07.02.2011

Ägypten und die Lotus-Revolution: Moderne Informationstechnologie und Medien(ohn)macht

Warum Facebook, Twitter und Co. die arabische Welt verändern

Von Daniel Roters

Tunesiens abgesetzter Herrscher Ben Ali ist 74 Jahre alt, Ägyptens Autokrat Mubarak zählt 82 Lenze. Was haben beide gemeinsam? Sie haben die Facebook-Revolution verschlafen! Kein Wunder, wenn die Regierenden mindestens 50 Jahre älter sind als der Altersdurchschnitt der Regierten, die Facebook nutzen,  mittels des Internetdienstes Twitters  „twittern“, Videos auf die Internetvideoplattform Youtube hochladen und, wie wir im Falle Ägyptens gesehen haben, jede staatliche Zensurmaßnahme schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, sogar die Sperrung der Mobilfunknetze und der Kommunikation über das Internet. Sie wissen: Die Macht der Bilder ist auf ihrer Seite. 
 
Al Jazeera – Unbequem für die USA, nah am Geschehen

Europa und die USA scheinen weit, weit entfernt, selbst in Zeiten des Internets. Die einzige Berichterstattung, die diesen Namen verdient betreibt der Nachrichtensender Al Jazeera, der ungeachtet des Entzugs der Akkreditierung der vor Ort berichtenden Journalisten weiter über die Lage in Ägypten informiert.

In der Konfrontation steckt die simple Einsicht: Wer mit modernen Medien umzugehen weiß, weiß die Massen zu mobilisieren, auch was die Zuschauerzahlen angeht. Die Zuschauerzahlen des Senders sind nach eigenen Angaben in den letzten Tagen um 2500 % gestiegen. Vor allem in den USA, wo der Sender auf herkömmliche Weise nur stellenweise zu erreichen ist, greift man auf den Livestream auf der Website des Senders zurück, um die Geschehnisse in Ägypten zu verfolgen. 
Ayman Mohyeldin berichtet für
Al Jazeera English live über
die Demonstrationen in Kairo.
Während seiner Berichterstattung
wurde er bereits zwei Mal verhaftet.
Al Jazeera hat noch mit den Folgen der Bush-Administration zu kämpfen, die sich öffentlich von Al Jazeera distanziert hatte, weil der Sender für die damalige Regierung unangenehme Bilder aus Afghanistan und den Irak sendete. Die New York Times berichtete, dass in den letzten zwei Wochen 1,6 Millionen Zuschauer aus den USA die Live-Berichterstattung des Senders im Internet verfolgten. Al Jazeera verfügt nicht nur über Korrespondenten vor Ort, sondern greift auf Facebook und Twitter zurück, um von einer Revolution zu berichten, deren Auswirkungen für die gesamte arabische Welt noch nicht absehbar sind. 

Am Vortag des „Marsches der Millionen“ (1. Februar) twitterte Israa Abdel Fattah folgendes: “Wir sind sehr selbstbewusst und werden uns nicht bewegen, bis Mubarak geht!”. Al Jazeera zitierte die junge Frau, auf Facebook wurde dieser Satz „geshared“ und auf Twitter – natürlich – „retweeted“.
Ein Satz von vielen, der vor wenigen Tagen noch unvorstellbar gewesen wäre und der, dank moderner Informationstechnologie, an die Weltöffentlichkeit gelangt ist. Dieser Satz hat eine Vorgeschichte, genau wie die (Des)Informationskampagne des ägyptischen Staates gegen seine Bürger.

Es begann in Mahalla

Ayman Nour (Al-Ghad-Partei),
saß fast fünf Jahre im Gefängnis,
war bei den Präsidentschafts-
wahlen erfolgreichster
Kandidat gegen Hosni Mubarak.
2008 planten Fabrikarbeiter in Mahalla al-Kubra, 150 km von Kairo entfernt, einen Streik, um auf ihre schwierigen Lebensbedingungen hinzuweisen. An diesem Streik beteiligten sich 25.000 Arbeiter direkt oder indirekt und bestreikten seit dem 6. April 2008 die größte Textilfabrik im Mittleren Osten. Die Unterstützung der Pläne über einen Streik der Textilarbeiter durch junge Ägypter war die Geburtsstunde einer nie dagewesenen Internetbewegung in der arabischen Welt. Die zunächst kleine Bewegung gründete im Frühling 2008 eine Facebook-Gruppe,  die beständig wuchs und heute mehr als 15.000 Mitglieder hat. Was anfangs ein Bekenntnis zur Unterstützung des Arbeiterstreiks in Mahalla war, wurde eine nationale Bewegung, um auf die Missstände hinzuweisen, welche alle Ägypter im täglichen Leben erfahren.
Die Bewegung wurde von Ahmad Maher und Israa Abdel Fattah begründet. Als ehrenamtliche Helfer für die oppositionelle Ghad-Partei, der Partei Ayman Nours, hatten Sie sich kennengelernt, hielten Reden, planten Treffen, sensibilisierten und politisierten ihr Umfeld. Die Bewegung des 6. April unterstützte nicht nur die Forderungen der Textilarbeiter nach einer besseren Entlohnung, sondern setzte sich für bessere Lebensbedingungen und für elementare Menschenrechte aller Ägypter ein. Die Ankündigung eines Streiks in Mahalla wurde zu einem Aufruf zu einem Generalstreik, der über das soziale Netzwerk Facebook Millionen von Ägyptern erreichte. Ägyptens Facebook-Nutzer stellen die achtgrößte Nutzergemeinde des sozialen Netzwerks. 

6. April 2008 - Vom Facebook auf die Straße

Eines der Plakate der  Bewegung:
"6. April 2008 -Wir alle sind
Ägypter. Für Ägypten!"
Die Demonstrationen des 6. April wurden aber faktisch im Keim erstickt. Bevor sich größere Gruppen versammeln konnten, wurden die ersten Demonstranten in Gefängnistransporter gestoßen und weggefahren. Aktivisten wurden mit Farbkugeln angeschossen, um sie zu markieren. Verzweifelt versuchten sie sich zu verstecken, doch wurden viele aus Angst vor Repressionsmaßnahmen verraten oder durch Polizisten in Zivil erkannt und verhaftet. Schulen, Universitäten und Firmen meldeten, dass einige Ägypter am Streik teilnahmen und einfach zu Hause blieben, während die Mehrheit der Menschen dem Aufruf zum Streik nicht nachging. Im Vorfeld hatten Regierungszeitungen und das Staatsfernsehen vor den Konsequenzen einer Teilnahme am Generalstreik gewarnt.
Israa Abdel Fattah, das
"Facebook-Girl": "Wir sind sehr
selbstbewusst und werden uns
nicht bewegen, bis Mubarak geht!”

Israa Abdel Fattah widersetzte sich dieser Warnung und wurde nach dem Tag des Generalstreiks, während sie in einem Café saß, festgenommen. In den Medien und bei den Ägyptern ihrer Generation ist sie als das „Facebook-Girl“ bekannt geworden. Besonders für ihre weiblichen Altersgenossen wurde sie ein Idol. Das „Facebook-Girl“ wurde eines der bekannteren Gesichter der Gruppe des 6. April und ihre Bekanntheit bescherte der Bewegung viel Zulauf. Insbesondere junge Frauen waren der Ansicht, dass die Bewegung ihnen ein Forum bot, um abseits von traditionellen Frauenrollen eine neue Ära der Gesellschaftspolitik einzuleiten. 
Am 23. April 2008 wurde Israa aus dem Gefängnis entlassen. An eine Heimkehr war nicht zu denken: Das Regime bentutzte sie,  scheuchte sie von TV-Sendung zu TV-Sendung. Hier entschuldigte sie sich beim Staatsoberhaupt, dort dankte sie den Verantwortlichen im Innenministerium und plauderte über ihre nette Zeit in Gefangenschaft, so geschehen in der in Ägypten sehr bekannten TV-Talkshow Al-Bayt Baytak. Außerdem beteuerte Israa, ihr Leben als politische Aktivistin beenden zu wollen. Man wollte an ihr ein Exempel statuieren, als warnenden Hinweis für ihre Altersgenossen, die Facebook-Generation. Heute wissen wir, dass ihr Versprechen, ihr Aktivisten-Leben aufzugeben eine leere Versprechung war, die unter dem Druck von Regierungsvertretern erzwungen worden war. In der Sendung Cairo Today zeigte man die Szene des Wiedersehens zwischen Israa und ihrer Mutter direkt nach Israas Entlassung aus dem Gefängnis. In einem Exklusiv-Interview mit Moderator Amr Adeeb sagte Israa zum Schluss: „Ich danke Gott jeden Abend, dass ich noch ein Mädchen bin.“
Eine subtile Spitze gegen das Regime, die in der ganzen Inszenierung unterging und auch den Verantwortlichen entging. Mit anderen Worten: Israa ist in der Haft nicht vergewaltigt worden.


Wir alle sind Khaled Saeed – Das Regime gießt Öl ins Feuer

Eine andere Bewegung, bestehend aus verschiedenen Aktivisten und Anhängern der Bewegung des 6. April, Mitgliedern der ägyptischen Nationalen Gesellschaft für Wandel und anderen Gruppen, organisierte Demonstrationen in Kairo und Alexandria, wo der junge Ägypter Khaled Saeed von zwei Polizisten in Zivil in einem Internetcafé festgenommen wurde. Man warf ihm Drogenbesitz vor. Bei der Festnahme im Juni 2010 haben die Polizisten brutal auf den Jungen eingeschlagen bis er starb, ungeachtet der anwesenden Zeugen, darunter der Besitzer des Internetcafés. Die auf Facebook veröffentlichten Bilder des Leichnams Khalids schockierte die ägyptische und internationale Öffentlichkeit. Inzwischen ist bekannt geworden, dass Khaled Material besaß, welches Polizisten mit dem Vorwurf des Drogenhandels belastete.
Die Karrikatur zeigt Khaled Saeed.
Die zahlreichen Fälle der Polizei-
brutalität haben die Bewegung in
ihrem Ziel gestärkt, dem Regime ein
Ende zu setzen.
Wael Ghonem, Marketingdirektor für den Google-Konzern im Nahen Osten und Afrika, soll nach dem Vorfall die Facebook-Gruppe "Wir alle sind Khaled Saeed" gegründet haben, die innerhalb weniger Wochen mehr als 200.000 Mitglieder zählte. Heute hat allein diese Gruppe fast 500.000 Mitglieder, diverse andere Gruppen, darunter in englischer und deutscher Sprache, nicht mitgezählt.30 Facebook-Mitglieder der Gruppe wurden bei den Demonstrationen in Alexandria und Kairo festgenommen. Wie die Toten der aktuellen Proteste, wird Khaled Saeed als Martyrer gesehen. Der Fall Khaled Saeed ist ein weiteres Beispiel für viele Faktoren, die die Ägypter auf die Straße treiben. Wael Ghonem, Gründer der Gruppe, wurde seit dem 28. Januar vermisst. Er hatte seinen Freunden noch erzählt, dass er auf dem Tahrir-Platz gegen das Regime protestieren wolle. Nun ist bekannt geworden, dass er sich die Ganze Zeit in Haft befunden hat. Offizielle Stellen gaben bekannt, dass er im Laufe des 8. Februar freigelassen werden soll. 
Die Polizisten, die Khaled Saeed töteten, waren in der Polizeiwache in Sidi Gaber, Alexandria beschäftigt. In der Folge wurden weitere Fälle bekannt, in denen wiederholt Inhaftierte zu Tode gekommen sind. Nur einer der weiteren bekannten Fälle ist der Fall  Ahmad Shaaban. Der 19-Jährige hatte sich im November 2010 nach dem Besuch einer Hochzeit der Durchsuchung durch Polizisten verweigert. Er wurde auf die Polizeiwache von Sidi Gaber gebracht, dort gefoltert und umgebracht. Seine Eltern wussten sechs Tage nichts über den Verbleib ihres Sohnes. Die Täter hatten den Leichnahm des Jungen in den Mahmoudiyya-Kanal in Alexandria geworfen.

Die moderne Informationstechnologie - Eine Büchse der Pandora für das Regime

Der Streik des 6. April 2008 war nicht so aufsehenerregend wie gewünscht, doch stellte er ein signifikantes Signal an das ägyptische Regime dar. Spätestens nach dieser Facebook-Revolte beobachtete das Regime nicht nur Blogs stärker, sondern auch soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook eingehender.
Während moderne Kommunikationsmittel durch den damaligen Minister für Information und Kommunikationstechnologie, Ahmed Nazif, in den 90er Jahren noch gefördert wurden, begannen seit 2001 staatliche Maßnahmen,  um die Informationsfreiheit einzuschränken. Eine eigene Einheit im Innenministerium sperrt Internetseiten von Oppositionellen und überwacht die sozialen Netzwerke nach Aktivitäten, die der Regierung gefährlich werden könnten. So wurde beispielsweise die Website der Muslimbrüder (www.ikhwanonline.com) im Jahr 2004 monatelang abgeschaltet, wahrscheinlich im Konsens mit der US-amerikanischen Regierung. Nach der Sperrung hatte man 2005 entschieden, dass diese nicht zweckmäßig war, da die Organisation mehr und mehr neue Internetseiten erstellte. 

Auch die Internetseiten von regierungskritischen Publikationen, wie dem Online-Angebot der nicht mehr existenten Arbeiterpartei Al-Shaab wurden gesperrt. Journalisten und Chefredakteure nahmen die Sperrungen zum Anlass, um gegen den inzwischen zum Ministerpräsidenten aufgestiegenen Nazif zu klagen. Weitere Möglichkeiten schöpfte das Regime in Sachen Email-Überwachung aus und konnte mehrere Prozesse gegen Personen führen, die angeblich der verbotenen Muslimbruderschaft angehörten, da sie mit islamistischen Führern in anderen Staaten kommunizierten oder Menschenrechtsverletzungen an internationale Organisationen berichteten.
Wer Ägyptens größere Städte besucht hat weiß, dass die ägyptische Bevölkerung moderne Informationstechnologie intensiv nutzt, um nicht den Anschluss an die Welt zu verlieren. An jeder Ecke befinden sich Internetcafés, die von vielen  Ägyptern und auch von Touristen oft genutzt werden. Betreiber solcher Cafés sind verpflichtet, Daten der Nutzer aufzunehmen, die Benutzer zu beobachten, und verdächtiges Verhalten der Polizei zu melden. In der Praxis fälschen Betreiber der Cafés diese Daten, um die Kundenzahlen nicht sinken zu lassen. Viele zahlen nicht selten Bestechungsgelder an Polizisten, damit ihr Geschäft nicht geschlossen wird.
Am 27. Januar blockierte das Regime gegen 17:20 Uhr
jegliche InternetKommunikation. Ein einmaliger Vorfall
in der Geschichte des Internets.

Einmalig war die Sperrung jeglicher Internetkommunikation während der aktuellen Proteste durch das Regime. Am Nachmittag des 27. Januar, zwei Tage nach dem Anfang der Massendemonstrationen, ist Ägypten von der virtuellen Weltkarte buchstäblich verschwunden. 

Besorgniserregend ist auch die Tatsache, dass viele Ägypter während der Proteste Textmitteilungen durch ihre Mobilfunkanbieter erhalten hatten, die sich für das Regime aussprachen. In den Nachrichten wurden im Namen der ägyptischen Streitkräfte alle Ägypter unter anderem dazu aufgerufen, „Verräter und Kriminelle zu stellen“ und, „Familie, Ehre und das geliebte Ägypten zu verteidigen“. Unter diesen Mobilfunkbetreibern ist auch Vodafone mit Hauptsitz in London. Hier haben nach Bekanntwerden des Vorfalls hunderte entrüstete Kunden protestiert. Vodafone wies alle Vorwürfe zurück und gab am 3. Februar auf der Internetseite des Konzerns bekannt:
Under the emergency powers provisions of the Telecoms Act, the Egyptian authorities can instruct the mobile networks of Mobinil, Etisalat and Vodafone to send messages to the people of Egypt. They have used this since the start of the protests. These messages are not scripted by any of the mobile network operators and we do not have the ability to respond to the authorities on their content.
Vodafone Group has protested to the authorities that the current situation regarding these messages is unacceptable. We have made clear that all messages should be transparent and clearly attributable to the originator.

Willkommen in der Internet-Neuzeit – Blogging gegen das Regime

Mit der Zunahme von Internet-Blogs wurde auch die Zahl derjenigen größer, die aufgrund ihres Blogging-Journalismus verhaftet und eingesperrt wurden. In einer Gesellschaft, in der herkömmliche Medien zensiert wurden, waren Blogs ein probates Mittel einer großen Lesergemeinde die eigene Sicht der Dinge zu präsentieren. Ein aufsehenerregender Fall war der des ägyptischen Bloggers Kareem Amer, der im Februar 2007 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Vorwürfe: Beleidigung des Islam und Volksverhetzung. Ein weiteres Jahr kam noch hinzu, weil er Staatschef Hosni Mubarak beleidigt haben soll. 

Aufsehenerregend war der Fall, weil Kareem der erste Blogger war, der explizit aufgrund der Inhalte seiner Beiträge bestraft wurde und nicht, wie es vorher üblich war, wegen anderer fingierter Vergehen. Er war den Behörden kein Unbekannter. Er berichtete von Zusammenstößen zwischen Kopten und Muslimen in Alexandria, woraufhin er schon einmal arrestiert wurde. Ein zweites Mal wurde er verhaftet, weil er die Lehrmethoden der Al-Azhar-Universität ablehnte. In seinem Blog äußerte er sich kritisch zu seinen Professoren und den Sheikhs, die seiner Meinung nach keine freie Meinungsäußerung zuließen. Sein Blog war den Behörden auch ein Dorn im Auge, da er über die Rechte von Frauen schrieb und in vielen Artikeln Säkularismus einforderte. Medienwirksam wurden die Eltern des Studenten gezwungen, sich im Staatsfernsehen zur besten Sendezeit von ihrem Sohn zu distanzieren, während dieser im Gefängnis saß. Staatlicherseits wurde er als "Ungläubiger" diffamiert, während das Regime gleichzeitig am Verbot der Muslimbruderschaft festhielt.
Der Staatsanwalt  Mohamed Dawoud machte gegenüber The Associated Press deutlich, worum es ihm im Fall Kareem Ameer ging: 
"I want him [Kareem] to get the toughest punishment […] I am on a jihad here ... If we leave the likes of him without punishment, it will be like a fire that consumes everything."
Einer der vielen Blogger Ägyptens. Kareem Amer (geb. 1984)
verbrachte vier Jahre seines Lebens im Gefängnis. Der
ehemalige Student der Rechtswissenschaften wurde
während seiner Haft mehrmals gefoltert.
Eine internationale Initiative (www.freekarim.org) forderte die Freilassung des Bloggers und organisierte weltweit Protestmärsche. Kareem wurde im November 2010 entlassen und bedankte sich bei seinen Unterstützern folgendermaßen:
Throughout the gloominess of the prison walls, there was also a lustrous ray of hope of those who were by my side; expressing solidarity with me and supporting me during my ordeal. Whether they shared the same views with me or not, they all believed in the cause: Freedom of speech for all, regardless differences and orientations. I really can’t thank them enough!“

Dieser Fall zeigt, wie ambivalent das Verhältnis des ägyptischen Regimes zur Religion ist. Es ist außerdem ein Beispiel dafür, wie Regime in der arabischen Welt Religion missbrauchen, um ihren absoluten Machtanspruch durchzusetzen, weil es leicht ist, Menschen durch den Missbrauch ihrer religiösen Ansichten zu beeinflussen. Gerade in Ägypten ist die Haltung der Regimes zur Religion folgende: Religion wird einerseits als verhasste moralische Autorität gesehen, andererseits ist sie aber auch der geliebte Feind.
Festzustellen ist auch, dass es in Ägypten zwar gesetzliche Bestimmungen über den Umgang mit Informations- und Telekommunikationstechnologie gibt, diese jedoch für die Justiz immer noch keine ausreichende Grundlage schaffen, um eine Güterabwägung zwischen den Rechten Einzelner und denen einer ganzen Gesellschaft vorzunehmen. Das zeigt sich insbesondere bei klassischen Fällen, in denen jemand beispielsweise beschuldigt wird, aufgrund der Veröffentlichung von Dokumenten im Internet, das allgemeine Sittlichkeitsgefühl verletzt zu haben. 
Auch wird deutlich, dass die Bewegung, die sich nun auf den Straßen Ägypten zeigt, sehr themengebunden arbeitet. Nur zögerlich haben einzelne Gruppen sich mit politischen Parteien wie der Ghad-Partei verständigt. Man zog es vor, möglichst anonym zu bleiben und im Untergrund zu arbeiten. Sicherlich hängt dies mit der Tatsache zusammen, dass das ägyptische Regime jegliche Organisation mit einer Struktur leichter zerschlagen kann als bloße Interessengemeinschaften, die unabhängig von Parteizugehörigkeit, Geschlecht oder Religionszugehörigkeit vorgehen. 

Parteien werden im Ägypten der Mubarak-Ära verboten, Einzelne gefoltert, aber der Geist der Freiheit war nie zu bändigen. Das Ergebnis: Hunderttausende, die sich dieser Tage täglich versammeln. Sie wandeln auf Pfaden, die vor Ihnen Einige vorbereitet haben und vielleicht waren die Schmerzen und die Todesopfer nicht umsonst.
Mubarak schlachtete die Bemühungen der Aktivisten für sich medial aus und betonte in seiner Rede an die Nation, dass die stattfindenden Demonstrationen und die Proteste vergangener Jahre nie möglich gewesen wären ohne die Freiheiten, die er den Regierten durch Reformen zugebilligt habe. Eines steht fest: Die Notstandsgesetze, die seit 30 Jahren währen und zu einem Normalzustand geworden sind, verbieten strikt jegliche Art von Demonstration. Nicht umsonst wird Mubarak als jemand charakterisiert, der in einem Paralleluniversum zu leben scheint. Vielleicht glaubt er selbst, was er sagt. Wir können es nur vermuten.

Vom Kampf um Aufmerksamkeit bis zum „Battle for Egypt“ 

Israa und die Bewegung des 6. April kämpft mit anderen Gruppen seit dem 25. Januar auf dem Tahrir-Platz um die Freiheit einer ganzen Nation. An Aufhören ist nicht im Leben zu denken: Die Aktivisten sind spätestens jetzt den Behörden bekannt. Stirbt die Revolution, dann werden sie ins Gefängnis gehen müssen, unter Umständen ihr Leben lassen. Und auch wenn sie weiterhin den Platz der Befreiung vor Mubaraks Männern sichern, müssen prominente Vertreter der Bewegung damit rechnen, gezielt angegriffen zu werden. Der Schutz ist die Masse und die Massen an Demonstranten haben selbst diejenigen auf die Straßen gelockt, die vorher lediglich in schummrigen Caféhäusern im Flüsterton über regimekritische Aktivitäten sprachen. 

Am Freitag, dem 28. Januar, dem „Tag des Zorns“ riefen die Regimekritiker erneut dazu auf, nach dem Freitagsgebet die Straßen Kairos zu füllen, um ein unmissverständliches Signal an die Welt zu senden: Es gibt kein Zurück und die Tage des Regimes sind gezählt. Über Facebook und Twitter hatten sich die Aktivisten vernetzt, um Bewegungen der ägyptischen Polizei und der Einheiten der Staatssicherheit weiterzugeben. Einzelne Aktivisten veröffentlichten ihre Handynummern, um ihre Positionen bei Anfrage weiterzugeben, damit möglichst große Gruppen von Demonstranten entstehen konnten. Diese Absprachen waren so erfolgreich, dass es den Demonstranten am 25. Januar gelang, durch den Ring an Sicherheitskräften zu brechen, und in verschiedene Stadtteile Kairos vorzudringen. Nachdem sich die Sicherheitskräfte aus dem Stadtzentrum in Bewegung setzten, um Protestler zu verfolgen, sammelten sich Gruppen der Demonstrierenden wieder, um gemeinsam zum Midan al-Tahrir zurück zu marschieren, diesmal fast unbehelligt von den Sicherheitskräften. Der Midan al-Tahrir wurde tatsächlich eingenommen und im wahrsten Sinne des Wortes befreit.

Diese und ähnliche Szenen nutzen
den Demonstranten und bringen
Soldaten in einen Gewissenskonflikt.
Seit Beginn der Massenproteste ist der in Doha ansässige Nachrichtensender Al Jazeera live dabei. Die Opposition und selbst die, die keine Aktivisten sind, haben längst die Macht des Bildes erkannt. So sehen wir, wie ein einfach gekleideter älterer Herr just in dem Moment einen bewaffneten Soldaten in die Arme schließt, als er die Kamera bemerkt. Auch kennen wir Fotos in denen alte Frauen jungen Soldaten die Wangen küssen oder weinenden Soldaten die Tränen wegwischen, als seien es nicht potentielle Feinde, sondern die eigenen Söhne. Wir sahen auch Demonstranten, die den Soldaten Rosen schenkten und gemeinsam plauderten. Ein Bild der Eintracht, welches in den Augen der Betrachter nur den Schluss zulässt, dass ein Einschreiten der Armee gegen die Demonstranten unwahrscheinlich ist. 
Spätestens seit dem Morgen des 3. Februar ist allen auf dem Tahrir-Platz verbliebenen Aktivisten eines klar: Es geht um alles. Jeder ist in Gefahr. Jeden Moment müssen sie damit rechnen, dass ihre friedlichen Demonstrationen von Mubaraks Schlägertrupps unterbrochen werden. Über Facebook und Twitter bitten Menschen um Hilfe. Sie bitten um Lebensmittel, Medikamente und darum, dass mehr und mehr Ägypter ihrem Aufruf mit zu demonstrieren folgen. Die Demonstranten verbarrikadierten sich, bauten eine Küche und sogar ein kleines Hospital auf, um Verletzte zu behandeln. Spätestens an diesem Punkt waren normale Bürger gezwungen worden, Soldaten zu werden, wie eine junge Ägypterin in einer Live-Schaltung gegenüber Al Jazeera deutlich machte.
Links: Al Jazeera English zeigt die Massenproteste.
Rechts: Das ägyptische Staatsfernsehen scheint davon
noch nichts mibekommen zu haben.
An diesem Tag wurde auch deutlich, dass das Regime von den Jugendlichen gelernt hatte. Es nutzt das Internet für seine eigene Zwecke. Innerhalb von Stunden nachdem die Nutzung des Internets wieder möglich war, wurden im Netz Gruppen gegründet, die sich für das Regime aussprachen. Neben der realen Bedrohung durch Schläger in Zivil kamen nun aber auch immer mehr Falschmeldungen hinzu, die durch Twitter und Facebook verbreitet wurden, um die Demonstrierenden einzuschüchtern. Im sozialen Netwerk Facebook entstanden immer mehr Pro-Mubarak-Gruppen, die nach der zweiten Rede Mubaraks dazu aufriefen, nicht mehr an Demonstrationen teilzunehmen und stattdessen nach Hause zu gehen. Diese zweite Rede war insofern von Bedeutung, weil Mubarak erste Zugeständnisse machte und bekanntgab, nicht eine weitere Amtszeit verfolgen zu wollen. Gleichzeitig markierte sie aber auch den Tiefpunkt in der Pro-Demokratie-Bewegung, denn immer mehr Menschen verloren den Mut angesichts der Toten und Verletzten. Nach der Rede Mubaraks zeigte das Staatsfernsehen einen anderen Mubarak, nicht in Anzug und Krawatte, mit seiner Frau Suzanne auf einer Couch sitzend und über Ägyptens strahlende Zukunft plaudernd. Archivaufnahmen aus den guten alten Zeiten, als Mubarak noch nicht beschuldigt wurde, in einem Paralleluniversum zu leben.
Seit den Protesten sind die Bürger
gefördert. Sie nehmen Aufgaben der
Stadtverwaltung wahr. Vom Regeln
des Verkehrs bis zur Straßereinigung.
Während die Reste des Regimes die Öffentlichkeit meiden, versuchen die Demonstranten am Tahrir-Platz klarzustellen, dass es sich um einen friedlichen Protest handelt. Sie singen Lieder, üben sich in politischer Dichtung und manch ägyptisches Pärchen hat sich dazu entschlossen, Seite an Seite mit den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz zu heiraten. Die Bewegung wehrt sich nicht nur gegen das Regime, sondern auch gegen die Berichterstattung von Journalisten, die eine Spaltung der Bewegung bemerkt zu haben scheinen. Die Ägypter antworten mit Friedenssymbolik: Am „Tag der Märtyrer“ (6. Februar) versammeln sich Kopten und Muslime um, gemeinsam für die Toten der Revolution zu beten. 

Mubarak hatte in seiner Ansprache verkündete, dass die Alternative zu ihm das Chaos sei (Mubarak ≠ Chaos). Das Volk lässt Taten sprechen: Hier wird der Verkehr geregelt, dort werden die Straßen gekehrt und Bürgerwehren kümmern sich um die Sicherheit in vielen Nachbarschaften. Man munkelt der Tahrir-Platz sei in 30 Jahren nie so sauber gewesen wie heute (Chaos = Mubarak?).

Im Westen nichts Neues

Im Westen dominierte die Islamisierung der Revolution. Man stellte rhetorische Fragen, um der Tatsache aus dem Weg zu gehen, dass sich im ägyptischen Untergrund spätestens seit den Wahlen 2005 eine breite Pro-Demokratie-Bewegung entwickelt hatte. Sind die Demonstranten repräsentativ für über 80 Millionen Ägypter? Was ist die Alternative zu Mubarak? Laufen wir Gefahr Zeuge der Gründung einer islamistischen Ordnung zu werden? Wo ist die Leitfigur der Opposition? Es wäre erträglich sich beispielsweise darauf einigen zu können, dass es keine (politisch) organisierte Opposition gibt, weil Mubarak die Opposition in 30 Jahren niedergestampft und in den Untergrund verdrängt hat. 

Gerade wir Deutschen sollten nicht anfangen uns in Zahlenspielen zu ergehen und die Legitimität des Aufstandes eines Volkes zu hinterfragen. Hier offenbart sich, dass nicht nur Politiker des Westens Mubarak und seine eigene Vorstellungen von Stabilität über elementare Menschenrechte gestellt haben. Auch die Medien haben geschlafen, Stellen von Auslandskorrespondenten gestrichen, Bezüge gekürzt, und insbesondere den Nahen und Mittleren Osten journalistisch verwaisen lassen. 
Während das Regime im Staatsfernsehen Dokumentationen über Architektur und Immobilien in Kairo zeigte, demonstrierten bereits zehntausende Ägypter auf den Straßen. In westlichen Medien wird erst am Abend des 25. Januar von den Demonstrationen berichtet, als bereits zwei Menschen getötet wurden. Zu langsam sind die Journalisten vor Ort, um zu berichten und die, die vor Ort sind, werden durch das Regime an ihrer Arbeit gehindert.
Erst die Festnahmen und Angriffe auf einige Journalisten ließen nicht nur Präsident Obama und seine Außenministerin Clinton auf deutlichen Abstand zu Mubarak gehen, sondern schienen auch die Berichterstattung in eine andere Richtung zu lenken.
Unser Privatfernsehen kümmerte sich derweil um Einzelschicksale, doch waren dies nicht die Einzelschicksale der Ägypter, sondern die der Urlauber, die aus Ägypten ausgeflogen werden mussten und den Journalisten sagten, dass sie eigentlich noch gerne in Hurghada oder Sharm El-Sheikh geblieben wären, nicht ansatzweise begreifend, dass im gleichen Moment Demonstranten auf den Straßen Kairos erschossen und niedergeknüppelt werden. Noch heute befinden sich Touristen vor Ort, die umsatteln: Statt die Pyramiden zu besuchen, schwingen sie sich auf Kamele, um die Schönheit unter der Sonne Ägyptens zu genießen.

Musik und Comedy gegen das Regime 

Die Stereotype über Ägypter sind vielfältig und werden gerade in westlichen Medien immer wieder herangezogen. Ein Blog veröffentlichte eine Anleitung:


A Guide: How To Not Say Stupid Stuff about Egypt


Eines stimmt aber ganz sicher: Egal was ist, was war und was da auch kommen mag: Ägypter beweisen in den schwierigsten Lebenslagen ihren Humor. Davon kann jeder, dier eine längere Zeit in Ägypten gelebt hat berichten. Wie soll man sonst 30 Jahre in einem Polizeistaat überleben? Da bleibt nur Sarkasmus und Satire und ab und zu ein Lied.


Auch die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz singen, dichten und unterhalten sich gegenseitig. Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, dass viele von Ihnen in den letzten Tagen Freunde, Verwandte und Bekannte verloren haben. Im Folgenden finden Sie den Soundrack zur Revolution mit einer deutlichen Botschaft an Hosni Mubarak, den zukünftigen Ex-Präsidenten der Arabischen Rebublik Ägypten, gesungen am 4. Februar 2011 vom vielleicht größten Chor der Welt:
Wir alle,
Zusammen,
fordern eine simple Sache:

Verschinde! Verschwinde! Verschwinde! Verschwinde!

Nieder, nieder mit Hosni Mubarak!
Nieder, nieder mit Hosni Mubarak!

Das Volk fordert den Sturz des Regimes!
Das Volk fordert den Sturz des Regimes!

Er wird gehen, weil wir bleiben werden!
Er wird gehen, weil wir bleiben werden!






Am 7. Februar veröffentlichte Mohamed Mounir, einer der beliebstesten Sänger Ägyptens, seinen eigenen Protest-Song "Warum", der "allen ägyptischen Bürgern gewidmet ist, die an den Protesten des 25. Januar teilgenommen haben und auch an diejenigen, die nicht teilgenommen haben". Da heißt es in einer Zeile:

Warum stütze ich deinen Kopf, während du den meinen beugst, warum?
Natürlich weigerten sich die staatlichen Fernsehstationen Ägyptens den Song des Liedermachers zu spielen, deswegen nun hier:




Auch Standup-Comedy haben die Demonstranten geboten. Im folgenden Stück machen sich Demonstranten über die Gerüchte lustig, dass ausschließlich fremde Mächte die Geschicke des Landes in ihren Händen hielten. Ein Demontrant spielt einen Inder (femde Macht!), der dem anderen (Mubarak!) erzählt, was der Präsident tun muss, um weiter an der Macht zu bleiben:








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