeitige Minister für Kultur Emad Abu Ghazy geht davon aus, dass ehemalige Günstlinge Mubaraks die Fäden in der Hand halten und nun gezielt Gewalt schüren wollen. Andere sind der Ansicht, dass die gerichtlich verordnete Auflösung der Amtsgerichte in Ägypten, deren Bedienstete ausschließlich der Partei Mubaraks angehörten, zu den neuen Unruhen führte.

Einige aussichtsreiche Präsidentschaftskandidaten äußerten sich ebenfalls. So verlangte El Baradei eine Erklärung durch den Militärrat. Es stünde die Frage im Raum, warum Polizeikräfte Gewalt gegen Demonstranten einsetzten. Amr Moussa schrieb über Twitter: "Ich rufe jeden dazu auf, Ägyptens Stabilität, das Ansehen des Landes und die Revolution zu schützen. Das Blut der Märtyrer soll nicht umsonst geflossen sein."

 Abu El Fotouh, Generalsekretär der Vereinigung Arabischer Ärzte und ehemaliges Mitglied der Muslimbrüder verurteilte die Gewalt gegen die Demonsranten und forderte den Rücktritt des amtierenden Innenministers Mansour Al Essawy. Gruppen der Jugendbewegung fordern Prozesse gegen verantwortliche Polizisten und die Entlassung des Polizeichefs von Kairo.

Viele Beobachter sind sich einig darüber, dass es der Übergangsregierung unter Premierminister Essam Sharaf nicht gelungen sei, diese Phase des Übergangs zu bewältigen und eine Aufarbeitung der politischen und gesellschaftlichen Missstände in Ägypten zu betreiben.

In der Tat gibt es keine Programme, keine Diskussionen über Inhalte und wenn sie geführt werden, dann sind sie überschattet von Misstrauen. Die Ursachen der neuen Unruhen sind nicht in den Details zu suchen. Sicherlich sind alle Erklärungsansätze Teil der Ursache. Letztendlich aber muss geklärt werden, welche Befugnisse die Polizei durch den Militärrat erhält. Sollte der Militärrat verantwortlich sein für den massiven Polizeieinsatz, dann wäre es möglich, dass die Militärregierung unter allen Umständen verhindern wollte, dass die durch Jugendorganisationen für den 8. Juli angekündigten Proteste in ähnlicher Intensität stattfinden wie die Proteste des 25. Januar, die den Anfang der Revolution markierten.

Nach dem Fußballspiel trafen sich Fans und Demonstranten
am Mittwochabend auf dem Tahrir-Platz
Es mangelt an Ernsthaftigkeit bei allen Beteiligten. Während sich innerhalb der Jugendorganisationen Rangeleien um öffentliche Auftritte ergeben und ein ungeahnter Narzismus zu Tage tritt, übt sich die Übergangsregierung in Kosmetik: Brot und Spiele für das Volk, wenn kurzfristig entschieden wird, dass das Kairoer Fußball-Derby Ahly gegen Zamalek nun doch am Mittwochabend stattfinden sollte. Während Demonstranten auf dem Tahrir-Platz ihre nächsten Aktionen planen, die Polizei die Stellung hält und die Arme zusieht, spielen Ahly und Zamalek 2:2. Herzlichen Glückwunsch!

Essam Sharaf reist zum Gipfeltreffen der Afrikanischen Union. Dort habe er eine wichtige Rede zu halten, um die Interessen des palästinensischen Volkes zu untermauern. Was ist mit den Interessen des ägyptischen Volkes? Eine neue Art von Patriotimus, die ich nicht verstehe? Viele waren froh, dass Sharaf das Amt des Ministerpräsidenten übernommen hatte. Er hatte den Demonstranten noch Monate zuvor Mut gemacht. Heute stellt sich Ernüchterung bei den Demonstranten ein.

Die Armee surft auf Facebook und die Gerichte, die heute ein Urteil im Fall des durch Polizisten zu Tode gefolterten Khaled Saeed fällen sollten, vertagen den Urteilsspruch einfach auf den 24. September.

Eine weitere Absurdität "im Namen des Volkes": Samir Abdel Mageed verlor am 28. Januar während der Proteste ein Auge. Polizisten hatten ihn beschossen. Das zuständige Gericht verurteilte das Innnenministerium 50.000 ägyptische Pfund (ca. 5785 Euro) an den Mann zu zahlen. 25000 Pfund habe der Mann an Arztkosten aufbringen müssen und 25000 Pfund stünden ihm als Schmerzensgeld zu. Das Opfer selbst hatte 5 Millionen Pfund gefordert. Ach, ich vergass: Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton gab heute bekannt, dass man wieder intensiver mit den ägyptischen Muslimbrüdern spreche. Zeiten ändern sich...

Man sollte sich auch in Erinnerung rufen, dass zur Stunde Demonstranten verhaftet werden und ohne Verfahren einen mehrtägigen Arrest in einem Militärgefängnis ausitzen müssen. Täter der meisten Übergriffe auf Demonstranten sind frei und es gibt innerhalb des momentanen politischen Sytems in Ägypten keine Instanz, die dies korrigiert.

Übrigens, sollten Sie ägyptische Bockshornkleesamen zur Aufzucht von Sprossen verwenden, sollten Sie spätestens jetzt damit aufhören. Die stehen nähmlich nunmehr im Verdacht ein Heim für die gefährlichen EHEC-Erreger zu sein.


19.06.2011

Khaled Saeed - Die Toten mahnen die Welt

Ein Mahnmal vor dem ägyptischen Innenministerium gedenkt Khaled Saeed, einem Opfer der ägyptischen Polizeibrutalität.

Von Daniel Roters


Unendlich traurig war Umm Saeed als sie mir auf meiner Taxifahrt im September 2009 erzählte, dass sie nun auf dem Weg zum ägyptischen Innenministerium am Lazoghly-Platz sei. Ich verstand damals nicht sofort, was dies bedeutete. Heute – nach der Revolution –  kann ich sie verstehen: Den Ausdruck in ihren Augen und die Wahl ihrer Worte. Vorsichtig hatte sie mir im Taxi mitzuteilen versucht, dass sie von der Festnahme ihres Sohnes ausging. Huwa ragel siyasiy (Er war ein politischer Mensch), sagte sie in einem breiten Ägyptisch. Sie schien darüber nicht wirklich erfreut. Sie erzählte mir, dass er in der Universität ständig mit Leuten über Politik gesprochen hatte. Er hatte Freunde Verwandte und Bekannte dazu aufgerufen, aktiv zu werden, Missstände anzuklagen und persönlichen Umfeld den Wandel voranzutreiben.

Ich wusste nun: Hört man von einer Festnahme eines Bekannten durch die Staatssicherheit fährt man zum Innenministerium, um mehr Informationen um den Verbleib der Verschwundenen zu erhalten. Seit der Begegnung mit Umm Saeed war mein Blick geschärft. Plötzlich sah ich jedes Mal eine Reihe von Müttern, die auf ihre Söhne oder Töchter warteten. Jedes Mal auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, wie viele junge Menschen wohl in irgendwelchen Verhörräumen ausgefragt wurden, wie viele Eltern keinen Schlaf fanden.

In diesem Frühling waren es die Gebäude der Staatssicherheit und des Innenministeriums, die von den Demonstranten belagert wurden. Die Angst vor dem Unterdrückungsapparat war gebrochen. Die Hilflosigkeit der Massen verwandelte sich in einen Volkszorn, den der alternde Pharaoh unterschätzt hatte. Sie waren erzogen worden, untätig zu sein, unpolitisch zu sein, sich nicht in die Angelegenheiten der Staatsführung einzumischen. 

Wir sind in Alexandria. Es ist der 6. Juni 2010. Der 28-jährige Khaled Saeed sitzt in einem Internetcafé. Polizeioffiziere betreten das Café, zerren den jungen Mann auf die Straße. Auf dem Weg zum Polizeiauto schleudern die Polizisten den jungen Mann gegen Wände, schlagen auf ihn ein, stoßen seinen Kopf gegen die Stufen einer Treppe. Khaled Saeed wird buchstäblich zu Tode geprügelt. Die Polizei hatte ihn angeblich wegen Waffenbesitzes und Diebstahls verhaften wollen. Später wurden Zeugen gekauft, die Aussagen sollten, dass Khaled mit Canabis gehandelt habe. Personen aus seinem Umfeld sagen, dass Khaled belastendes Material besaß, welches durch die Polizei begangene Straftaten dokumentierte. 

Wir wissen heute nur, dass Khaleds Fall in ganz Ägypten Aufsehen erregte. Fotos, die die Leiche des Jungen zeigten, verbreiteten sich wie ein Virus im Internet und in den sozialen Netzwerken. Unser Blog berichteteüber die Umstände, die die Revolution in Ägypten antrieben. 

Khaled Saeed ist zu einem Symbol für die Protestbewegung geworden. Der Fall Khaled Saeed hatte den Menschen gezeigt, dass sie im Grunde genommen hilflos waren, würden sie nicht auf die Straße gehen und gegen die ungeheuerliche unmenschliche Behandlung der Landsleute durch ihre eigene Regierung protestieren, im Bewusstsein, dass dies lebensgefährlich ist.

In Tunesien markierte der Selbstmord des Mohamed Bouazizi aus Sidi Bouzid den Auftakt für den arabischen Frühling. In der Folge ließen viele Menschen während der Proteste ihr Leben. Die Stimme des Protests verbreitete sich: Erst in der kleinen Stadt Sidi Bouzid, dann in Tunis und schließlich in der gesamten arabische Welt.

Während der revolutionären Unruhen in Ägypten versuchten die Demonstranten systematisch die Symbole der Macht und die Zentren des ägyptischen Unterdrückungsapparates auszuschalten. Polizeistationen wurden angezündet und Gebäude der Staatssicherheit gestürmt, um Dokumentesicherzustellen, die die Systematik der Menschenrechtsverletzungen durch dasägyptische Regime beweisen sollten. 

Uns erreichten unheimliche Bilder aus unterirdischen Verließen, in denen hunderte von Menschen Platz gefunden haben mussten. Dort wurden sie gefoltert, gedemütigt, bedroht, vergewaltigt durch Männer in Uniform. Es wurde bekannt, dass die ägyptische Regierung systematisch Ressentiments zwischen Muslimen und Kopten befeuerte, um das eigene Handeln zu rechtfertigen.Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass der ägyptische Untersrückungsapparat das ägyptische Volk mit finanziellen und materiellen Mitteln aus dem Ausland drangsaliert hatte.

Mubarak ist Geschichte. Die Armee übernahm die Staatsgeschäfte, aber auch vertrauensbildende Maßnahmen, wie eine Medienoffensive (Sawtuna berichtete) und die Kooperation mit den Untersuchungen gegen Mitglieder des alten Regimes können nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung liegen. Hatte man noch während der Massendemonstrationen gerufen „Die Menschen und das Militär sind eine Hand!“, so stellen sie nun ernüchternd fest, dass sie im Grunde genommen am Anfang einer langen Zeit des gesellschaftlichen und politischen Wandels stehen.

Genau ein Jahr nach dem Tod Khaled Saeeds besprühten nun Aktivisten die Außenmauern des Innenministeriums. Zu sehen ist Khaled, sein Mund ausgespart. Dort wo der Mund sein sollte liest man:
Khaled Saeed starb am 6. Juni 2010 durch Polizeigewalt.
Er wurde nur 28 Jahre alt. (Foto: Hossam El-Hamalawy)
Wird mein Blut - durch deine Augen - zu Wasser werden? Wirst du mein blutbeflecktes Gewand vergessen?
Khaled Saeed mahnt die Menschen über den Tod hinaus. Es darf nicht alles umsonst gewesen sein, scheint er ausdrücken zu wollen.

Die Zeilen an den Wänden des Innenministeriums stammen aus einem Gedicht des Ägypters Ahmad Dunqul (1940-1983), der in seinem Gedicht „La Tusalih“ („Macht keinen Frieden“), geschrieben vor Sadats historischem Besuch in Jerusalem, die durch harte Kompromisse erzielte Friedensvereinbarung zwischen Israel und Ägypten vorausahnend.

Die Botschaft der Stifter dieses einfachen Mahnmals ist deutlich: Macht keinen Frieden mit diesem Regime! Doch wie kann die Gesellschaft geheilt werden? Misstrauen und Angst vor der Zukunft lässt die Akteure des Wandels in Ägypten in eine Lethargie verfallen, so scheint es. 

Im Folgenden das Gedicht von Amal Dunqul in englischer Übersetzung, die 2009 für das Center for Intercultural Dialogue & Translation im Rahmen eines Papiers über die Rolle der Dichtung für den interkulturellen Dialog angefertigt worden ist.


Do not Reconcile!
By Amal Dunqul


(1)
Would they grant you gold.
Should I gouge your eyes,
Fix two jewels in their place
Could you still see?
Such are not to purchase:
You and your brother, your memories of childhood,
Your sudden feeling of manhood,
Longing suppressed by bashfulness, when you hug him.
Silence…smiling at your mother's scold
As if... you were still children!
Your eternal reassurance:
That two swords are your sword
And two voices are your voice
That if you die:
The house has a god
The child a father
"Will my blood -- through your eyes -- turn to water?
Will you forget my blood-stained robe?"

Wear a brocaded one with my blood underneath?
Such is war!
It may burden the heart
But the Arabs' shame is behind
Do not reconcile!
Nor seek to hide!

(2)
Do not reconcile!
Not even for blood!
Make no conciliation!
Would they say a head for a head!
Is one head like another?
Is the stranger's heart like that of your brother?
Has he your brother's eyes?
A hand whose sword was yours…
Could it even that whose sword bereaved you?

They would say:
We've come to you to spare blood
We've come, - O prince -  be our judge
They would say:
Now we're cousins.
Tell them: they trod on their cousinship to those they killed
And plant the sword into the front of the desert
Till echo repeats
That for you I was
A knight,
A brother,
A father,
And a king!

(3)
Make no conciliation…
If you're denied sleep by screams of remorse
And retain …
If women in black with their children bereft of smile soften your heart
That "El-Yamama" your niece
Is a flower, in her youth,
Garbed in a mourning dress
She used to run down the palace stairs
On my return,
And on my coming down hold my legs…
I lift her – while she smiles- on the back of the horse.
Here she is…silent
The hand of treason
Has deprived her of hearing her father's words,
Wearing the new dress,
Having one day a brother,
Or in her wedding a smiling father
To whom she returns when the husband is mad at her,
And to whose arms, his grandchildren race
To get their presents,
To pull the turban,
And to mess up his beard.

Do not reconcile!
This dove (El-Yamama) has committed no guilt
To suddenly see the burning nest
While she rests on the ashes!

(4)
Do not reconcile!
Would they crown you a prince
How could you step on the body of your father's son?
And on faces of fake joy…
Become a king?
How could you look in the hands you shake
Without noticing blood in every hand?
An arrow that caught me from behind …
Will catch you from a thousand sides
For blood has now become a badge of honor.
Do not reconcile!
Would they crown you a prince
Your throne is a sword,
And false is your sword
Shouldn't you, with its wisp, weigh moments of honor
And in luxury find rest.

(5)
Do not reconcile!
Should those who waver in battle say
" … we can not bear swords unsheathe …"
When truth fills your heart:
Fire erupts when you breathe
And the voice of treason gets dumb
Do not reconcile!
No matter how many words of peace they speak
How could the lungs breathe in the foul breeze?
How could you look a woman in the eye…
If you know you can not shield her?
How could you, in love, be her knight?
Or for a newborn sleeping and waiting for a tommorow?
How could you dream or sing of future for a boy
Who grows up between your hands with a weary heart?
Do not reconcile!
Nor share with your murderers food
And with blood,
Your heart waters
The holy soil,
And your resting ancestors
Until the bones do answer you

(6)
Do not reconcile!
Should the tribe beseech you
By El-Galila's sadness
To be a foxy fellow
And show acceptance.
They would say:
Here you seek a long vengeance;
Now take what you can:
A little right…
In these few years
The revenge is not only yours,
But the coming generations' too
And tomorrow…
Someone will be born to put on the full armor,
And a sweeping fire,
to demand vengeance
And to help the truth to come into life
From the heart of impossibility
Do not reconcile!
Should they say it is only a device
Such is revenge
Its flame in the heart fades away
As seasons pass by
And with its five fingers remains sealed the hand of disgrace
Upon disgraced brows!

(7)
Make no conciliation, though stars may warn you
And fortunetellers make you a prophecy
I would have forgiven had I died…
Perplexed between right and wrong.
I was not an invader,
Never sneaked near their camps,
Nor hovered around their borders,
Never approached their vineyards
Their garden I never trod.
My murderer did not shout: "watch out!“
He walked with me …
Then shook my hand …
Then hoofed a little
But in the bushes he hid!
Then all of a sudden:
A shudder riddled me between two ribs…
My heart shivered - as a bubble - and slacked!
I braced myself up, till on my arms I weighed
I saw my cruel cousin
With a sordid face, maliciously satisfied
I had no spear
Nor an old weapon,
Nothing but my rage complaining of thirst.

(8)
Do not reconcile…
Till existence returns to its cycle:
Till …
To their orbits, return the stars
To their twitter… the birds
To their grains… the sands
And the murdered to his waiting child
All was ruined in a fleeting second:
Youth, family joy, horse neigh, guests hosting, the heart murmur when a bud in the garden withers, prayer for seasonal rain
The heart dodges when the bird of death hovers over the savage wild
All was ruined in a flagrant slide
And who murdered me is not a god
To have me killed by his will
Not grander than me… to take my life with his sword
Nor smarter…to finish me off with his sly fraud
Do not reconcile!
For it's only an accord between two rivals…
Unbroken by the honor of the heart
And that who murdered me is a mere thief
He stole the land before my eyes
As silence broke into a mocking laugh!

(9)
Do not reconcile!
Though all sheikhs against your sword may stand
With shadow men whose souls are cracked
Those who love sopped bread and meat
And surmounting slaves
Those whose turbans dangled on their eyes,
And their Arab swords have forgot chivalry years
Do not reconcile!
This desire shall be odd
In this age you're the sole knight
Others…are freaks!
Do not reconcile ...
Do not reconcile ...

31.05.2011

Frühling in Syrien


Von Paula Manstetten

Folge 1 einer Serie über den arabischen Frühling in Syrien. Frau Manstetten ist Studentin an unserem Institut.

Vor ein paar Tagen schrieb mir ein syrischer Freund: „Uns geht es gut, Gott sei Dank, hier ist alles wieder normal.“ Das mag auf den ersten Blick absurd klingen, bedenkt man, dass es in Syrien seit Beginn der Unruhen Mitte März eigentlich täglich Verhaftungen und Tote gab. Von mehr als 1000 Toten geht man derzeit aus, mindestens 8000 Menschen wurden verhaftet. Im Augenblick scheint weder ein Sturz des Regimes, noch ein Ende der Proteste in Sicht zu sein. 

Die hiesige Berichterstattung legt nahe, dass sich die Proteste auf das ganze Land ausgeweitet haben, und irgendwie stimmt das auch. Trotzdem sind die Demonstrationen, und das übersieht man leicht, lokal begrenzt auf einzelne Stadtviertel und Dörfer und haben nur wenige Städte, und auch nur zwischenzeitlich, mehr oder weniger gänzlich erfasst. Für diese Städte, so zum Beispiel für die südsyrische Stadt Der’a, in der die Protestbewegung gewissermaßen ihren Anfang nahm und in die am 24.04. die Armee einrückte, ist ein „Normalzustand“ freilich in unendlich weite Ferne gerückt. 

Vielerorts kann man aber weiterhin einen relativen Alltag erleben. Selbst wenn im Nachbarviertel Demonstranten und Sicherheitskräfte zusammenstoßen, kann es schließlich sein, dass man davon erst im Nachhinein durch die Medien, oder aber gar nicht erfährt. Ich selbst habe das mehrfach so erlebt, bevor ich Syrien Ende April auf Aufforderung des Auswärtigen Amtes verlassen habe. In meinem Nachbarviertel, Barzeh, wagten sich die Bewohner (darunter auch eine gute Freundin von mir) drei Tage lang nicht auf die Straße, da Sicherheitskräfte von den Dächern aus auf Demonstranten schossen. Ich hörte davon erst Tage später von meiner Freundin. Wie man die aktuellen Ereignisse in Syrien erlebt, hängt insofern gänzlich davon ab, wo man sich befindet und ob man Menschen kennt, die in irgendeiner Weise direkt betroffen sind: sei es als Demonstranten, als Angehörige von Todesopfern oder Inhaftierten oder eben auch als Sicherheitskräfte und Mitarbeiter des Geheimdienstes. 

Im Gegensatz zur ägyptischen Opposition, der es gelang, Millionen Bürger zu mobilisieren, gehen in Syrien „Tausende“, an Wochenenden auch mal „Zehntausende“ auf die Straße. Und die restlichen Syrer? Neben all denen, die die Ansichten der Opposition teilen, aber zu große Angst haben, um auf die Straße zu gehen, gibt es viele Syrer, die sich Ruhe und Ordnung zurückwünschen und ihren Präsidenten behalten wollen. Wie hier die Zahlenverhältnisse sind, lässt sich natürlich nicht wirklich einschätzen – wie wir überhaupt vor dem Dilemma stehen, eigentlich gar nicht zu wissen, was in Syrien genau passiert. Unabhängige Medien sind nicht mehr zugelassen und berichten nun zum großen Teil von libanesischen Dörfern nahe der syrischen Grenze aus, die Staatsmedien haben derweil die Protestbewegung zur bewaffneten  Verschwörung aus dem Ausland erklärt. 

Die Opposition stellt ununterbrochen Amateurvideos von Protesten und gewaltsamen Auseinandersetzungen ins Internet, die man u.a. über Facebook und Twitter verfolgen kann. Insbesondere der Nachrichtensender al-Jazeera hat sich von Beginn der Proteste an auf die Seite der Demonstranten geschlagen und sendet hauptsächlich eben solches Videomaterial. (Der Syrien-Live-Blog von al-Jazeera lässt sich unter der Adresse http://blogs.aljazeera.net/liveblog/syria verfolgen). Obwohl ich davon ausgehe, dass diese verwackelten und verpixelten Videos uns Dinge zeigen, die tatsächlich vorfallen, sind sie doch eben nur kleine Ausschnitte aus der Wirklichkeit. Überspitzt gesagt sieht ein al-Jazeera-Gucker das Land überrollt von einer Protestbewegung, die Freiheit fordert, ein Staatsmedien-Gucker sieht Syrien dagegen von ausländischen Mächten bedroht und von einem reformbereiten Präsidenten nach bestem Bemühen gegen diese Verschwörung beschützt. Wahrscheinlich gibt weder ersteres noch letzteres auch nur annähernd ein Bild davon ab, was tatsächlich geschieht. Vor allem aber habe ich immer mehr das Gefühl, dass es in einem Fall wie Syrien, wo uns (und auch den Syrern selbst) meist die harten Fakten fehlen, eben auch nicht mehr entscheidend sein kann, was diese harten Fakten sind. Viel mehr zählt dann der subjektive Eindruck, den der Einzelne von der Lage hat und was er aus diesem Eindruck für Konsequenzen zieht. Und wie so oft sehen die meisten Leute ja das, was sie sehen wollen. So wundert ein Satz wie „Hier ist alles wieder normal“ aus Syrien vielleicht auch nicht mehr. Es gibt immer so viele Wirklichkeiten, wie es Menschen gibt, die diese wahrnehmen. 

Nur unterscheiden sich diese Wirklichkeiten selten so sehr voneinander wie derzeit in Syrien. (Gründe hierfür gibt es zahlreiche, und eine besondere Stellung kommt wohl einer Art „Medienkrieg“ zu, den v.a. al-Jazeera und die Staatsmedien ausfechten. Hierum wird es in Folge 2 ausführlich gehen).

Dieser Tage steigt die Zahl der Todesopfer in Syrien zwar stetig, aber doch recht langsam, die Lage beruhigt sich also nicht eigentlich, eskaliert aber zumindest im Augenblick auch nicht. Gekocht wird auf vergleichsweise kleiner Flamme und vielerorts mag man in Syrien das Gefühl haben, das Leben sei zur Normalität zurückgekehrt. Ich denke aber doch, dass jeder Syrer weiß, dass es dort nie wieder sein wird wie vorher – das Undenkbare ist geschehen: die Macht des seit 40 Jahren herrschenden Assad-Clans ist in Frage gestellt worden, ein Schlag, von dem er sich, wenn überhaupt je wieder, nur schwer erholen wird. 

***

Eine „syrische Revolution“ hatte wohl niemand erwartet, selbst nach dem Umbruch in Tunesien und Ägypten nicht. In meinem Bekanntenkreis wurden die dortigen Ereignisse aufmerksam verfolgt. Vor allem bei der ägyptischen Revolte fieberten wir mit, klebten fast täglich stundenlang vor dem Fernseher, warteten gespannt auf angekündigte Reden Mubaraks, berauschten uns an diesem unglaublichen Gefühl der Macht der Masse, die man ununterbrochen live auf dem Tahrir-Platz sah. Die Witze, die über Mubarak kursierten, machten auch in Syrien die Runde, wenn sie auch eher hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Fast unvorstellbar blieb, dass es in Syrien zu ähnlichen Entwicklungen kommen könnte. Zu flächendeckend schienen die Überwachung der Bevölkerung und die brutale Unterdrückung jeglicher Opposition. Ich selbst weiß bis heute nicht, ob meine Freunde recht hatten, wenn sie mir rieten (und das auch schon lange vor den Protesten), auf der Straße und am Telefon, ebenso auch in Emails, niemals über politische Ereignisse, die Syrien betreffen, zu sprechen, im Internet bestimmte Seiten nicht zu besuchen. Obwohl ich mich dementsprechend sehr zurückhielt, blieb ein Rest Angst.  Ich erlebte zum ersten Mal dieses beklemmende und einengende Gefühl, mich nicht offen über Dinge äußern zu dürfen, die mich beschäftigten. Ich fühlte mich nicht direkt überwacht, aber wie in Benthams Panopticum reicht ja schon das Gefühl einer potentiellen Überwachung aus, um den Menschen in seinem Tun einzuschränken. Und etwas beunruhigte es mich doch, dass meine Eltern, wenn sie mich in den letzten zwei Monaten auf meinem syrischen Handy anriefen, immer wieder einen unbekannten Mann an die Leitung bekamen.
 
Baschar al-Assad und seine Frau
Zu groß schien auch der Rückhalt des Präsidenten Baschar Al-Assad in der Bevölkerung. „Unser Präsident ist gut, nur die Leute um ihn herum sind schlecht“, war das, was ich in letzter Zeit von vielen Bekannten und auch Unbekannten ungefragt zu hören bekam. Man kann sich hier angesichts der jetzigen Vorfälle kaum mehr trauen, so etwas zu sagen, aber: auf den ersten Blick ist er wirklich eine eher sympathische Erscheinung. Er wirkt eben genau wie das, was er eigentlich einmal war: ein Augenarzt, der in England studiert hat. Im Fernsehen sieht er aus wie ein strebsamer, harmloser Schuljunge mit schmalem Gesicht und kaum Kinn, nervös und aufgeregt, wenn er eine Rede halten muss. Auch sonst gibt er sich gerne volksnah: Freunde erzählten mir, man könne ihm manchmal im Park oder im Restaurant begegnen.



Ich selbst habe ihn einmal kurz vor Weihnachten im Damaszener Opernhaus erlebt, wo es ein unsäglich kitschiges Weihnachtsmusical der christlichen Gemeinden von Damaskus zu sehen gab. Er und seine bildhübsche Frau waren, so schien es zumindest, ganz ohne Sicherheitskräfte da, als sie in den Saal kamen, stand das gesamte Publikum auf und begrüßte sie mit tosendem Applaus. Die beiden nahmen diesen Applaus bescheiden und freundlich lächelnd und winkend entgegen. Meine syrischen Freunde hatten einen ganz seligen Blick…Und, das muss ich hier glaube ich doch betonen: diese Begeisterung schien mir absolut nicht gespielt, das ganze erschien mir eben nicht wie die gezwungene Hulderweisung eines durch und durch unterdrückten Volkes. Das mag freilich auch damit zusammenhängen, dass hauptsächlich Christen anwesend waren. Sie gehören zu einer der Minderheiten in Syrien, der es unter Assad stets verhältnismäßig gut ging.

Ganz abgesehen von seiner Ausstrahlung rechnet man Baschar al-Assad hoch an, dass es ihm gelungen ist, Syrien zu einem Land der „Sicherheit“ und „Stabilität“ zu machen – ob das wirklich sein Verdienst ist, sei einmal dahingestellt – und das inmitten zwischen den instabilen Nachbarländern Libanon und vor allem Irak (aus dem seit 2003 Hunderttausende Flüchtlinge nach Syrien kamen und Miet- und Lebensmittelpreise in die Höhe trieben) und trotz des angespannten Verhältnisses zu Israel, das noch immer Teile des Golan besetzt hält. Auch mit seiner (nach außen hin) harten Linie gegen Israel und seiner (zumindest rhetorischen) Solidarität, ja geradezu Verbrüderung mit Palästina – an jedem offiziellen Gebäude in Syrien hängen nicht nur syrische, sondern auch palästinensische Fahnen – fand und findet Baschar al-Assad  Zustimmung in vielen Teilen der Bevölkerung.


„Anzeige“ auf der Titelseite der Tishreen-Zeitung
vom 14.04.2011: „Gott ist mit dir…dein Volk ist mit dir -
Die Nation ist stärker als die Fitna (gemeint ist damit
hier der ausländischen Gruppierungen
zugeschriebene Versuch, Zwietracht zu säen) -
Syrien vereint uns - Sicherheit und Stabilität
sind unser Fundament.“


Ein weiterer Grund, warum eine Revolution in Syrien eher unwahrscheinlich schien, war, dass Armut, Arbeitslosigkeit und willkürliche Schikane, im Gegensatz zu Ägypten und Tunesien, noch nicht die kritische Grenze überschritten hatten. Ich muss allerdings dazu sagen, dass meinem Eindruck nach viele Syrer auch einfach nicht auf die Idee kamen, gewisse Probleme der Regierung zuzuschreiben. Das mag damit zusammenhängen, dass Politik stets ein Tabuthema war und dementsprechend der Grad der Informiertheit in der Bevölkerung eher gering war. Viele meiner syrischen Freunde lernen deutsch, englisch oder französisch und planen, nach Europa zu gehen – möglicherweise dauerhaft. Dort könne man besser leben und arbeiten. „Und warum nicht anschließend nach Syrien zurückkehren und sich bemühen, die Umstände dort zu verbessern?" war dann immer meine Frage. Ich glaube, kaum einer dieser Freunde würde auf die Idee kommen, hier eine Verbindung zu ziehen und seine schlechten Arbeitsaussichten der langsamen und korrupten Regierung zuzuschreiben. Das mag freilich nur für meinen Freundeskreis gelten, mit Verallgemeinerungen muss ich mich hier zurückhalten.

Dennoch war die syrische Regierung sichtlich beunruhigt, als es zu den Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen kam, und unternahm vorsorglich einige Schritte, wie um einem Protest den Wind aus den Segeln zu nehmen: YouTube und Facebook wurden legalisiert, Angestellte bekamen eine Lohnerhöhung „aufgrund der gestiegenen Heizkosten“, vor allem aber kündigte Baschar al-Assad am 31. Januar in einem Interview mit demWall-Street-Journal an, dass die Zeit für Reformen gekommen sei.
Es hat alles nichts geholfen – Syrien ist mitten in einem Umbruch begriffen. Doch gestaltet sich der, wie ja nicht anders zu erwarten, ganz verschieden von anderen arabischen Ländern. 

***

Dass in Syrien wirklich „etwas“ am Laufen war, bekam ich erst ca. 10 Tage nach Beginn der Unruhen zu spüren, und zwar in der Küstenstadt Latakia. Ich studierte zu dieser Zeit an der Universität Damaskus, war aber nun unterwegs auf einer kleinen Reise durch Syrien mit einem deutschen Freund. Wir hatten die Ereignisse über das Internet verfolgt, das Auswärtige Amt hatte bereits die übliche Warnung herausgegeben, sich von größeren Menschenansammlungen fernzuhalten. Aus irgendeinem Grund hielten wir jedoch Latakia für besonders sicher, wohl wegen seines sehr hohen alawitischen und christlichen Bevölkerungsanteils – von diesen Konfessionen war kaum Protest zu erwarten. 

Nun war Latakia auf einmal eine ganze Nacht lang (es war die Nacht vom 24. auf den 25.03.) ununterbrochenen von Autohupen und vom Krachen von Feuerwerkskörpern erfüllt. Am früheren Abend hatten wir noch gescherzt, es gäbe heute wohl außergewöhnlich viele Hochzeiten zu feiern. Gegen zwei Uhr nachts war ich so beunruhigt von diesem ohrenbetäubenden Lärm, dass ich im Schlafanzug auf die Straße vor dem Hostel lief und zwei Männer anhielt, die vorbeiliefen. Auf die Frage, was los sei, sagten sie. „Ein Fest! Wir feiern alle unseren Präsidenten!“ Diese Autokorsos und nächtlichen Feste für den Präsidenten wurden wenig später ganz alltäglich. Immer wieder sah man Autokolonnen voller junger Männer und Frauen, die sich aus den Fenstern und aus der Dachluke hängten oder auf der Ladefläche von Kleinlastern drängten, vollbehängt mit syrischen Fahnen und Portraits des Präsidenten. Sie hupten, grölten, machten das Victory-Zeichen. Diese Feierei hatte manchmal etwas extrem Aggressives an sich, und wie sollte sie auch nicht, schließlich wurde in diesen Tagen auf einmal eine jahrzehntealte Ordnung in Frage gestellt, auf der das Leben dieser Menschen aufbaute.

Gegen-Demonstration für al-Assad
Die Gegenstimme zu dieser Baschar-Huldigung ließ nicht auf sich warten. Am nächsten Tag, einem Freitag, kam es in Latakia zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, unter anderem in der Nähe des Tetrapylons, eines der wenigen Relikte, das dieser modernen Küstenstadt aus seiner antiken Tradition als Handelsstadt geblieben ist. Noch am Abend zuvor hatten wir unter den Säulen Thymianbrot gegessen, nun sahen wir auf Amateurvideos im Internet, wie eine lärmende Menschenmenge daran vorbeizog und ihre Solidarität mit Der’a kundtat. Abends schlug uns ein Pole aus dem Hostel vor, die Straßen anzuschauen, in denen die Demonstrationen stattgefunden hatten und vielleicht noch stattfanden. Die Innenstadt von Latakia war nahezu menschenleer, die meisten Geschäfte geschlossen. In der Hauptstraße war die Stimmung gespenstig, vor allem wahrscheinlich, weil der Strom abgeschaltet worden war. Der Boden war bedeckt von Scherben und herausgerissenen Steinen, mitten auf der Straße lag ein umgedrehtes Auto, an mehreren Stellen qualmten noch Barrikaden aus Mülleimern vor sich hin. Wir begegneten mehreren jungen Männern, die uns sagten, wir sollten auf keinen Fall weiter die Straße hinunter gehen. In der Ferne, am Ende der Straße, konnte man vereinzelt Schüsse und Krankenwagensirenen hören. Mir für meinen Teil reichte das völlig, aber die beiden anderen wollten noch weiter, der Pole machte Fotos. An einer Straßenecke sah ich in dann auf einmal einige dieser durchsichtigen Schutzschilde für Polizisten an der Wand lehnen. Auf dem Boden davor stapelten sich Helme. 

Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass hinter den Schilden Männer auf dem Boden kauerten, an die Hauswände gedrängt, zum Teil schlafend. Das sollten also die Männer sein, die heute gewaltsam gegen die Proteste vorgingen und einige Demonstranten töteten? Wenn man sie hier so schlafen sah, konnte man sie eher für arme Kerle halten. Wenige Meter weiter standen mehrere Busse und Autos voller schlafender Männer, offensichtlich Sicherheitskräfte und Männer vom Geheimdienst. Vielleicht mussten sie hier in Erwartung der Demonstrationen des nächsten Tages schlafen. Auf dem Rückweg begegneten wir noch Männern vom Geheimdienst, die auch Passanten anzuhalten schienen, doch ließ man uns unbehelligt weiterziehen.
Die Stimmung in Latakia war aufgeladen und angespannt, Größeres schien sich anzubahnen. So reisten wir am nächsten Mittag Richtung Damaskus ab, noch am selben Tag eskalierte die Lage in Latakia und wenig später wurde die Stadt vom Militär abgeriegelt.

Dieses Erlebnis blieb das Aufregendste, das ich von der syrischen Revolte mitbekommen habe. Auf verstörende Weise bekam ich schon hier zu spüren, dass sich ein zunehmend tieferer Graben durch die Bevölkerung zu ziehen begann, ein Graben, an dessen Rändern sich sowohl die Pro-Assad-Aktivisten als auch die Oppositionellen zu radikalisieren begannen.

16.05.2011

Händchenhaltende Syrer

Von Paula Manstetten

Vorbemerkung der Redaktion:
Der folgende Text bezieht sich auf den Artikel »Ein kurzes Jahr an der Uni Damaskus«, der am 10. Mai 2011 auf ZEIT-Online veröffentlicht wurde. Frau Manstetten ist Studentin an unserem Institut.

Letztes Wochenende erschien in der Onlineausgabe der ZEIT ein Artikel über mich – als deutsche Studentin an der Universität Damaskus.  Zeitungsartikel sind, wenn man sie nicht selbst schreibt, nie ganz so, wie man es sich gewünscht hätte. Daher möchte ich im Folgenden einige Anmerkungen loswerden und manches klarstellen.

Der Kontakt zu der Journalistin, die übrigens selbst  noch eine Studentin ist, kam zufällig zustande, und ich sah ihre Anfrage, einen Artikel über mich schreiben zu dürfen, als Chance, mit einigen Vorurteilen über Syrien aufzuräumen. Ich nahm sie in eine Vorlesung an der Uni und auch zu mir nach Hause in meine Gastfamilie mit. Wir führten ein langes Gespräch, insbesondere darüber, wie sich der Alltag in Syrien meistern lässt und wie es einer Ausländerin wie mir gelingen kann, sich in Syrien zu »integrieren« – wenigstens bis zu dem Grade, dass man sich nicht mehr als Außenseiter fühlt. Aufgrund der politischen Lage änderte sich im Nachhinein das Thema des Artikels, und von unserem Gespräch blieben leider nur einige Marginalien stehen, die, wie ich meine, doch ein etwas verzerrtes Bild von Syrien (und vielleicht auch von mir) vermitteln könnten.