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23.04.2011

Zur Geschichte des Islams in Tunesien, Folge 5

Šuqrân und der Weltentsager aus Ägypten

Von Marco Schöller


Abû `Alî Šuqrân (gest. 802) lebte in Kairouan und war ein Freund von Buhlûl ibn Râšid (st. 799). Buhlûl war ein kauziger »Gottesmann«, dessen Bittgebete, wie fast jedermann glaubte, von Gott erhört wurden. Ein späterer Biograph charakterisierte Šuqrân wie folgt:
»Er betete und fastete viel. Er lebte in ständiger Trauer und war von Furcht erfüllt. Sein Herz war leicht erregbar, seine Tränen flossen oft und reichlich. Von Kindheit an sprach er Worte der Weisheit und brachte die Menschen zum Dienst an ihrem Herrn zurück, indem er sie mit guten Worten ermahnte. Ein Gefährte Šuqrâns erzählte später, ein grünliches Licht habe über seinem Kopf geleuchtet, wann immer ihm eine Bitte, die er Gott vorgetragen hatte, erfüllt worden war.«
Der nachmals berühmte Weltentsager Dhû n-Nûn al-Misrî (st. 859) soll einst den weiten Weg von Ägypten nach Kairouan auf sich genommen haben, um Šuqrân zu sehen und von ihm zu hören. Über das Zusammentreffen Dhû n-Nûns mit Abû `Alî Šuqrân gibt es zahlreiche, teils legendenhafte Berichte in den historischen Quellen.
* * *

Nach dem Bericht von Abû l-`Abbâs al-Ibyânî war Dhû n-Nûn zu Abû `Alî Šuqrân nach Kairouan gereist, um von ihm zu hören. Šuqran verließ jedoch sein Haus nur zum Freitagsgebet, und als er wieder einmal aus der Tür getreten war, sprach Dhû n-Nûn zu ihm:
     »Ich bin aus einem fernen Land gekommen, um dich um eine Gabe zu bitten.«
Da hob Šuqrân ein paar Kieselsteinchen von der Erde auf und gab sie Dhû n-Nûn in die Hand. Als Dhû n-Nûn in seine Hand blickte, sah er, daß sich die Kiesel in Diamanten verwandelt hatten.
     »Nicht deshalb bin ich gekommen!« protestierte Dhû n-Nûn.
     »Weshalb sonst?« fragte Šuqrân.
     »Damit du mir eine Ermahnung gibst!« sprach Dhû n-Nûn.
     Da sagte Šuqrân zu ihm:
Iß nur von dem, was deine Rechte erarbeitet und wofür deine Stirn geschwitzt hat!
Iß jedoch nicht von dem, wofür du bei anderen Schulden machtest!
Sobald deine Glaubensgewißheit an Stärke verliert, suche Hilfe bei Gott, deinem Helfer!
* * *

Ein anderer Bericht erzählt, Dhû n-Nûn sei zu Ohren gekommen, daß es im Maghreb einen Gottesdiener namens Šuqrân gebe, der sich nur jeden vierzigsten Tag den Leuten zeige. Als Dhû n-Nûn in den Maghreb (also nach Ifrîqiyah) gereist und in Šuqrâns Wohnort angekommen war, fragte er nach ihm und erhielt die Auskunft: »Gerade hat er sich wieder zurückgezogen. Er wird erst in vierzig Tagen wieder erscheinen.«

Dhû n-Nûn wartete vierzig Tage lang vor seiner Tür.

Als die vierzig Tage um waren, kam Šuqrân heraus, erblickte Dhû n-Nûn und sprach zu ihm:
     »Du kommst aus dem Osten?«
     Dhû n-Nûn bejahte, und Šuqrân fragte weiter:
     »Was hat dich veranlaßt, hierher zu kommen?«
     Dhû n-Nûn sagte: »Man hat mir von dir erzählt, also machte ich mich auf, dich zu besuchen, damit du mir eine Ermahnung gibst. Gott wird dann vielleicht dafür sorgen, daß mir deine Worte nützlich sind!«
     Da sprach Šuqrân:
Mein Junge! Wandere über die Erde und bediene dich dabei der Kräuter, sie zu essen, um der Pflicht (dich am Leben zu erhalten) zu genügen!
Nimm von niemandem ein Geschenk oder eine Leihgabe an!
Wenn du aber fürchtest, doch etwas borgen zu müssen, dann suche Hilfe bei dem, dem man jede Bitte vortragen kann (= Gott)!
Dann ging er wieder hinein, und Dhû n-Nûn saß für weitere vierzig Tage vor seiner Tür.

Nach Ablauf der vierzig Tage kam Šuqrân wieder heraus und sagte zu Dhû n-Nûn:
     »Hat dir meine Ermahnung denn gar nichts genützt?«
     Dhû n-Nûn erwiderte: »Ich will noch mehr hören!«
     Da sprach Šuqrân: »Du bist nicht einer derer, die mehr vertragen, und so wird dich, was ich zu sagen habe, nicht mehren, sondern mindern! Gleichwohl:
Mein Junge! Iß von dem, was deine Rechte erarbeitet und wofür deine Stirn geschwitzt hat!
Iß jedoch nicht von dem, wofür du bei anderen Schulden machtest!
Wenn du fürchtest, daß deine Glaubensgewißheit schwindet, dann suche Hilfe bei Gott, deinem Helfer!
Wisse, daß du und ich morgen vor dem Angesicht Gottes, des Erhabenen, stehen werden, also fürchte Gott und beschwere dich nicht über den, der Sich deiner erbarmt (= Gott), bei dem, der sich deiner nicht erbarmt!
«
     Dann ging er wieder hinein, und Dhû n-Nûn saß für weitere vierzig Tage vor seiner Tür.

Als Šuqrân wieder herauskam, sagte er zu Dhû n-Nûn:
     »Hat dir meine Ermahnung nichts genützt?«
     Dhû n-Nûn erwiderte: »Ich will noch mehr hören!«
     Da sprach Šuqrân: »Du bist nicht einer derer, die mehr vertragen, und so wird dich, was ich zu sagen habe, nicht mehren, sondern mindern! Gleichwohl:
Mein Junge! Wenn du dich mit dem zufrieden gibst, was Gott dir zugeteilt hat, so wirst du der enthaltsamste aller Menschen sein!
Wenn du befolgst, was Gott dir befohlen hat, so wirst du der beste Seiner Diener sein!
Wenn du unterläßt, was Gott, der Erhabene, dir untersagt hat, dann wirst du der gewissenhafteste aller Frommen sein!«
Als Šuqrân Anstalten machte, ein weiteres Mal hineinzugehen, packte ihn Dhû n-Nûn am Gewand und sagte:
     »Gib mir von deinem Proviant (für die Reise ins Jenseits) etwas ab, das mir Gott, der Erhabene, von Nutzen sein läßt!«
     Da steckte Šuqrân dem Dhû n-Nûn etwas in die Hand, das die Form eines Dinars (einer Goldmünze) oder eines Dirhams (einer Silbermünze) hatte. Als Dhû n-Nûn darauf blickte, sah er, daß einer der Namen Gottes, des Erhabenen, darauf stand. Später sagte er: »Immer, wenn ich in diesem Namen etwas von Gott erbat, hat Er es mir gewährt!«

Nach anderen soll Šuqrân dem Dhû n-Nûn einen Zettel gegeben haben, auf dem geschrieben stand:
     »O Immerwährend-Beständiger! O Hervorbringer aller Pflanzen! O Hörer aller Stimmen! O Erfüller aller Bitten!«
* * *

Eine weitere Erzählung vom Zusammentreffen Dhû n-Nûns mit Šuqrân berichtet uns folgendes:

Eines Tages wurden Dhû n-Nûn die weisen Worte eines Mannes aus dem Maghreb vorgetragen. Dhû n-Nûn war von ihnen so eingenommen, daß er beschloß, diesen Mann aufzusuchen. Er reiste also in den Maghreb und ließ sich für vierzig Tage vor der Tür seines Hauses nieder.

     Der Mann – es handelt sich um Šuqrân – ging jeden Tag fünf Mal zum Gebet in die Moschee und kehrte dann mit sorgenvollem Gesicht nach Hause zurück. Doch sprach er weder zu Dhû n-Nûn noch zu jemandem sonst ein einziges Wort. Dhû n-Nûn verlor deshalb die Zuversicht und wußte nicht mehr, was er machen sollte. In seiner Not sprach er Šuqrân schließlich an:
     »O du! Ich sitze hier seit vierzig Morgen, doch sagtest du nie ein Wort zu mir!«
     Šuqrân entgegnete: »Du mußt wissen, meine Zunge ist ein reißendes Tier: Wenn ich sie losließe, würde sie mich auffressen!«
     Doch Dhû n-Nûn insistierte: »Gott möge Sich deiner erbarmen! Gib mir eine mahnende Unterweisung, die ich von dir mitnehmen und im Gedächtnis bewahren kann!«
     »Wirst du denn danach handeln?« fragte Šuqrân.
     »Ja, so Gott, der Erhabene, will!« antwortete Dhû n-Nûn.

Šuqrân hob also an und sprach:
Liebe nicht das Diesseits!
Halte die Armut für Reichtum!
Halte die Prüfung, die dir Gott, der Erhabene, schickt, für eine Gnade!
Halte den Verzicht, den Gott dir auferlegt, für eine Bereicherung, die Einsamkeit mit Gott für Geselligkeit!
Halte die Erniedrigung für Erhöhung, das hohe Ansehen für eine Verfehlung!
Halte die Verzweiflung für eine Tugend, den Gehorsam (gegenüber Gott) für einen Beruf!
Halte das Gottvertrauen für dein täglich Brot!
Und halte Gott, den Erhabenen, für einen Ausweg in jeder Lage!
Danach sprach Šuqrân einen ganzen Monat lang kein Wort mehr zu Dhû n-Nûn. Dieser sagte schließlich zu ihm:
     »Gott möge Sich deiner erbarmen! Ich möchte in mein Land zurückkehren. Wenn du mir also eine weitere Ermahnung geben willst, dann tu es jetzt!«
     Šuqrân sprach: »Hast du nicht bereits genug gehört?«
     Doch Dhû n-Nûn erwiderte: »Gott, der Erhabene, möge Sich deiner erbarmen! Ich bin ein Mann, der ganz am Anfang steht, und besitze noch kein Wissen!«
     »Ist das so?« fragte Šuqrân.
     »Ja, das ist so« sagte Dhû n-Nûn.

Šuqrân also sprach:
Wisse, daß dem Weltentsager im Diesseits das Nahrung ist, was er gerade findet!
Seine Wohnung ist dort, wo er sich gerade aufhält, und seine Kleidung das, was ihn eben bedeckt!
Das Alleinsein ist seine gesellige Runde, der Koran sein Zwiegespräch!
Gott, der mächtige Zwingherr, ist sein Vertrauter, das Gott-Gedenken sein Gefährte!
Der Weltverzicht ist sein innerster Begleiter, das Schweigen sein Schutzschild!
Die Furcht ist sein Weg, die Liebe sein Reittier!
Der aufrichtige Rat ist seine größte Begierde, das Reflektieren über den Tod sein einziger Gedanke!
Das geduldige Ertragen ist sein Ruhekissen, die Erde seine Bettstatt!
Die Hochwahrhaftigen sind seine Brüder!
Die Weisheit ist seine Rede, der Verstand sein Führer!
Die Milde ist sein bester Freund, das Gottvertrauen sein größter Gewinn!
Stets hungert und stets weint er!
Und Gott ist sein Beistand!
Dhû n-Nûn fragte noch nach und sagte:
     »Gott möge Sich deiner erbarmen! Wie aber weiß ich in diesen Dingen, daß ich übertreibe, und wie, daß ich zuwenig tue?«
     Šuqrân erwiderte: »Dadurch, daß du dir in deiner Seele Rechenschaft über dich selbst gibst und mit ihr in ständiger Zwiesprache stehst. Doch Schluß jetzt! Du hast genug gehört!«

* * *

Anmerkung:
Über die wahrscheinliche Legendenhaftigkeit des Berichteten ist kein endgültiger Aufschluß zu erhalten. Die genannten Personen sind aber historisch mehr (im Fall von Dhû n-Nûn) oder weniger (im Fall Šuqrâns) gut bezeugt.
     Die Passagen sind aus folgenden Werken übersetzt: al-Mâlikî, Kitâb Riyâd an-nufûs, Band I; Ibn ad-Dabbâgh, Ma'âlim al-îmân fî ma'rifat ahl al-Qairawân, Band I.

09.04.2011

Zur Geschichte des Islams in Tunesien, Folge 4

Tâhir al-Haddâd (1899-1935): Tunesiens verkannter Reformer, Tunesiens nationales Symbol

Dritter und letzter Teil

Von Iman Hajji

»Ich bin felsenfest davon überzeugt, daß der Islam unschuldig ist, wenn es um den Vorwurf geht, er verhindere Reformen. Dies ist der Grund, der mich zum Verfassen dieser meiner Schrift über die Frau in Gesetz und Gesellschaft veranlasste, damit wir sehen, wer der Rechtleitende ist und wer nicht nur selbst in die Irre geht, sondern auch die anderen irreleitet. Ich hoffe, damit einer mir auferlegten Pflicht nachzukommen, in der ich eine Schuld sehe, die ich gegenüber dem Volk, dem ich angehöre, und einer Nation, von der ich ein Teil bin, habe.«
Tâhir al-Haddâd veröffentlichte sein Werk Imra'atunâ fî š-šarî'a wa-l-mujtama' im Oktober des Jahres 1930. In einer Zeit, in der in Tunesien eine nicht zu unterschätzende Frauenfeindlichkeit herrschte, widmete al-Haddâd seine Schrift eben diesen Frauen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden bzw. denen es, al-Haddâd zufolge, nicht möglich war, überhaupt ein Teil der Gesellschaft zu sein.

Frauendiskriminierung stellte für al-Haddâd eine große Malaise dar, die gesellschaftlichen Fortschritt hemmt und der aus diesem Grund entgegengewirkt werden muß. Es war für al-Haddâd eine nationale Pflicht, das Buch zu verfassen, und er hoffte, damit einen Beitrag zur Umgestaltung der tunesischen Gesellschaft zu leisten. Dabei versuchte er vor allem zu verdeutlichen, daß die Frauenunterdrückung nicht im Islam verwurzelt ist.

Die historische Entwicklung der Stellung der orientalischen Frau wird an verschiedenen Vergleichspunkten skizziert: Die beklagenswerte Situation der Frau in vorislamischer Zeit (jâhilîya) wurde vom Islam verbessert, ihr sozialer Status durch den Islam angehoben. Jedoch entwickelte er sich nach al-Haddâd dann wieder zurück, bedingt durch verschiedene Faktoren wie beispielsweise veraltete lokale Traditionen, was mit einer erneuten Entrechtung der Frauen einherging. Da dies weder im Sinne des Islam ist noch gesellschaftsfördernd wirkt, müsse dieser Zustand geändert werden.

Al-Haddâd bezieht sich auf Koran und Sunna und spricht sich gegen das Prinzip des insidâd bâb al-ijtihâd aus, also gegen die »Verriegelung« oder auch »Zumauerung« des »Tors des Ijtihâds«. Damit steht al-Haddâd in der Tradition des Reformers Jamâl ad-Dîn al-Afghânî (1839-97) und dessen Schülers Muhammad 'Abduh (1849-1905), für die »das Tor des Ijtihâd« ebenfalls keineswegs verschlossen war. Auch der jemenitische Gelehrte aš-Šawkânî hatte schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts vehement bestritten, daß »das Tor des Ijtihâds« zu schließen, ja daß es überhaupt jemals geschlossen worden sei.

Al-Haddâd argumentiert, daß einzelne Gesetze im Islam häufig die Antwort auf ganz spezifische historische Ereignisse oder gesellschaftliche Begebenheiten gewesen und somit nicht selten kontextgebunden seien. Darüber hinaus gebe es jedoch Grundprinzipien, die unabhängig von jeglichen Faktoren von allgemeiner Gültigkeit sind. Dazu zählen der Monotheismus wie auch moralgeleitetes Handeln oder die Achtung von Gerechtigkeit, Würde und Gleichheit aller Menschen. Ferner existierten im Islam Phänomene fort, die bereits in vorislamischer Zeit im Gebrauch waren, die jedoch im Laufe der weiteren historischen Entwicklung hätten aufgehoben werden können. Er nennt als Beispiele Sklaverei und Polygamie und betont, daß diese Phänomene zwar im Islam weiterbestehen, jedoch nicht zu seiner Essenz gehören. Das Aufheben dieser Traditionen würde ihm zufolge dem Islam nicht schaden.

Es können an dieser Stelle nicht alle Punkte behandelt werden, die al-Haddâd bezüglich der rechtlichen Stellung der Frau diskutiert. Ich beschränke mich daher auf die Thematik des Schleiers. (Andere Themen, die in seinem Werk diskutiert werden sind u.a. Ehe bzw. das Recht auf freie Partnerwahl, Polygamie, Scheidung und Erbrecht.)
* * *

Al-Haddâd widmet der Frage des Ganzkörperschleiers, der zu seiner Zeit die übliche Kleidervorschrift für Frauen in Tunesien war, besondere Aufmerksamkeit und unterstreicht, daß der Schleier in der genannten Form in den koranischen Bekleidungsvorschriften nicht belegt sei.

Den Vers »Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihren Blick senken und ihre Scham wahren, ihren Schmuck nicht offen legen, außer dem, was davon sichtbar ist. […]« (Koran 24:31) legt al-Haddâd unorthodox aus: Die Vorschrift, die Augen niederzuschlagen, führe demnach zu der Schlußfolgerung, daß Blicke zwischen Männern und Frauen nicht durch einen Schleier getrennt sein könnten, denn andernfalls wäre die Vorschrift ja gegenstandslos. Durch die Aussage »soweit er (sc. der Schmuck) nicht normalerweise sichtbar ist« (illâ mâ zahara minhâ), lege der Koran nicht wörtlich fest, was von der Frau sichtbar sein darf und was bedeckt sein muß, damit die Auslegung keine »statische« sei, sondern an die Entwicklungen und die Bräuche der jeweiligen Zeit angepaßt werden könne. Und al-Haddâd geht noch einen Schritt weiter:
»Dies verdeutlicht, daß der Schleier, den wir der Frau als eine Grundlage des Islam auftragen – sei es indem wir sie im Hause verweilen lassen oder indem wir ihr den Gesichtsschleier überziehen – keine Angelegenheit ist, die sich ohne weiteres als eine islamische bestimmen läßt. Vielmehr verdeutlicht der Wortsinn des Verses die Ablehnung des Schleiers aufgrund der (Auslegungs)schwierigkeiten, die mit ihm verbunden sind. Was uns sicher sein läßt, daß der Schleier nicht auf dem Islam basiert, ist die Tatsache, daß, wenn er etwas "Eindeutiges" gewesen wäre, das der Prophet befürwortet hätte, wie es seine (sc. des Schleiers) Anhänger behaupten, doch dann wäre es nicht möglich, dass die geistigen Führer des Islam darüber uneins waren; dazu gehören doch die Gefährten des Propheten und die Gelehrten, die deren Zeit erlebten.«
Es wird ersichtlich, daß al-Haddâd den Schleier bzw. die komplette Verhüllung der Frau, einschließlich ihres Gesichts, zu den Elementen zählt, die zwar im Islam existieren, jedoch nicht zu seinem »Fundament« gehören.

Der Diskussion wird ein weiterer entscheidender Vers hinzugefügt: »Prophet, sag deinen Frauen, deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herabziehen. So werden sie am ehesten erkannt und nicht gekränkt. Gott ist voller Vergebung und barmherzig.« (Koran 33:59). Al-Haddâd schließt aus diesem Vers ein Verbot der Zurschaustellung weiblicher Reize (tabarruj), um unzüchtige Gedanken bei Männern zu vermeiden. Man müsse außerdem dabei berücksichtigen, daß die Frauen der vorislamischen jâhilîya ihr Dekolleté, ihren Nacken sowie ihre Beine nicht zu bedecken pflegten. Die in dem Vers enthaltene Bekleidungsvorschrift diene dazu, die muslimische Frau von der Nichtmuslimin zu unterscheiden und sie vor »boshaftem Gerede« (sû' al-qawl) zu schützen. Nach der Darstellung al-Haddâds werden damit gleichzeitig islamische Werte geschützt.

Er betont darüberhinaus, daß man das Gebot des hijâb (Gesichtsschleiers) fälschlicherweise dahingehend interpretiere, die Frau zu Hause abzuschirmen und soziale Kontakte zwischen den beiden Geschlechtern zu unterbinden. Al-Haddâd widerlegt diese Annahme durch den folgenden Koranvers: »Keine Beschwernis sollen haben der Blinde, der Krüppel, der Kranke und ihr selbst, wenn ihr in eurem Haus esst, in dem eures Vaters oder eurer Mutter, eurer Brüder oder Schwestern, eurer Onkel und Tanten väterlicherseits, eurer Onkel und Tanten mütterlicherseits, in einem, dessen Schlüssel ihr beseitzt, oder dem eines Freundes. Es ist für euch kein Vergehen, gemeinsam oder getrennt zu essen. Doch wenn ihr in Häuser geht, dann grüßt einander mit gesegnetem, gutem Gruß von Gott! So macht Gott euch die Zeichen klar. Vielleicht versteht ihr!« (Koran 24:61). Dieser Vers zeigt laut al-Haddâd, daß der Islam seine Anhänger ermutigt, freundschaftliche Beziehungen zueinander zu pflegen. Daran sei nichts Verwerfliches, solange man keine »verdorbenen« Absichten verfolge.

Insgesamt seien die zitierten Verse Vorsichtsmaßnahmen, die die Gesellschaft vor Verderbtheit schützen, die jedoch nicht zu einem Hindernis im Alltagsleben der Menschen ausarten sollen. Dies sei zwar der Fall, allerdings sei nicht der Islam, sondern vielmehr die ignorante Auslegung seiner Gebote dafür verantwortlich:
»Die Lehre, die wir aus diesen edlen Versen ziehen, ist, daß die Maßnahmen, die zur Vorbeugung vor Schandtaten dienen, nicht zu störenden Faktoren im Leben der Menschen und zu Behinderung ihrer Interessen werden sollten. (Dies steht) im Gegensatz zu unserer heutigen Auffassung des Islam, mit der wir die Frau und dadurch uns selbst vernichtet haben Dadurch wären wir muslimischer als der Islam (verlangt). Welch Unglück und welche Ignoranz.«
Was die Herkunft des Schleiers betrifft, so legt al-Haddâd dar, daß er ursprünglich ein über Jahrhunderte hinweg praktizierter Stammesbrauch sei. Einige Stämme gingen sogar so weit, das Tragen des Schleiers auch in Anwesenheit von engsten Familienangehörigen wie Vätern oder älteren Brüdern vorauszusetzen. Bei einigen Stämmen, den sogenannten mulaththamûn (»die Verhüllten«) ist das Tragen des Schleiers selbst für Männer Pflicht; »Verhüllte« in diesem Sinn nennt man in Nordafrika insbesondere auch die Tuareg. Dennoch merkt al-Haddâd an, daß der Schleier zwar in Städten und Dörfern getragen wird, nicht jedoch in der Wüste, wo die Menschen »ihren Instinkten folgen«. In diesem Sinne schreibt er: »Jedes Mal, wenn ich über die Angelegenheit des Schleiers nachdenke, dann sehe ich darin unseren Egoismus, der sich hinter religiösen Gefühlen versteckt, als Festung, mit der er sich über Andersdenkende erhebt.«

Auf gesellschaftlicher Ebene sei der Schleier besonders problematisch, wenn es um die Partnerwahl gehe. Al-Haddâd argumentiert, daß die Partnerwahl aufgrund des Schleiers stark eingeschränkt werde. Der Mann habe sich bei der Brautwahl an den Beschreibungen der Familie der Braut zu orientieren, welche nicht selten überschwenglich –  und wenig wirklichkeitsgetreu! – seien. Deshalb könne der Mann nie wirklich wissen, was er »bekomme«, und tatsächlich werde er nicht selten getäuscht. Das Ergebnis sind unglückliche Ehen und eine hohe Scheidungsrate. Das Ablegen des Schleiers sei deshalb mit Vorteilen für beide Geschlechter verbunden, und tatsächlich, so der Autor, legten immer mehr Frauen den Schleier ab, orientiert am Beispiel der Europäerinnen.

Al-Haddâd betont jedoch, daß das Ablegen des Schleiers nicht mit der völligen Entblößung von Nacken, Brust und Gliedmaßen sowie dem Tragen von reizvollem Schmuck und Parfum einhergehen sollte. Mit anderen Worten: Das geforderte Ablegen des Schleiers soll nicht in ein blindes Nachahmen europäischer Bräuche ausarten, wie von Verfechtern des Schleiers bereits drohend vorhergesagt wurde. Entscheidend sei es, das richtige Maß der Dinge zu finden. Dabei sollten sich Frauen vor allem auf ihre Pflichten und ihre Verantwortung konzentrieren und sich nicht zu einem Objekt männlicher Begierde degradieren.

* * *

Die Quintessenz der Ausführungen al-Haddâds kann durchaus in der bereits erwähnten progressiven Rechtsprechung und der zeitgemäßen Auslegung islamischer Vorschriften gesehen werden. Al-Haddâd zeichnet sich vor anderen Reformern durch seinen energischen Modernisierungsdrang und die Erkenntnis aus, daß eine Umgestaltung der tunesischen Gesellschaft nur realisierbar ist, wenn vorher die Situation der tunesischen Frau geändert und ihre Emanzipation gewährleistet wird.

Der namhafte französische Islamwissenschaftler Jacques Berque bemerkte nicht zu Unrecht:
»Les réformistes, qui de surcroît ont sur eux l’avantage de l’élocution, les ridiculisent. Mais, ce faisant, ils ne dépassent pas certaines limites. Eux-mêmes ne touchent qu’avec mille précautions à des questions comme celle de la femme. C’est ce qu’on voit bien au moment de la querelle soulevée par le livre de H’addâd (sic!)« (J. Berque: Le maghreb entre deux guerres, Band 2, S. 639 f.)
Das erklärt vielleicht auch die Reaktionen, die al-Haddâds Werk in Tunesien hervorrief. Die kolonisierten Muslime, die wesentlich darauf bedacht waren, ihre kulturelle Identität zu verteidigen, mußten nun zusehen, wie al-Haddâd aus ihren eigenen Reihen an ihrem kulturellen Gerüst rüttelte und sich gegen ihre Traditionen wandte. Die Annahme, daß al-Haddâd mit seinen Gedanken seinem Land und seiner Zeit voraus war, ist somit nicht unbegründet.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, daß einige Autoren al-Haddâd als Feministen bezeichnen. Inwieweit es sich bei al-Haddâds Diskurs jedoch tatsächlich um einen »feministischen« handelt, muß ebenso dahingestellt bleiben wie die Frage, ob sich al-Haddâd selbst als Feminist verstanden hat. Seine frauenfreundliche Haltung kann ihm freilich keiner aberkennen. Davon zeugt nicht nur sein Werk Imra'atunâ fî š-šarî'a wa-l-mujtama', denn in seinen Gedanken liest man u.a.:
»Wir lieben die Frau – und wir hassen sie. Wir lieben sie als Beute zwischen unseren Händen, auch wenn sie unsere Existenz zerstört – und wir hassen sie als Freie und Vernünftige neben uns, weil wir wissen, wie wir Lust durch die Reizung unserer Sinne erfahren können. Wir wissen jedoch nicht, wie wir Lust durch die Reizung unserer Seelen und Gedanken erfahren können.«
Trotzdem stellt sich die Frage, ob al-Haddâd wirklich die Befreiung der tunesischen Frau um der Frauen willen fordert. Ob er ihre vollständige Gleichberechtigung im Sinne des Feminismus fordert, ist ebenfalls zweifelhaft. Seine Motivation geht eher von seinem persönlichen Islamverständnis aus und dem Willen, den »wahren« Geist des Islam zu verwirklichen, von dem seiner Meinung nach die tunesische Gesellschaft »abgefallen« ist. Tatsächlich hat er erkannt, daß eine gesellschaftliche Reform nur erreicht werden kann, wenn vorher die Situation der Frau geändert wird. Die Emanzipation der Frau sollte demnach schon aus gesellschaftlichem Interesse verwirklicht werden.

Literatur:
Iman Hajji: Ein Mann spricht für die Frauen. at-Tahir al-Haddad und seine Schrift ›Die tunesische Frau in Gesetz und Gesellschaft‹, Berlin 2009 (Islamkundliche Untersuchungen 291).

Quellen und moderne Studien:
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* * *

Anmerkung der Redaktion:

Iman Hajjis Buch wurde auf Qantara.de von Martina Sabra rezensiert:
»Der tunesische Islamgelehrte und Aktivist Tahar Haddad. Ein korantreuer Rebell«

Aus aktuellem Anlaß sei hier auch auf den am 5. April 2011 ebenfalls auf Qantara.de erschienenen Beitrag von Lamya Kaddor hingewiesen:
»Koran-Auslegung: Warum ich als Muslima kein Kopftuch trage«

Zu dem im Beitrag erwähnten französischen Islamwissenschaftler Jacques Berque siehe hier.
Rezensionen seines Buches »Le maghreb entre deux guerres«:

18.03.2011

Zur Geschichte des Islams in Tunesien, Folge 3

Historische Anekdoten über Muslime und Christen im 8. Jahrhundert

Von Marco Schöller


Die Meuterei der Leibwache
Der neu eingesetzte umaiyadische Kalif Yazîd ibn 'Abd-al-Malik (reg. 720–724) hatte schon wenige Wochen nach seinem Herrschaftsantritt den Anhänger seines Vorgängers und amtierenden Gouverneur Ifrîqiyahs, Ibn Abî l-Muhâjir, abberufen und durch seinen Günstling Yazîd ibn Abî Muslim ersetzen lassen. Yazîd ibn Abî Muslim war ein Klient des für seine Grausamkeit berüchtigten al-Hajjâj ibn Yûsuf, der im Irak ein Schreckensregiment errichtet hatte. Yazîd war aus dem gleichen Holz geschnitzt, doch formierte sich im tunesischen Kairoaun bald der Widerstand gegen ihn und er wurde bereits nach wenigen Monaten ermordet. Folgende Episode wird uns als Anlaß für seine Ermordung berichtet:

Yazîd hatte sich mit einer Leibwache aus Berbern umgeben, da er den arabischen und persischen Truppen nicht recht traute. Eines Tages soll er von der Kanzel der Großen Moschee Kairouans gesagt haben: »Ich habe beschlossen, die Hände meiner Leibwächter zu tätowieren, wie es die byzantinischen Könige zu tun pflegen. Auf die rechte Hand soll der Name des jeweiligen Leibwächters, auf die linke sollen die Worte ›Meine Leibwache‹ tätowiert werden, damit sie daran unter allen Leuten erkannt werden!« Als die Männer der Leibwache dies hörten, waren sie nicht einverstanden und sprachen unter sich: »Er will uns wie Christen behandeln!« Sie kamen deshalb überein, Yazîd zu ermorden. Als dieser auf dem Weg von seinem Amtssitz in die Moschee war, fielen sie über ihn her. Man hieb ihn an der Gebets- stätte in Stücke.

(Aus Ibn 'Idhârî al-Marrâkushî, al-Bayân al-muhgrib fî akhbâr al-Andalus wa-l-Maghrib)

* * *
Ein Richter in christlicher Gefangenschaft
Der Richter 'Abd ar-Rahmân ibn Ziyâd ibn An'um (gest. 778), der in Kairouan ansässig war, geriet während eines Kriegszugs in christliche Gefangenschaft. Das soll sich im Jahr 734 auf einer Expedition gegen Sizilien zugetragen haben. Sizilien gehörte zu dieser Zeit zum Herrschaftsbereich der Byzantiner.

An einem christlichen Festtag wurden die muslimischen Gefangenen in Sizilien dem dortigen byzantinischen Gouverneur – in den Quellen »König« genannt – vorgeführt, und es wurde ihnen ein üppiges Mahl aufgetischt. Eine noble Dame, die von der guten Behandlung der Araber durch den König erfuhr, trat vor ihn hin, zerriss ihr Gewand, raufte sich die Haare aus und schwärzte ihr Gesicht. Der entsetzte König fragte sie nach dem Grund für ihr Verhalten, und sie entgegnete: »Die Araber töteten meinen Sohn, sie töteten meinen Mann, sie töteten meinen Vater und sie töteten meinen Bruder! Und dir fällt nichts besseres ein, als sie so gut zu behandeln?« Da verdüsterte sich das Gemüt des Königs und sein Herz verhärtete sich. Er befahl, die Araber zu ihm zu bringen, und ordnete an, daß sie alle zu köpfen seien, einer nach dem anderen.

Ibn An'um erzählte später, daß einige seiner Kameraden bereits hingerichtet waren, als die Reihe an ihn kam. Da bewegte er seine Lippen und sprach: »Gott, Gott, Gott! Mein Herr: ich geselle Gott nichts bei, und ich nehme nur Gott zum Freund und Beschützer!« Das sagte er dreimal. Der König hatte bemerkt, daß Ibn An'um etwas gesprochen hatte, und ließ deshalb einen Gelehrten rufen, um den Wortlaut zu erfahren. Als dem König dann mitgeteilt worden war, was Ibn An'um gesagt hatte, fragte er: »Woher hast du gelernt, solches zu sagen?« Ibn An'um antwortete: »Unser Prophet – Gott segne ihn und gebe ihm Heil! – hat es uns so befohlen.« Der König erwiderte, auch Jesus habe den Christen im Neuen Testament dasselbe befohlen. Daraufhin ließ er Ibn An'um und seine noch lebenden Gefährten frei.

Ob diese Geschichte freilich der Wahrheit entspricht, wurde schon von einigen muslimischen Historikern angezweifelt, die berichten, daß auch erzählt werde, Ibn An'um sei tatsächlich von einem abbasidischen Kalifen aus der Gefangenschaft freigekauft worden. Nach anderen kehrte Ibn An'um bereits im Jahr 739 aus der Gefangenschaft nach Ifrîqiyah zurück.

(Aus Abû l-'Arab, Tabaqât 'ulamâ' Ifrîqiyah wa-Tûnis; al-Mâlikî, Kitâb Riyâd an-nufûs; Ibn ad-Dabbâgh, Ma'âlim al-îmân fî ma'rifat ahl al-Qairawân)

* * *
Öl ist nicht gleich Öl
Ahmad ibn Ibrâhîm erzählte, daß Buhlûl ibn Râšid (gest. 799) eines Tages einem Mann zwei Golddinar in die Hand drückte und ihn dann losschickte, damit er von diesem Geld Öl einkaufe. Besonders süß schmeckendes Öl von der Küste sollte es sein, das Buhlûl besonders gern mochte. Der Mann ging also auf den Markt und fragte, wo das süßeste Öl zu haben sei. Man schickte ihn zu einem Christen, der dafür bekannt war, das beste und süßeste Öl zu verkaufen. Der Mann ging also zu dem Christen und verlangte Öl im Wert von zwei Dinaren. Er sagte noch: »Ich kaufe es für Buhlûl ein!« Da sprach der Christ: »Wir sind dank Buhlûl Gott ebenso nahe, wie ihr dank ihm Gott, dem Erhabenen, nahe seid!« Er gab ihm also für zwei Dinar vom süßesten Öl, und zwar soviel, wie man sonst kaum vom schlechtesten Öl für vier Dinar zu kaufen bekam.

Der Mann kehrte zu Buhlûl zurück, übergab ihm das Öl und erzählte, wie es ihm auf dem Markt mit dem Christen ergangen war und was dieser über Buhlûl Gutes gesagt hatte. Er erwähnte auch, daß ihm der christliche Händler viel mehr von dem süßen Öl gegeben hatte, als er für zwei Dinar eigentlich hätte kaufen können. Da sprach Buhlûl: »Gut! Eine Aufgabe hast du erledigt, und nun mußt du noch etwas anderes erledigen: Gib mir die zwei Dinar zurück!« Der Mann erwiderte entsetzt: »Warum in aller Welt, möge Gott es dir wohl ergehen lassen!?« Buhlûl sagte: »Es kam mir gerade in den Sinn, daß Gott, der Erhabene, spricht: Du wirst keine Leute finden, die an Gott und den Jüngsten Tag glauben und zugleich diejenigen lieben, die sich Gott und Seinem Gesandten widersetzen! (Koran 58:22) Ich fürchte aber, daß ich in meinem Herzen Liebe zu diesem Christen entwickeln werde, wenn ich erst von seinem köstlichen Öl gegessen habe. Dann wäre ich selbst einer derjenigen, die die Widersacher Gottes und Seines Gesandten lieben – und das nur eines so banalen weltlichen Genusses wegen!«

Ibn Nâjî (gest. 1433/4) kommentierte zu dieser Geschichte, Buhlûl habe nur aus Frömmigkeit so gehandelt. Tatsächlich aber, so schreibt Ibn Nâjî, beziehe sich der zitierte Koranvers nur auf die Liebe oder Zuneigung im religiösen Sinn, nicht aber auf die Liebe, die das Zusammenleben im Diesseits mit sich bringe: Ein Beispiel dafür sei ja auch, daß es einem Muslim erlaubt sei, eine Christin zu heiraten, und es keinen Zweifel gebe, daß er sie dann, wenn er sie geheiratet habe, auch lieben werde.

(Aus Abû l-'Arab, Tabaqât 'ulamâ' Ifrîqiyah wa-Tûnis; al-Mâlikî, Kitâb Riyâd an-nufûs; Ibn ad-Dabbâgh, Ma'âlim al-îmân fî ma'rifat ahl al-Qairawân)

* * *
Der freundliche Bischof
Im April 793 zog der neue, vom abbasidischen Kalifen Hârûn ar-Rashîd ernannte Gouverneur von Ifrîqiyah, al-Fadl ibn Rauh ibn Hâtim, in Kairouan ein. Keinem Statthalter war zuvor ein so festlicher und freudiger Empfang bereitet worden wie eben diesem Fadl. Verschiedene Festzelte waren errichtet worden, und der Vertreter der christlichen Gemeinde – vermutlich der Bischof, aber in der Quelle einfach »Priester« genannt – hatte über dem Weg einen hölzernen Bogen aufstellen lassen, der mit Duftkräutern behängt war – wohl eine Anspielung auf den Paradiesesgarten. An dem Bogen hing ein Spruchband, auf dem in krakeligen arabischen Buchstaben geschrieben stand: Wir haben dich einen offenkundigen Sieg erringen lassen, * Auf daß dir Gott dir deine vergangenen und künftigen Sünden vergeben möge! (Koran 48:1-2)

Als Fadl den Bogen passierte, fragte er, wer ihn errichten ließ. Man sagte ihm, es sei der Vertreter der Christen gewesen. Fadl sprach: »Bei Gott! Das hat der Christ sehr schön gemacht!« Dann gelangte er bei seinem Einritt in die Stadt zur Moschee von Abu Fihr. Dort erblickte er eine große, nach unten spitz zulaufende Vase aus Glas, die man aufgehängt hatte. Die Vase war mit Wasser gefüllt, und zwei Schlangen (?!) schwammen darin. Fadl erkundigte sich, wer dafür verantwortlich war, und man sagte ihm erneut, es sei der Vertreter der Christen gewesen. Da rief Fadl aus: »Bei Gott, das hat er gut gemacht!«

Fadl hatte schon vor seinem Einzug einen seiner Sekretäre angewiesen, er möge alles aufschreiben, was für seinen Empfang vorbereitet und ausgerichtet werde, damit er sich dafür erkenntlich zeigen könne. Als nun Fadl im Palast des Gouverneurs angekommen war, ließ er sich von seinem Sekretär unterrichten. Da kam der Vertreter der Christen herein, und Fadl sprach sogleich zu ihm: »Wünsch dir etwas!« Da sagte der Christ: »Möge er mir gestatten, eine neue Kirche zu bauen!« Fadl gestattete ihm dies, und so wurde in Kairouan eine neue Kirche errichtet.

(Aus Raqîq al-Kâtib al-Qairawânî, Târîkh Ifrîqiyah wa-l-Maghrib)

10.03.2011

Zur Geschichte des Islams in Tunesien, Folge 2

Tâhir al-Haddâd (1899-1935): Tunesiens verkannter Reformer, Tunesiens nationales Symbol
 

Zweiter Teil

Von Iman Hajji


Nicht diejenigen sind Sklaven, die in Ketten gelegt wurden, sondern diejenigen, die sich diesen Ketten beugen und ein Leben in ihnen akzeptieren. (Aus den „Gedanken“ al-Haddâds)
Das Wirken Tâhir al-Haddâds erstreckt sich auf ein weites Feld. So ist es nicht verwunderlich, wenn er einmal als „gesellschaftskritischer Denker“, ein anderes Mal als „Reformer“ oder aber als „Feminist“ oder „Frauenrechtler“ bezeichnet wird. Daß er durchaus das Potential besitzt all diesen Benennungen gerecht zu werden, wird aus seinen Schriften und „Gedanken“ deutlich. Al-Haddâd war jedoch auch politisch aktiv. Im Jahre 1920 wurde in Tunesien die Liberale Verfassungspartei, al-Hizb al-hurr ad-dustûrî (al-qadîm), gegründet, die sich aus der Nationalbewegung herausbildete und deren Ziel es war, Tunesien von der französischen Fremdherrschaft zu befreien.

Tâhir al-Haddâd trat der Partei unmittelbar nach ihrer Gründung bei, womit seine politische Tätigkeit ihren Lauf nahm. Innerhalb der Partei organisierte er Versammlungen und erfüllte die Aufgabe des Propagandisten. Darüberhinaus hielt er unermüdlich Ansprachen und publizierte Zeitungsartikeln, sei es zu Zwecken der Parteiwerbung oder lediglich zur Darbietung seiner politischen Überzeugungen. Bekannt wurde der Autor durch die Fülle an Artikeln, welche er publizierte. Sie reflektierten die Anliegen der Nationalisten und die Probleme, denen die tunesische Bevölkerung in jener Zeit gegenüberstand. Darin forderte er eine Verfassung, uneingeschränkte Pressefreiheit und Transparenz der französischen Finanzpolitik. Tâhir al-Haddâd wurde schließlich in das Exekutivkomitee der Partei (al-lajna at-tanfidîya) gewählt, weitete seine propagandistische Tätigkeit regional aus und brachte sich damit einige Male selbst in Gefahr.

Zu den ersten Auseinandersetzungen mit seinen Parteigenossen kam es, als diese sich weigerten, die gewerkschaftliche Bewegung, die im Jahr 1924 entstanden war, zu unterstützen. Zum Bruch kam es schließlich, als sich diese Konflikte zuspitzten und al-Haddâd auf keinen gemeinsamen Nenner mit seinen Genossen mehr kam.  Zwar lässt al-Haddâd es nicht aus, immer wieder die Fortschrittlichkeit Europas zu betonen, was jedoch die europäische (d.h. französische) Kolonialpolitik angeht, so ist er unerbittlicher Antikolonialist. In seinen „Gedanken“ können wir lesen:
Wie wenig Ahnung wir doch von der Welt haben, wenn wir behaupten: Die europäischen Staaten wurden eher deshalb errichtet, um Recht und Gerechtigkeit im Sinne der Völker herzustellen, die unter ihre Herrschaft gefallen sind, weniger, um ihren materiellen Interessen nachzukommen durch die Anstrengungen dieser Völker und den Reichtum ihrer Länder.
Weiterhin lesen wir:
Wir haben viele Reisen nach Europa unternommen, um den gerechten, freien Menschen dort zu erklären, was wir in unserem Land an Ungerechtigkeit und Leid erleben, das durch die europäische Besetzung verursacht wird. Anscheinend halten wir es immer noch für notwendig dorthin zu reisen, um ihnen dieselben Worte wieder zu erzählen, damit sie vielleicht verstehen. Und so vergehen Jahre und Jahrzehnte und diese gerechten, freien Menschen müssen immer noch von uns unterrichtet werden – wie gut können wir doch erklären und wie unfähig sind sie doch zu verstehen!
Ausschlaggebender ist jedoch folgendes Zitat, welches ebenfalls aus seinen „Gedanken“ stammt:
Die Europäer arbeiten für ihr Leben und sagen uns das. Wir sagen es zu uns selbst und bitten die Europäer, für unser Leben zu arbeiten. Sie sind ein Volk, das weder durch beweiskräftige Worte noch durch die Logik von Argumenten beeinflusst wird. Das geringste Handeln erregt ihre Aufmerksamkeit uns gegenüber. Lasst uns also handeln, wenn wir sie schnell verstehen lassen wollen, und lasst uns mit dem Geschwätz so weit es geht aufhören!
In diesem Zitat wird der Aktionsdrang al-Haddâd deutlich, wobei dahingestellt sei, wie sich al-Haddâd dieses Handeln konkret vorgestellt hat. Fest steht, daß er an verschiedenen Stellen darauf drängt, endlich tätig zu werden und zu handeln. In einem von ihm verfassten Zeitungsartikel lesen wir: Die Zeit der Aktion ist gekommen, denn heute brauchen wir Taten mehr denn eifrige Worte!

* * *

Sein Handlungsdrang war auch der Faktor, der es ihm unmöglich machte, die zeitgenössische Interpretation der göttlichen Vorbestimmung zu akzeptieren. Vielmehr sah er darin einen Vorwand, mit dem die persönliche Unproduktivität und die mangelnde Bereitschaft, Probleme aktiv anzugehen, begründet werden:
Der Glaube an die göttliche Bestimmung war zu Beginn des Islams eine Quelle von Tapferkeit und der Verachtung des Todes um des Lebens willen. Heute aber ist er ein Symbol der Feigheit, Trägheit und Unbeweglichkeit in einem Leben in Schmach und Selbstverachtung.
Und ebenfalls:
Wir möchten nicht, daß unsere Makel öffentlich bekannt gemacht werden, da wir nicht an die Möglichkeit denken, sie zu beseitigen. Wir pflegen jedoch unser Versagen im Leben mit der göttlichen Bestimmung zu rechtfertigen, da wir nicht als unfähig betrachtet werden wollen.
Ein Dorn im Auge war al-Haddâd auch die soziale Ungerechtigkeit, die er immer wieder anprangerte. Er war darin stark beeinflußt von den Gedanken Muhammad Alî al-Hâmîs' (1893-1926). Al-Hâmîs studierte u.a. Politische Wissenschaft in Berlin und gilt als der Begründer der ersten Gewerkschaft Tunesiens. Nachdem er im Jahr 1924 sein Studium in Deutschland beendet hatte und endgültig nach Tunesien zurückgekehrt war, wurde auf seine Initiative im Januar 1925 der Generalbund der tunesischen Arbeiter (Jâmi'at 'umûm al-'amala at-tûnisîyûn) gegründet. Bereits zuvor hatte er, während eines kurzen Aufenthaltes in Tunis, al-Haddâd beauftragt, die Idee eines gewerkschaftlichen Zusammenschlusses im Lande zu verbreiten und die arbeitende Klasse zu mobilisieren. Al-Haddâd, der schon früh sein Interesse gesellschaftlichen Fragen und speziell der Situation der arbeitenden Klasse widmete, wurde al-Hâmîs' rechte Hand, und sein Einsatz trug entscheidend zur Etablierung der gewerkschaftlichen Bewegung bei. Da al-Hâmîs, bedingt durch seinen langen Aufenthalt in Deutschland (und der Türkei), keinen Bezug zur Realität der tunesischen Gesellschaft mehr hatte, war es al-Haddâds Aufgabe, die abstrakten Ideen al-Hâmîs' auf die einheimische Gesellschaft zu übertragen.

Nachdem diese Bewegung von den Franzosen zerschlagen wurde, veröffentlichte al-Haddâd im Jahre 1927 eine Abhandlung unter dem Titel al-'Ummâl at-tûnisîyûn wa-zuhûr al-haraka n-niqâbîya (Die tunesischen Arbeiter und die Geburt der gewerkschaftlichen Bewegung). Dieses Werk dokumentiert wie kein anderes die Entstehung und Entwicklung der Gewerkschaft sowie die wichtigsten Ereignisse, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind. Er behandelt darin Fragen wie Klassenkampf, Ausbeutung der arbeitenden Klasse sowie die Auswirkung der industriellen Revolution Europas auf Entwicklungsländer und ist auch an dieser Stelle immer wieder darauf bedacht, den Menschen nahe zu bringen, daß Veränderungen nur durch eigene Aktivität herbeigeführt werden können.
Der arabische Orient kämpft bis heute noch mehr mit Worten als mit Taten. Dementsprechend hat Europa ihn mit einigen Worten belohnt wie „Unabhängigkeit“, „Parlament“, „Verfassung“, „allgemeine Wahlen“ und „nationale Ministerien“. Und nun kämpft der Orient für die Realisierung der Bedeutung dieser Begriffe, allerdings mit Worten. Oh, wenn er doch Helden gewinnen würde, die ihn durch Taten auszeichneten, so wie er sich im Bereich der Worte durch die Fürsten der Rhetorik auszeichnet!
* * *

Al-Haddâds persönliches Islamverständnis ist mit vielen Aspekten der tunesischen Gesellschaft seiner Zeit nicht vereinbar. Tatsächlich vertrat er die Meinung, daß die tunesische Gesellschaft vom wahren Geist des Islams abgefallen sei und es nun die Aufgabe ist, diesen zu verwirklichen. Sein Modernisierungsdiskurs basiert u.a. auf dieser Idee sowie auf dem Prinzip einer progressiven Rechtsprechung im Islam, die angesichts veränderter Gegebenheiten auch zu einer Änderung bisher geltenden Rechtsprinzipien führt (Beispiele hierzu folgen im dritten Teil). Progressiv sei der Islam deshalb, weil er seine Regelungen stufenweise manifestiert und fähig ist, an gesellschaftliche Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit ergeben, angepaßt zu werden.

Vieles könnte an dieser Stelle noch über das relativ kurze Leben al-Haddâds, sein Wirken und seine Gedanken geschrieben werden. Das Augenmerk muss dabei jedoch auf sein leidenschaftliches Engagement zugunsten der tunesischen Frauen gerichtet werden. Das Reformieren der tunesischen Gesellschaft zugunsten der Frauen und die Befreiung der tunesischen Frauen von Unterdrückung stellten sein Hauptanliegen dar. Ein Anliegen, daß sich auf dramatische Weise auf sein Leben auswirken sollte.

FORTSETZUNG FOLGT
(Literaturhinweise wird der letzte Teil dieser Serie enthalten)

19.02.2011

Zur Geschichte des Islams in Tunesien, Folge 1

Tâhir al-Haddâd (1899-1935): Tunesiens verkannter Reformer, Tunesiens nationales Symbol
 

Erster Teil

Von Iman Hajji


Büste al-Haddâds in El Hamma (Gabès)
»Die Zeit der Aktion ist gekommen, denn heute brauchen wir Werke mehr denn eifrige Worte« schrieb der tunesische Sozialkritiker Tâhir al-Haddâd im Jahre 1933 – damals im Schatten des französischen Protektorats. Denselben Aktionsdrang verspürten nun acht Jahrzehnte später seine Landsleute, als sie auf die Straße gingen, um gegen den tunesischen Diktator Ben-Ali zu protestieren – ganz im Sinne al-Haddâds, der davon ausging, daß Tyrannei immer auch Freiheit hervorbringt.

Zeitgemäß ist al-Haddâd jedoch nicht nur in dieser Hinsicht. Die multiplen Identitäten Tunesiens reichen vom arabischem Nationalismus und der maghrebinischen Einheit bis hin zur Mittelmeerromantik. Der tunesischen Gesellschaft wird indes seit geraumer Zeit im Vergleich zu anderen arabischen Ländern eine gewisse Modernität zugesprochen, die in erster Linie auf den frauenfreundlichen Gesetzten beruht, die das tunesische Personenstandsrecht kennt. Das Code du Statut Personnel (majallat al-ahwâl al-shakhsîya) wurde am 13. August 1956 vom damaligen Premierminister und späteren Präsidenten Bourguiba erlassen. Die Vorrechte des Mannes wurden darin drastisch beschnitten, die Polygamie wurde unter Gefängnis- und Geldstrafe gestellt, die gerichtliche Scheidung institutionalisiert, die fortan Männer und Frauen fordern konnten, und der jabr – das Recht des Vaters, Minderjährige gegen ihren Willen zu verheiraten – wurde abgeschafft. Das Code du Statut Personnel gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der Ära Bourguibas. Dabei stellte die Verkündung des Codes gewissermaßen eine Würdigung der Gedanken al-Haddâds dar, die er im Jahre 1930 in seinem Werk Imra'atunâ fî l-sharî'a wa-l-mujtama' (»Unsere [d.h. die tunesische] Frau in Scharia und Gesellschaft«) veröffentlichte.

14.02.2011

Facebook-Ikonographie der tunesischen Revolution - Teil II

Im folgenden einige Beispiele für Icons, die explizite politische Botschaften haben oder auf Schlüsselereignisse der tunesischen Revolution verweisen.
Arabische Begriffe und Slogans mit englischer Übersetzung.

(1) "14. Janvier 2011" = Tag der Flucht des Präsidenten Ben-Ali aus Tunesien


(2) "Sidi Bouzid" = Ort der versuchten Selbstverbrennung von Muhammad Bouazizi am 18. 12. 2010, was heute in Tunesien als symblischer Beginn der Revolution gefeiert wird.


(3a) "Revolution!"


(3b) "Revolution until Victory!"


(4) "Justice!"


(5) Verschiedene Slogans


(6) Bildbotschaften


(7) Solidarität mit den Demonstranten in Ägypten



09.02.2011

Facebook-Ikonographie der tunesischen Revolution - Teil I

Man wird noch lange darüber diskutieren, was die sozialen Netzwerke im Internet, in erster Linie Facebook, zu den Ereignissen der letzten Monate beigetragen, ja diese vielleicht sogar ermöglicht haben.

Die übliche Verwendung von Icons in Facebook hat aber bereits zur großen Verbreitung von digitalen "Revolutions-Ikonen" geführt. Im folgenden dafür einige Beispiele:


02.02.2011

Der Tyrann ist geflohen ! - Tunesien zwischen Diktatur und Widerstand

Dr. Jamel. Ben Abdeljelil: "Die Ansätze
für eine demokratische Gesellschaft
sind in Tunesien vorhanden."

Ein Gastbeitrag von  Jamel. Ben Abdeljelil
Centrum für Religiöse Studien, WWU Münster

Das Interview wurde ursprünglich auf der Internetseite des Radio Q veröffentlicht.

Mit der Selbstverbrennung eines jungen Obstverkäufers vor einer Behörde haben die Demonstrationen angefangen, die am Ende zum Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali geführt haben. Ein gerade für Historiker ziemlich interessantes Ereignis, meint unser Autor Henrik Kipshagen, und hat sich mal in der Geschichte Tunesiens nach Gründen dafür umgesehen. Denn auch ein kleines Land kann manchmal große Geschichte machen.

01.02.2011

Wenn die Sandale fliegt: Historisches zu einem »Gestus der Revolte« bei den Arabern

Von Marco Schöller

Daß das Ausziehen der Schuhe und ihr anschließender Wurf auf mißliebige Personen zu den Protestbräuchen in der arabischen Welt zählt, ist in der westlichen Welt bekannt, seit ein aufgebrachter irakischer Journalist während einer Pressekonferenz im Dezember 2008 seinen Schuh auszog, ihn in Richtung des U.S.-amerikanischen Präsidenten George W. Bush schleuderte und diesen nur knapp verfehlte. Bush duckte sich geistesgegenwärtig und konnte dem Geschoß ausweichen, aber das Video der Szene ist bis heute ein Klassiker auf YouTube. Und gestern, als am Tag des »Marsches der Million« die ägyptischen Demonstranten auf dem Tahrîr-Platz im Zentrum Kairos versammelt waren, gingen Bilder um die Welt, die zeigten, wie aufgebrachte Ägypter ihre Schuhe hochhielten ... und sie wohl auf den verhaßten Präsidenten Mubarak geworfen hätten, wenn er nur zur Stelle gewesen wäre.

30.01.2011

Das geostrategische Glück Tunesiens ... und das Unglück Ägyptens: Warum der Westen weiterhin mit zweierlei Maß mißt

Von Marco Schöller

Seit dem 25. Januar, spätestens aber seit den Ereignissen der letzten drei Tage kündigt sich das Ende des Regimes Mubaraks in Ägypten an. Man kann noch nicht sagen, was sich aus der gegenwärtigen Krise entwickeln wird, aber man kann prophezeien, daß die Situation in Ägypten einen Punkt erreicht hat, von dem aus es kein Zurück mehr gibt. Es ist auch müßig, darüber zu spekulieren, inwieweit die Geschehnisse in Tunesien den Aufstand in Ägypten unterstützt oder gar motiviert haben. Einerseits wurde berichtet, Demonstranten in Kairo hätten die tunesische Nationalhymne gesungen und Slogans gerufen, die das Schicksal Ben-Alis mit der Zukunft von Mubarak in Verbindung brachten. Andererseits mögen nicht alle Ägypter die Frage nach dem Vorbildcharakter Tunesiens für den gegenwärtigen Aufstand, als würde man damit insinuieren, sie seien aus eigenem Antrieb nicht in der Lage, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Aber wie dem auch sei, seit der Flucht Ben-Alis aus Tunesiens ist nichts mehr wie es war in der arabischen Welt, und das wird für eine lange Zeit so bleiben.

28.01.2011

Diktatur und Gesellschaft in Tunesien

"Fast 60 Jahre Diktatur haben die
tunesische Bevölkerung tief
traumatisiert." - Dr. Jemal. Ben Abdeljelil
Ein Gastbeitrag von Jamel. Abdeljelil
Centrum für Religiöse Studien, WWU Münster

Massendemonstrationen in Tunesien, Algerien, Ägypten und im Jemen, ein geflohener Staatschef, eine ungewisse Zukunft - die "arabische Welt" erlebt in den letzten Tagen und Wochen massive politische Veränderungen. Q History-Redakteur Henrik Kipshagen sprach darüber mit Dr. Jamel. Ben Abdeljelil, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Münsteraner Zentrum für religiöse Studien. Dabei ging es auch um die historischen Hintergründe der gegenwärtigen Ereignisse.

25.01.2011

Gibt uns Tunesien Europa zurück?

Warum uns die tunesische Revolution zwingt, neu darüber nachzudenken, was Europa bedeutet

Von Marco Schöller

Von vielen Menschen wird »Europa« als ein Begriff wahrgenommen, der vor allem eines besagt: Ausschluß. Es sind diejenigen, die aufgrund historischer, wirtschaftlicher oder auch geographischer Argumente an Europa nicht teilhaben dürfen und denen es – wie im Fall der afrikanischen Bootsflüchtlinge – verwehrt wird, sich in Europa für längere Zeit aufzuhalten. Wir haben also mehrere Ebenen: die politische, auf der sich zunächst alle Debatten über die EU-Erweiterung im Osten Europas oder auch den EU-Beitritt der Türkei bewegen. Und die gesellschaftliche bzw. sozioökonomische Debatte, die innerhalb der EU-Staaten darüber geführt wird, wieviel Zuwanderung – und aus welchen Ländern und mit welcher Qualifikation! – Europa verträgt. Die erste Debatte kann dabei leicht, wie im Fall der Türkei, dazu instrumentalisiert werden, um darüber zu streiten, inwiefern sich Europa als vermeintlich kulturelle »gewachsene«, christlich-jüdisch geprägte Großregion gegenüber »fremden« Kulturen positionieren kann oder soll. Die zweite Debatte, die den Maximen eines mehr oder weniger menschenverachtenden sozioökonomischen Effizienzwahns verpflichtet ist, ist erst jüngst in diese Richtung hin instrumentalisiert worden, speziell im Kielwasser der Sarrazin-Diskussion, deren Urheber zufolge indische Computerspezialisten wünschenswert, anatolische Sozialstaatsschmarotzer dagegen nicht wünschenswert sind – wenn es nur so einfach wäre!

23.01.2011

Gold im Ärmel: Gier und Moral eines Autokraten, Tunesien Anno Dazumal


Von Marco Schöller

Golddinar, geprägt unter Ziyâdat-Allâh
Über die Cliquenwirtschaft des Ben-Ali-Regimes ist die westliche Öffentlichkeit in den letzten Tagen ausführlich unterrichtet worden. Mit der Ausbeutung des Landes zur persönlichen Bereicherung verbindet man inzwischen v.a. den Namen von Laila Trabelsi, der Gattin des gestürzten tunesischen Präsidenten. Ob sie tatsächlich nicht weniger als 1,5 Tonnen Gold außer Landes brachte, scheint kaum glaubhaft und wurde von der tunesischen Staatsbank bereits dementiert; vermutlich wird es wahr sein. Ob sie kurz vor ihrem Abflug sagte: »Packt erst das Gold ein und hängt dann alle auf!« ist nicht zu klären. Die BILD-Zeitung taufte sie »die gierige Leila«, in ausländischen Medien wurde sie als »Imelda Marcos von Tunis« betitelt.


20.01.2011

Égalité, liberté, fraternité?

Wie sich Frankreich zu den Ereignissen in Tunesien positioniert

 Von Marco Schöller


Frankreich fühlt sich seit vielen Jahrzehnten in besonderer Weise »zuständig« für die Entwicklungen in Tunesien. Seit 1881 durch einen großangelegten Militäreinsatz das französische Protektorat in dem nordafrikanischen Land eingerichtet wurde, ist Frankreich – und alles, wofür Frankreich steht – die wichtigste Konstante für die Entwicklung Tunesiens, in positiver wie in negativer Hinsicht. Auch nach der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956, als die systematische Ausplünderung des Landes – die von den französischen Kolonialbehörden euphemistisch als »Inwertsetzung« (mise-en-valeur) bezeichnet wurde – ihr offizielles Ende fand, blieb der französische Einfluß weitreichend. Das gilt bis in die jüngste Zeit und bis hin zur Kooperation der Regierung Sarkozy mit dem Ben-Ali-Regime in Tunis.

18.01.2011

Die Große Hoffnung

Warum wir die historischen Ereignisse in Tunesien nicht kleinreden dürfen

 Von Marco Schöller

Am Montagabend wurde in Tunesien die neue Übergangsregierung vorgestellt, doch weil an ihr fünf Mitglieder der alten Regierungspartei beteiligt sind, hat man die neue Regierung, im Ausland wie in Tunesien, nur mit Zurückhaltung oder Skepsis be­grüßt. Nun sind weniger als 24 Stunden später vier Minister aus Protest gegen die Beteiligung der alten Regierungspartei bereits wieder zurückgetreten, und in Tunesien demonstriert man am Abend gegen die verbliebenen Minister; viele fordern nichts weniger als die Auflösung der alten Regierungspartei. Kaum im Amt, wackelt die neue Regierung und manches deutet daraufhin, daß sie die nächsten Tage nicht in der jetzigen Form überleben wird.

14.01.2011

Wir wollen es ja nicht wissen, normalerweise...

Von Marco Schöller

Warum es erst Bilder von Bomben und Straßenkämpfen braucht, bevor der Westen hinsieht

Tunesien ist seit vielen Jahren im Visier von Menschenrechtsorganisationen. Es gibt dort Pressezensur, zahlreiche politische Gefangene, und die politische Opposition wird härter verfolgt als in den benachbarten arabischen Staaten. Ben Ali hat sich einen Namen als »harter Hund« gemacht. Das war und ist alles bekannt – zumindest denjenigen, die es bisher wissen wollten. Wie auch in Ägypten herrscht in Tunesien eine »präsidiale Dikta­tur«, wie man es beschönigend nennt. Gemeint ist die Herrschaft einer kleinen Macht­elite, die mit Hilfe des Militärs und westlicher Unterstützung ihr je­weiliges Land als Privatbesitz behandelt und den verfügbaren Reichtum des Landes, den sie in die eigenen Taschen abschöpft, in vom Militär bewachten VIP-Residenzen verprasst. Das ganze wird gesellschaftlich von einer korrupten Partei- und Staatsbürokratie getragen, die für ihre Teilnahme an diesem System mit kleinen Privi­legien und einem sicheren Job entschädigt wird. Ein Schelm, wer dabei an die Zustände in der einstigen DDR denkt – aber die DDR stand auf der falschen ideologischen Seite.