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15.03.2011

Beim Gehen nach Üsküdar fragte ich mich: Wem gehört dieses Lied?

Ein (Light-)Artikel über Musik, Nationalismus und Migration 

Von Daniel Roters 

In einem Restaurant in Istanbul vernahm die bulgarische
Musikerin und Dokumentarfilmerin Adela Peeva ihr
vertraute Klänge und fragte sich: "Wem gehört dieses Lied?"

„Musik heilt die Wunden im ehemaligen Jugoslawien“, sind sich viele serbische, bosnische, kroatische und mazedonische Musiker einig. Doch spätestens als die bulgarische Dokumentarfilmerin Adela Peeva fragte „Whose Is This Song?“, wurde offensichtlich: Die Hörer sehen dies ganz anders...

Adela Peeva entlarvt in ihrem Dokumentarfilm "Whose Is This Song?" (Originaltitel: "Chia e tazi pesen?") den Wahnsinn des Nationalismus, der nicht vor der Musik Halt gemacht hat. Sie reiste durch Bulgarien, die Türkei, Griechenland, Albanien, Serbien und Bosnien und hörte gemeinsam mit den Menschen „ihre“ Musik. Was wurden Welten zerstört, als Opa Branko in Serbien herausfand, dass „sein“ Lied eigentlich aus Bosnien stammt… oder vielleicht doch aus der Türkei? War es gar ein Song mit Islam-Bezug? Kann doch nicht wahr sein! Gar Feindseligkeiten wurden der Dokumentarfilmerin entgegen geschleudert.

Legenden werden geschmiedet und alle proklamieren einen Song als den ihren, als ginge es um den heiligen Gral. Traurig, aber wahr ist, dass diese Entwicklung erst mit den Balkankriegen einsetzte. Die Kultur hatte einfach vor der Politik kapituliert! In den 60ern und 70ern konnte ein klassisches bosnisches Lied aus dem Genre Sevdalinka Serben, Bosniaken und Kroaten in Bosnien Arm in Arm zum Heulen bringen, doch der Krieg änderte alles. Der Auftrittsort, die Duett-Partner, die Zusammensetzung eines Orchesters und gar die Auswahl der Instrumente konnte für viele paranoide Zeitgenossen ein Anzeichen der Gesinnung, der Herkunft und der Weltanschauung sein, um schnell Freund von Feind unterscheiden zu können.

Anhand eines Liedes hat Adela Peeva dargestellt was passiert, wenn Kultur von der Politik vereinnahmt wird, und sich dann schließlich Menschen verführen und vereinnahmen lassen. Ein Lied war vorher nur wunderschön, doch plötzlich hörte man genauer hin: Wurde das ein oder andere Wort ersetzt, dann war das ein Drama. Ging es nicht mehr um ein schönes anatolisches Mädchen, sondern um den mahnenden Ruf des Muezzins, dann war das eine Katastrophe. Ja und selbst wenn man sich zumindest auf ein Mädchen einigte, dann spekulierte man ob sie nun blond und blauäugig war oder, ob es Rehäuglein waren, die Männerherzen höherschlagen ließen.

Der Song, um den es in „Whose Is This Song?“ geht, heißt „Üsküdar'a gider iken“ (Beim Gehen nach Üsküdar), zumindest ist dies der türkische Titel. In der heutigen Türkei liegt wohl auch der Ursprungsort des Liedes, das eine weite Reise antrat. Andere sagen wiederum das Lied sei gar älter als das Osmanische Reich,  könne gar asiatische Wurzeln haben. Jedenfalls erlangte die türkische Version des Liedes, in dem über die Liebe einer Frau zu einem Schreiber berichtet wird, durch eine Verfilmung mit Zeki Müren von 1968 mit dem Titel „Katip“ (Schreiber) eine gewisse Berühmtheit. In Adela Peevas Film begegnen wir diesem Lied in vielen Gestalten: Als Liebeslied, als religiöse Hymne, als Hymne von Revolutionen, als Militärmarsch oder als musikalisches Bildnis wunderschöner Landschaften.

Und ein wenig Balkan der 90er Jahre steckt doch auch in deutschen Landen. In Deutschland wird der Migrationshintergrund langsam aber sicher zum Migrationsvordergrund. Wie deutsch ist Pizza und woher kommt eigentlich unser Kaffee? Funktioniert Döner auch mit Schweinefleisch? Und wie islamisch ist Oma Lieschen Müller, wenn sie sich im Winter ein Kopftuch überzieht? Was ist Schein und was ist Sein? Wer hat welche Agenda? Wäre die Debatte über Deutschland und die Migrationshinter-, vorder-, unter- und -abgründe eine trockene Wüste, dann wäre so mancher Politiker, so mancher nach Aufmerksamkeit lechzende "Islamkritiker" oder abgesetzte Bundesbänker im Spähtrupp der Durstigen, die verzweifelnd nach Wasser suchen. Man kann doch nicht mit Kanonenkugeln auf Spatzen schießen!? Sie sagen, wir sollen uns auf unsere christlich-jüdischen Wurzeln besinnen, um nicht zu verdursten. Man sagt, sie wären sogar bereit, sich bis zur „letzten Patrone“ der Vernunft zu widersetzen. Irgendwie muss es doch einfacher gehen, ohne Verschwendung von Munition, ohne Kränkungen und Ausgrenzung. Ich sage: Grabt euch endlich einen Brunnen, damit wir entspannter miteinander diskutieren können! Und danach hören wir Weltmusik...

Adela Peevas Film ist aus dem Jahr 2003, doch scheinen die Protagonisten noch im letzten Jahrhundert zu stecken, in pseudonationalen Erinnerungen schwelgend, als die Welt noch eine einfache war. Man könnte den Film nach dem Motto „selber Song, verschiedene Ohren“ kurz zusammenfassen, doch steckt mehr dahinter: Zum einen ist da die Schönheit der Melodie, ihre Vielfalt der Interpretation und eine offensichtlich gemeinsame Wurzel. Zum anderen sind die Menschen taub geworden, sind unter Umständen einfach taub gemacht worden durch die Wirren der Kriege, durch Stereotype und Vorurteile. Sie hören die gemeinsame Melodie nicht mehr, sondern nur noch das, was sie hören wollen.

Aber die Welt des 21. Jahrhunderts sieht anders aus. Da passiert etwas vor unseren Augen. Die Melodie mag leise sein, doch immer mehr Menschen scheinen Sie zu hören, vernetzen sich und schaffen etwas Neues. Machen Sie mit: Hören Sie, sehen Sie, teilen Sie!

Ausschnitte aus Adela Peevas „Whose Song Is it?”:



Inspiriert durch Adela Peeva wurde ein Projekt über „Everybody’s Song“ mit über 500 Musikern aus über 20 Nationen gestartet. Gefördert wurde das Projekt unter anderem von der Europäischen Union.

Und im Folgenden finden Sie Links zu Videos mit einigen verschiedenen Versionen aus aller Welt.
Hierbei gibt es aus den jeweiligen Ländern noch andere Versionen. Oft würden Sie auch den Zusatz finden, dass das jeweilige Lied ein traditionelles Lied des jeweiligen Landes sei, ausgenommen der Beispiele aus den USA und Japan.



  • Bosnien - "Anadolku"
    Ein Ausschnitt aus Adela Peevas Station in Sarajevo. Hier wurde dem Text einfach "im Namen Muhammads" hinzugefügt.

 

01.03.2011

UN: Gaddafi soll dem Club der Kriegsverbrecher beitreten

Gaddafi soll Milosevic und Karadzic folgen - über die Achse der Kriegsverbrecher

Von Daniel Roters

Muammar Gaddafi wird sich unter
Umständen vor dem Internationalen
Gerichtshof verantworten müssen.

Mit der UN-Resolution Nr. 1970 vom 26.02.2011 hat die internationale Staatengemeinschaft eine Anklage Muammar Gaddafis wegen Verbrechen an der Menschlichkeit wahrscheinlicher gemacht. Viele Kommentare hatten die Resolution als lahmes, wertloses Signal der Welt gewertet, so auch Muammar Gaddafi selbst. Jene Kommentare sahen lediglich das Reiseverbot und die Sperrung von Konton Gaddafi-Vertrauter im Fokus der Resolution. Die Staatengemeinschaft hat aber deutlich gemacht, dass sie nicht nur ein Ende der Gewaltanwendung gegen libysche Zivilisten fordert, sondern auch bereits begangene mögliche Verbrechen mit den Mitteln des internationalen Recht ahnden lassen will, in der Gegenwart, aber auch in der Zukunft. Eine Warnung an die Despoten dieser Welt.

Mittlerweile hat die Organisation "Koalition für den Internatinalen Gerichtshoff" (ICIC) einen Text veröffentlicht und bittet innerhalb des Netzwerkes von 150 teilnehmenden Staaten um Mithilfe, um dem Chefankläger bei einer möglichen Anklage gegen Gaddafi zu unterstützen. Libyen ist der zweite Fall nach Darfur, der dem Internationalen Gerichtshof durch einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates zugewiesen wurde.

Bereits wenige Stunden nach der Verabschiedung der Resolution folgte Gaddafis Antwort. Er versuchte ausgerechnet in einem Interview mit dem kleinen serbischen Privatsender PINK zu erklären, er sei kein Milosevic oder Karadzic. Der Internationale Gerichtshof versuche gerade eine Anklage auf die Wege zu bringen, die lediglich auf Medienberichten basiere. Er bezeichnete die UN-Sanktionen als null und nichtig. Weiter machte er El Kaida für die Situation in Libyen verantwortlich. Er bezeichnete die Situation in Libyen als ruhig und kontrolliert. In der Tat ist die Verbindung des Muammar Gaddafi zu Serbien delikat. Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens, welches genau wie Libyen ein führendes Mitglied der Bewegung der Blockfreien Staaten war, blieben die engen Beziehungen zwischen Serbien und Libyen bestehen.

Redakteure des serbischen Fernsehsenders hatten den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Zoran Lilic über das Wochenende nach Libyen begleitet, um Filmmaterial zu sammeln. Es waren nicht die Bilder von Toten und Verletzten, die die serbische Öffentlichkeit zu sehen bekam. Der Sender stützte mit einem wohlwollenden Zusammenschnitt des Materials die Inszenierung eines ruhigen Tripoli, der letzten Festung eines sich im freien Fall befindenden Dikators. Lilic, Amtsvorgänger von Milosevic und später dessen Kabinett angehörend, bezeichnete sich selbst als einen "engen Freund" Gaddafis. Lilic hatte während seines Aufenthaltes am Wochenende in Tripoli die Evakuierung von serbischen Staatsbürgern beaufsichtigt. Die serbischen Geschäftsbeziehungen zu Libyen sind im Bereich der Rüstungsindustrie, der Immobilien und dem Maschinenbau-Sektor anzusiedeln. Hauptabnehmer für serbische Waffen ist Libyen.

Die serbische Zeitung ALO! hat am 23.02.2011 einen Bericht veröffentlicht, der ein weiteres dunkles Geheimnis der serbisch-libyschen Beziehungen offen legt. Ein Informant des serbischen Militärs habe der Zeitung Material zugespielt, welches beweist, dass serbische Söldner mitunter die ersten Söldner waren, die in Gaddafis Auftrag in den Straßen von Tripoli Patroullien durchgeführt haben sollen. Dem Bericht zu Folge sind diese Södner teilweise schon als Gastarbeiter in afrikanischen Staaten beschäftigt gewesen und haben ihre Arbeitsplätze verlassen, da libysche Offizielle ihnen fünfstellige Dollar-Beträge angeboten hatten. Andere seien direkt aus Serbien in Tripoli eingeflogen worden.

Hinterbliebene der Opfer von Srebrenica können in vielen
Fällen nur die Gedenkstätte besuchen, um der Verstorbenen
zu gedenken. Noch immer werden Massengräber gefunden,
Tote identifiziert und in Würde bestattet.
Die Kämpfer seien größtenteils Überreste einer serbischen Spezialeinsatztruppe namens "Red Berets", die sich 2003 aufgelöst hatte, weil einige ihrer Mitglieder in Verbindung mit den Kriegsverbrechen während der Balkan-Kriege gebracht wurden, darunter die Massaker von Srebrenica und  Racak. Schon in den 1990ern hatte Gaddafi auf serbische Milizen zurückgegriffen, um vermeintliche "Islamisten" zu bekämpfen. Während der Kämpfe in Libyen gab es immer wieder Berichte über serbische Piloten, die die libysche Luftwaffe dabei unterstützt haben soll, Zivilisten anzugreifen. Libyer selbst twitterten über eine Beteiligung von Serben in den Kämpfen und auch CNN-Korrespondent Ben Wedeman berichtete über die Beteiligung serbischer Söldner in Libyen.

Slobodan Milosevic vor dem
UN-Kriegsverbrechertribunal
Nun wird also Gaddafi voraussichtlich das Schicksal anderer Kriegsverbrecher teilen. Milosevic hatte als Präsident Serbiens rechtsradikale serbische Parteien  und paramilitärische Verbände in Kroatien und Bosnien-Herzegowina unterstützt, um ein Groß-Serbien zu etablieren. Er war verantwortlich für den Zusammenbruch Jugoslawiens und für die blutigen über 10 Jahre andauernden Konflikte in der Balkan-Region. Am 27. Mai 1999 wurde Milosevic vom Internationalen Gerichtshof der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wegen Verstößen gegen die Genfer Konventionen und des Völkermordes angeklagt. Die Anklageschrift aus insgesamt  66 Klagepunkten liest sich wie die Vita eines mittelalterlichen Feldherren. Nur hatte dieses Mal ein Staatschef im Europa unserer Zeit unter den Augen der Öffentlichkeit gewütet. Noch während des Prozesses ist Milosevic im März 2006 einem Herzinfarkt erlegen. Ob dieser bewusst von Milosevic in Selbsttötungsabsicht provoziert, oder durch eine unzureichende medizinische Beitreuung ausgelöst wurde, ist bis heute unklar.

Radovan Karadzic vor dem
UN-Kriegsverbrechertribunal
Radovan Kradzic war als Führer der bosnischen Serben für die Kriegsverbrechen gegen die muslimische Bevölkerung Bosniens und Bürgern kroatischer Herkunft verantwortlich. Für ihn war die Unabhängigkeitserklärung Bosniens gegenüber den serbischen Autokraten in Belgrad eine Kriegserklärung gegen das serbische Volk. In der letzten Debatte des Parlamentes von Bosnien-Herzegowina sagte Karadzic abschließend, unumwunden und pauschal: "Wenn die Muslime Krieg haben wollen, dann können sie ihn haben!" Er rief eine eigene Republik innerhalb Bosniens aus und plante durch einen durchstrukturierten Partei- und Militärapparat Massenhinrichtungen an den Bosniaken, eine "ethnische Säuberung", wie sie von Kommentatorien dieser Zeit genannt wurde. Nach dem Angriff serbischer Truppen auf das nahezu wehrlose Sarajevo am 9. April 1995, erließ das UN-Kriegsverbrechertribunal einen internationalen Haftbefehl gegen Karadzic. Im Juli 1995 fand dann dennnoch ein Massaker ungeahnten Ausmaßes nahe des kleinen Ortes Srebrenica statt. Über 8000 Muslime wurden unter den Augen von niederländischen UN-Soldaten separiert, in ein Waldgebiet gebracht, ermordet und dann in Massengräber verscharrt. Srebrenica ist heute ein Ort der Witwen. Ganze Familien haben ihre Väter und Söhne verloren. Erst 2008 konnte Radovan Karadzic fesgenommen und dem Internationalen Gerichtshof übergeben werden.

Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass Seif al-Islam Gaddafi in seiner Fernsehansprache vor wenigen Tagen die libyische Öffentlichkeit warnte, in dem er an das Blutvergießen in Jugoslawien in 1990ern erinnerte.

Was haben die genannten Kriegsverbrecher gemeinsam? Sie schießen sich ausgerechnet auf die Rhetorik der Bush-Ära ein und verteidigen sich: Wir kämpfen gegen Islamisten, wir kämpfen gegen El Kaida.

Doch der wahre Feind der Despoten sind Menschen, die erkannt haben, dass Brot und Wasser zum Leben nicht ausreicht. Sie lassen sich nicht mehr einschüchtern und durch eine Politik à la Zuckerbrot und Peitsche gängeln. Das Recht ist auf ihrer Seite... hoffentlich!

[Nachtrag: Natürlich ist Milosevic im Jahre 2006 gestorben, und nicht 2002. Vielen Dank für den Hinweis! DR]