Posts mit dem Label Länder: Syrien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Länder: Syrien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

05.07.2011

Frühling in Syrien (Folge 2)

Folge 2 einer Serie über den arabischen Frühling in Syrien. Frau Manstetten ist Studentin an unserem Institut. 
Von Paula Manstetten

Seit nunmehr über 100 Tagen ist Syrien von Unruhen erschüttert, von einer Revolte, von der derzeit wohl niemand mehr so recht glaubt, dass sie noch ein „gutes“ Ende nehmen könnte. Anlass zur Hoffnung gab, dass  am vergangenen Montag erstmals eine von der syrischen Regierung genehmigte Zusammenkunft von über hundert Oppositionellen in einem Damaszener Hotel stattfand (siehe http://english.aljazeera.net/news/middleeast/2011/06/20116283558545951.html und http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/offene-debatte-im-hotel/). Doch einmal mehr haben dieses Treffen, die Reaktionen der Medien und die der oppositionellen Gruppierungen gezeigt, wie komplex und unübersichtlich die Lage in Syrien ist. Zeigt die Tatsache, dass dieses Treffen zustande kommen konnte, dass sich die Opposition von der Regierung instrumentalisieren lässt? Oder kommt hier der Reformwille Baschar al-Assads zum Ausdruck, der sich bereit zeigt, auf die Forderungen der Opposition einzugehen? Jedenfalls gab es Proteste seitens einiger oppositioneller Gruppierungen, die zu keinem Dialog bereit sind, solange Baschar al-Assad nicht zurücktritt. Ebenfalls Proteste gab es von Unterstützern des Assad-Regimes. Die syrische Bevölkerung ist gespalten, die Opposition ist es auch.
***
An der ath-Thawra-Straße(=“Revolutions“straße) in Damaskus –
in der Mitte zu sehen ein Propagandaplakat, unterlegt mit der syrischen Fahne:
„JA zur gemeinsamen Anstrengung und Arbeit – NEIN zum Bürgerkrieg“
Während es ab Mitte März in zahlreichen syrischen Städten kleinere und größere Demonstrationen gab, die zum Teil blutig niedergeschlagen wurden und während bereits die Armee im Einsatz war, um weitere Proteste zu unterdrücken, erlebte ich Damaskus bis zum Ende meines Aufenthalts in Syrien (Ende April) als verhältnismäßig ruhig – unwirklich ruhig, könnte man vielleicht sagen. In gewisser Weise ist die Hauptstadt bis heute erstaunlich unberührt geblieben von der Art von Unruhen, die wir in den westlichen Medien zu sehen bekommen,  diese spielen sich dort in erster Linie in den Vororten oder in einzelnen Stadtvierteln ab, deren Grenzen sie nicht überschreiten. Solange ich in Damaskus war, schien die Revolte unwirklich fern, man hätte gar nicht gewusst, dass es sie gab, hätten die Medien nicht täglich die Unruhen in die Wohnzimmer  getragen, hätte sich nicht auf einmal das Straßenbild politisch aufgeladen.

Das Propagandaministerium leistete offensichtlich exzellente Arbeit, die von eifrigen regimetreuen Bürgern in Eigenregie multipliziert wurde. Der Wind der „Krise“ war in jedem Winkel von Damaskus angekommen, wenn auch auf ganz andere Art und Weise als durch Proteste: Am auffälligsten in Form von syrischen Flaggen und Portraits des Präsidenten in den Straßen, an Kreisverkehren, Bushaltestellen, in Geschäften, aufgeklebt auf Autos und Busse. Ein Großteil der normalen Werbeflächen, die sonst für Duschgels, Kaugummis und Ugarit-Cola warben, wurde nun genutzt, verschiedenste Propagandaplakate zu zeigen. Aus Musikgeschäften und Autos dröhnten nationalistische Lieder, in denen es immerzu um das geliebte Syrien und den geliebten Präsidenten ging, und im vormals als eher langweilig verschrienen Staatsfernsehen, das nun neuerdings anstelle des Senders al-Jazeera in vielen Haushalten, Geschäften, Imbissstuben oder beim Friseur lief, konnte man ebenfalls ständig Musik zur Stärkung des Nationalgefühls hören. Diese Propaganda sickerte mehr und mehr in den Alltag ein, es war unmöglich, ihr nicht ständig zu begegnen. 

„Wir sind alle mit dir“
Die Unruhen: „Eine Verschwörung aus dem Ausland“
Gleich nach meiner Heimkehr aus Latakia erlebte ich im Linienbus nach Damaskus die ersten Früchte der laufenden Propagandamaschinerie. Der Busfahrer hatte das Radio eingeschaltet, berichtet wurde von ausländischen Gruppierungen, die sich ins Land eingeschlichen hätten, um einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Das Radio sendete dann ein „Verhör“ mit einem dieser Verbrecher, doch klang es eher wie ein Interview, ein nettes Geplänkel, wenn man nur auf den Klang der Stimmen und die Sprache achtete. Inhaltlich hatte es das Gespräch in sich. Der Betreffende „gestand“, er sei aus Ägypten, sei dort an der Revolution beteiligt gewesen und nun nach Syrien gekommen, um das Land zu destabilisieren. Er habe außerdem die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ob er schon einmal in Israel gewesen sei? „Ja, so etwa drei Mal…“. Er verkörperte insofern fast alle syrischen Feindbilder in einem – es hätte nur noch gefehlt, dass er sich als radikaler Muslimbruder ausgegeben hätte.

Obwohl Präsident Baschar al-Assad mittlerweile immer wieder erwähnt, es gebe ja durchaus Forderungen nach Reformen, die eine gewisse Legitimität hätten, werden Regierung und syrische Staatsmedien bis zum heutigen Tag nicht müde, alle Unruhen auf eine hinterhältige Verschwörung zu schieben. Die zahllosen Todesfälle, die auch die syrischen Medien nicht allesamt totschweigen können, werden zum Ergebnis der Brutalität bewaffneter Gruppen erklärt, die angeblich wahllos auf Passanten schießen und Sicherheitskräfte und Soldaten töten. Von den Protesten in vielen Städten und deren blutiger Niederschlagung berichten die Staatsmedien freilich nicht, wohl aber al-Jazeera, al- ‘Arabiyya, BBC etc., alles Sender, die man in Syrien empfangen kann und die, bevor der Arabische Frühling Syrien erreicht hatte, weit häufiger eingeschaltet wurden als die Staatsmedien.

Ich selbst amüsierte mich anfangs noch über den schier unerschöpflichen Erfindungsreichtum der Presse. Ich dachte, diese Verschwörungstheorie hätte lachhaft erscheinen müssen, weil mir der Zusammenhang zwischen der tunesischen und ägyptischen Revolutionen und dem syrischen Aufbegehren gegen die Diktatur offensichtlich erschien; weil staatliche Medien dafür bekannt sind, Propaganda zu verbreiten. Doch verging mir das Lachen bald, als ich feststellte, dass ein Großteil meiner Bekannten und Freunde genau an diese Verschwörung glaubte und mir immer wieder erklärte, man müsse nun als Nation zusammenhalten. Sie hatten dementsprechend ein ganz anderes Bild von den Geschehnissen, als wir es im Westen vermittelt bekamen. Dass Menschen, die dem Regime ohnehin kritisch gegenüber stehen, den syrischen Medien kein Wort glauben, versteht sich von selbst. Aber all die, die aus welchen Gründen auch immer auf Seiten der Regierung stehen oder neutral und unpolitisch sind, sind leicht von dieser Propaganda beeinflussbar.

Ich musste die ganze Anti-Oppositions-Propaganda nicht nur durch die Nachrichten, sondern auch aus dem Mund meiner Freunde hören – man kann sich vielleicht vorstellen, wie belastend das für mich war, hatte ich doch anfangs mit vielleicht etwas blinder Hoffnung auf die Proteste geblickt, die mit unglaublichem Mut und Zähigkeit mehr Freiheit forderten. Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal, die Verschwörungstheorie mit all ihren Auswüchsen würden „nur die Allerdümmsten“ glauben, auf ARTE hieß es, „das ganze syrische Volk“ lehne sich nun gegen Assad auf. Ich wünschte, es wäre so einfach, denn dann wäre die Krise in Syrien vielleicht bereits gelöst.

Wer sollten eigentlich diese Verschwörer sein? Die an sich leere Aussage „bewaffnete ausländische Gruppen“ wurde vielleicht absichtlich unbesetzt gelassen bzw. mit ganz unterschiedlichen Inhalten gefüllt, Medienpropaganda mischte sich mit Gerüchten und Halbwahrheiten. Am Werk sah man u.a. Israel, die USA (bzw. den „Westen“), den Libanon, Saudi-Arabien, Muslimbrüder und Kurden.

Israel eignet sich in Syrien natürlich bestens als Feindbild, ebenso die USA. Da passte es wunderbar, als sich herausstellte, dass die USA wohl schon seit 2006 die syrische Opposition finanziell unterstützten, wie Mitte April durch WikiLeaks öffentlich wurde (http://www.washingtonpost.com/world/us-secretly-backed-syrian-opposition-groups-cables-released-by-wikileaks-show/2011/04/14/AF1p9hwD_story.html). Diese Unterstützung wurde (irgendwie natürlich auch zu recht) als direkter Angriff auf das Regime Assads gewertet. Als Barack Obama nach dem sog. „Karfreitagsmassaker“ die Gewalt in Syrien aufs Schärfste verurteilte, sandte das syrische Fernsehen in Dauerschleife, eine offizielle Quelle habe verlauten lassen, Obamas Aussage beruhe nicht auf einer objektiven Einschätzung der Lage. Überlegungen zu Sanktionen und zur Möglichkeit eines direkten Eingreifens in Syrien waren dann Wasser auf die Mühlen der syrischen Staatsmedien, die hierin die Bestätigung für ihre These sahen, dass die USA, ja der gesamte Westen es sich zum Ziel gesetzt habe, Assad zu stürzen.

Über die Anfänge  der Unruhen in Der’a kursierte u.a. folgendes Gerücht: ein dort ansässiger Stammesverband,  der sich enger mit seinen Stammesgenossen in Saudi-Arabien verbunden fühle als mit dem Staat Syrien, sei von Saudi-Arabien aus finanziell unterstützt worden, um Unruhen in Syrien zu schüren. Syrien pflegt traditionell enge Kontakte zum schiitischen Iran und zur schiitischen Organisation Hisbollah im Libanon – was dem sunnitisch geprägten Saudi-Arabien zweifelsohne mehr als nur ein Dorn im Auge ist, diese Tatsache machte die Geschichte in den Augen vieler plausibel.

Auch den Muslimbrüdern, die in Syrien seit Jahrzehnten aufs Schärfste verfolgt werden, schob man die Schuld an den Unruhen in die Schuhe. Diese Unterstellung spielt mit den Ängsten vor der Erstarkung radikal-islamischer Kräfte, die in einem multireligiösen Land wie Syrien natürlich besonders groß sind. Man muss allerdings sagen, dass sich Muslimbrüder bzw. tendenziell mit den Muslimbrüdern sympathisierende Syrer tatsächlich vergleichsweise stark an den Protesten zu beteiligen scheinen. Das legen verschiedene Videos, Flugblätter und gelegentliche Jihad-Aufrufe nahe. Früh wurde auch bekannt, dass der Administrator einer der Facebook-Gruppen der Opposition ein Muslimbruder ist, der sich in Schweden befindet. Was auch immer das konkret bedeuten mag – solche Details sind es leider, die das Bild der Opposition unter den bisher unbeteiligten Syrer mitprägen.


Tishreen-Zeitung von 14.4., Titelblatt:
„…terroristische Geständnisse: „Wir wurden von
ausländischer Seite mit Geld und Waffen ausgestattet,
um Sabotageakte in Syrien durchzuführen.“
Um die Verschwörungstheorie zu untermauern und gleichzeitig das aktive Vorgehen der Regierung gegen diese Bedrohung unter Beweis zu stellen, publizierten Zeitungen und Fernsehen immer wieder Bilder von gefassten „Terroristen“, deren Waffen- und Geldlagern. Auf dieser Schiene konnten dann auch die zahlreichen Festnahmen von Protestierenden insbesondere in den letzten zwei Monaten erklärt werden – es handele sich schließlich um mutmaßliche Terroristen. Auch aus Der’a hieß es offiziell, die Armee habe dort Jagd auf
Terroristen gemacht.

Nun ist es tatsächlich so, dass im Laufe der Proteste auch immer wieder Angehörige des Geheimdienstes, Soldaten und Offiziere zu Tode gekommen sind. Die große Frage ist nur, wie. Wie die Opposition, die jeden ihrer Toten als „Märtyrer“ bezeichnet, nannte die Presse diese Offiziere ebenfalls „Märtyrer“: gestorben im Kampf für das Vaterland. Sie wurden feierlich beigesetzt, Bilder der Begräbnisse füllten ganze Titelseiten der Zeitungen.

“The family of the martyrs expressed pride of their sons
who sacrificed their lives for the sake of defending the
Homeland's unity and stability. The martyrs' fellow colleagues
stressed their determination to confront the terrorist groups
which attempt at sabotaging the country in order to restore
security and calm and proceed with the reform process.”

 (so auf der Seite der Syrian Arab News Agency SANA)
Kurzmeldungen über Märtyrer aus der Armee kehrten im Radio in Dauerschleifen wieder. Als Täter beschuldigt wurden neben den üblichen bewaffneten Gruppierungen auch gewalttätige Demonstranten. Die Opposition hat derweil ein ganz andere Erklärung parat, die, sollte sie stimmen, wirklich schockierend ist: Diese Soldaten hätten sich geweigert, auf Demonstranten zu schießen, und seien daher exekutiert worden. Mittlerweile geht man davon aus, dass es tiefe Zerwürfnisse innerhalb der Armee gibt, ganze Einheiten dazu bereit sind, zu desertieren, wenn sich die Möglichkeit bieten sollte.
Wir wissen aber weiterhin nichts genaues; dass vereinzelte oppositionelle Gruppierungen sich bewaffnet haben und gegen die hart durchgreifende Armee kämpfen, scheint auch nicht ausgeschlossen zu sein, obwohl das wohl eher die Ausnahme ist. Das Problem ist wirklich, dass Syrien keine ausländischen Medien in die Orte lässt, in die die Armee einmarschiert ist, um „Jagd auf Terroristen“ zu machen.  Eine unabhängige Berichterstattung ist völlig unmöglich – damit müsste die Regierung natürlich eigentlich all ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Aber sie hat auch hier eine medienwirksame Strategie gefunden: Die ausländischen Medien seien von den Verschwörern instrumentalisiert, um das Chaos im Land zu vergrößern, berichten die Staatsmedien.

Im Krieg mit al-Jazeera

Propagandaplakate gegen
Al Jazeera
Wie schon zuvor in anderen arabischen Ländern, schlug sich der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera auf die Seite der Protestierenden. Insofern war seine Berichterstattung natürlich auch nicht mehr frei und „objektiv“, sondern hatte das Ziel vor Augen, auch in diesem Land den Sturz des Regimes voranzutreiben. Pro-Assad-Demonstrationen fanden dementsprechend kaum Beachtung oder wurden als „vom Regime erzwungen“ abqualifiziert, während aus all dem Videomaterial der Opposition oft nur die drastischsten und schockierendsten Szenen ausgesucht wurden. Al-Jazeera verleiht der Opposition eine laute Stimme, das ist sicherlich zu begrüßen.  Die Frage ist nur, ob es mit dieser Strategie gelingen kann, mehr und mehr Menschen aus der syrischen Bevölkerung gegen die Regierung zu mobilisieren. Denn die Staatspresse begann bereits sehr früh mit einer regelrechten Hetzkampagne gegen al-Jazeera, die nicht wirkungslos blieb.
Neben diesen Plakaten, die gegen den Sender verbreitet wurden, wurden immer wieder Demonstrationen vor al-Jazeera-Büros organisiert. Das syrische Fernsehen war fleißig damit beschäftigt, einzelne Berichte von al-Jazeera auseinander zu nehmen und als Lügen zu „entlarven“. Es wurde dann gezeigt, wie der Sender mit Hilfe von Fotoshop Bilder und Videos fälsche, alte Videos oder Videos aus anderen Ländern als Dokumente für die Ereignisse in Syrien verwende, Fake-Interviews sende (alles Methoden, mit denen wahrscheinlich gerade die Staatsmedien schon viel Erfahrung gesammelt haben!). Von hier war es nur ein kleiner Schritt dahin, zu behaupten, al-Jazeera sei mitverantwortlich für das Chaos im Land, sei Mittäter der Verschwörung. Es kann der syrischen Opposition nur schaden, wenn dann gelegentlich herauskommt, dass einige in Umlauf gebrachte Foltervideos tatsächlich aus dem Irak stammten oder dass die engagierte Bloggerin „A gay girl in Damascus“ tatsächlich ein 40jähriger Amerikaner war, der unter einem Pseudonym schrieb (http://www.washingtonpost.com/lifestyle/style/a-gay-girl-in-damascus-comes-clean/2011/06/12/AGkyH0RH_story.html).

(Selbst-)Darstellung  Baschar al-Assads in den Medien

Eine Gruppe auf Facebook:
„Die syrische Revolution
mit Baschar al-Assad“.
Derartige Gruppierungen schreiben sich
Assads vorgeblichen Reformwillen
auf die Fahnen und sehen hierin
die „richtige“ Revolution.
Das Bild von Assad, wie es die Staatsmedien darstellen, unterscheidet sich natürlich erheblich vom Bild des „Schlächters“, der „auf Demonstranten schießen lässt“ und der „seine Bluthunde auf die Opposition loslässt“, wie es in den westlichen Medien präsent ist. In den syrischen Medien zeigt sich Assad als jemand, der stark und entschlossen gegen die Verschwörung kämpft und der „sein Volk“ bittet, ihm den Rücken zu stärken. Gleichzeitig betont er seinen Willen zu Reformen und seine Bereitschaft, gegen Korruption und Arbeitslosigkeit aktiv zu werden.


Wenn die westlichen Medien berichten, Assad lasse seine Gegner brutal niederschießen, hört man im syrischen Fernsehen, dass der Präsident selbst immer wieder ein Ende des Blutvergießens gefordert habe und erklärt habe, er verbiete den Sicherheitskräften unter allen Umständen, auf friedliche Demonstranten zu schießen. Die Armee sei dagegen eingesetzt worden, um die Bevölkerung vor den terroristischen bewaffneten Gruppierungen zu schützen.
Am 30. März hielt Assad seine erste Rede seit Beginn der Unruhen. Sie wurde live übertragen und ich sah sie zusammen mit zwei syrischen Freunden. Es  ist lohnend, sich diese Rede einmal in Ausschnitten anzusehen. (Auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=LUkrS5d23JE&feature=fvst – Die komplette Rede in englischer Übersetzung ist hier nachzulesen: http://www.sana.sy/eng/21/2011/03/30/pr-339334.htm).  Gleich zu Anfang stellte sich das Gefühl eines seltsamen Kontrasts zwischen Assad und seinen Zuhörern ein. Von den anwesenden Abgeordneten standen immer wieder einzelne auf und unterbrachen ihn in seiner Rede, um in übertriebenem Pathos Lobeshymnen auf ihn und nationalistische Gedichte vorzutragen. Im Vergleich zu diesen Abgeordneten wirkte Assad verständig und bedacht, gespielt locker. Er machte Witze, lachte selbst am lautesten über sie, dann gab er „freimütig“ zu, sich mit den Reformen – an denen man ja seit Jahren arbeite – „etwas“ verspätet zu haben. Man kann es leider nicht anders sagen: Wenn man ihn so sieht, ist es schwer, sich ihn als blutrünstigen Schlächter vorzustellen (was nicht heißt, dass er nicht trotzdem einer sein könnte).

Vielmehr habe ich zunehmend den Eindruck, dass er doch weit weniger Macht hat, als man annimmt, die Fäden also – möglicherweise mit seinem Einverständnis – hinter seinem Rücken gezogen werden. Die Familienstrukturen und die Machtverteilung im  Assad-Clan dürften recht kompliziert sein. Die Tatsache, dass Assad vielleicht ein Schwächling ist, spricht ihn aber von keiner Verantwortung frei – er ist und bleibt das Sinnbild dieser Diktatur. Am Abend nach der Fernsehansprache war auf al-Jazeera und in den meisten westlichen Medien zu lesen, das syrische Volk sei enttäuscht von dieser Rede, da Assad nur wage Versprechungen gemacht habe und zudem angekündigt habe, hart gegen jegliche Opposition durchzugreifen. (Die Reaktionen der Medien auf seine zweite und kürzlich auf seine dritte Rede waren übrigens in etwa dieselben). Mein Eindruck war ein ganz anderer. Meine Freunde waren zufrieden mit Assads Rede, beruhigt und optimistisch, dass die Unruhen nun bald vorüber sein würden.

In meinem Bekanntenkreis blieb das Bild von Assad auch weiterhin durchweg positiv. Schließlich erfüllte er augenscheinlich einige Forderungen der Opposition, indem er die Notstandsgesetzgebung aufhob und ein Gesetz verabschiedete, das Demonstrationen erlaubt. Dazu muss ich auch sagen, dass Syrer mir mehrfach sagten, sie hätten nie zuvor von diesem Ausnahmezustand gehört. Er betraf nur diejenigen, die sich politisch engagierten, unpolitische Menschen bekamen von ihm nichts zu spüren. „Sie haben den Ausnahmezustand aufgehoben, aber genau jetzt erleben wir doch einen Ausnahmezustand“, sagten manche.

***

Die Tatsache, dass Teile der syrischen Krise sich auch auf der Ebene der Medien abspielen, ist meiner Meinung nach zentral, will man auch nur annähernd verstehen (oder eher erahnen), was sich derzeit in Syrien abspielt. Und zwar „abspielt“ nicht im Sinne harter Fakten, sondern bezogen auf das Lebensgefühl der „normalen“, nicht unbedingt direkt betroffenen Menschen, ihre Ängste, ihre Einstellung zur Regierung und zur Opposition. Entscheidend für die weitere Entwicklung in Syrien wird neben dem Durchhaltevermögen der Opposition und der Positionierung der syrischen Armee eben auch die Tendenz der öffentlichen Meinung sein. Diese wird neben eigenen Erfahrungen vor allem durch die Medien geprägt, und da die „Wahrheit“ über die aktuellen Geschehnisse nicht greifbar ist, sind es die Konstruktionen der Wirklichkeit durch die Medien (und natürlich auch durch Gerüchte und Mund-zu-Mund-Propaganda), die die Stimmung in der Bevölkerung beeinflussen. Bevor wir nun, in unserer Ach-so-Aufgeklärtheit, all die Syrer auslachen, die der Version der von der Regierung gesteuerten Staatsmedien glauben, denen wir ja nachsagen würden, dass sie grundsätzlich lügen, sollten wir uns vielleicht fragen, wie oft wir selbst die Nachrichten, die wir hören, hinterfragen. Ich kann nur jedem raten, einmal die Website der syrischen Nachrichtenagentur zu besuchen (http://www.sana.sy/index_eng.html  ) und die Wirkung dieser suggestiven Berichterstattung am eigenen Leib auszutesten.

31.05.2011

Frühling in Syrien


Von Paula Manstetten

Folge 1 einer Serie über den arabischen Frühling in Syrien. Frau Manstetten ist Studentin an unserem Institut.

Vor ein paar Tagen schrieb mir ein syrischer Freund: „Uns geht es gut, Gott sei Dank, hier ist alles wieder normal.“ Das mag auf den ersten Blick absurd klingen, bedenkt man, dass es in Syrien seit Beginn der Unruhen Mitte März eigentlich täglich Verhaftungen und Tote gab. Von mehr als 1000 Toten geht man derzeit aus, mindestens 8000 Menschen wurden verhaftet. Im Augenblick scheint weder ein Sturz des Regimes, noch ein Ende der Proteste in Sicht zu sein. 

Die hiesige Berichterstattung legt nahe, dass sich die Proteste auf das ganze Land ausgeweitet haben, und irgendwie stimmt das auch. Trotzdem sind die Demonstrationen, und das übersieht man leicht, lokal begrenzt auf einzelne Stadtviertel und Dörfer und haben nur wenige Städte, und auch nur zwischenzeitlich, mehr oder weniger gänzlich erfasst. Für diese Städte, so zum Beispiel für die südsyrische Stadt Der’a, in der die Protestbewegung gewissermaßen ihren Anfang nahm und in die am 24.04. die Armee einrückte, ist ein „Normalzustand“ freilich in unendlich weite Ferne gerückt. 

Vielerorts kann man aber weiterhin einen relativen Alltag erleben. Selbst wenn im Nachbarviertel Demonstranten und Sicherheitskräfte zusammenstoßen, kann es schließlich sein, dass man davon erst im Nachhinein durch die Medien, oder aber gar nicht erfährt. Ich selbst habe das mehrfach so erlebt, bevor ich Syrien Ende April auf Aufforderung des Auswärtigen Amtes verlassen habe. In meinem Nachbarviertel, Barzeh, wagten sich die Bewohner (darunter auch eine gute Freundin von mir) drei Tage lang nicht auf die Straße, da Sicherheitskräfte von den Dächern aus auf Demonstranten schossen. Ich hörte davon erst Tage später von meiner Freundin. Wie man die aktuellen Ereignisse in Syrien erlebt, hängt insofern gänzlich davon ab, wo man sich befindet und ob man Menschen kennt, die in irgendeiner Weise direkt betroffen sind: sei es als Demonstranten, als Angehörige von Todesopfern oder Inhaftierten oder eben auch als Sicherheitskräfte und Mitarbeiter des Geheimdienstes. 

Im Gegensatz zur ägyptischen Opposition, der es gelang, Millionen Bürger zu mobilisieren, gehen in Syrien „Tausende“, an Wochenenden auch mal „Zehntausende“ auf die Straße. Und die restlichen Syrer? Neben all denen, die die Ansichten der Opposition teilen, aber zu große Angst haben, um auf die Straße zu gehen, gibt es viele Syrer, die sich Ruhe und Ordnung zurückwünschen und ihren Präsidenten behalten wollen. Wie hier die Zahlenverhältnisse sind, lässt sich natürlich nicht wirklich einschätzen – wie wir überhaupt vor dem Dilemma stehen, eigentlich gar nicht zu wissen, was in Syrien genau passiert. Unabhängige Medien sind nicht mehr zugelassen und berichten nun zum großen Teil von libanesischen Dörfern nahe der syrischen Grenze aus, die Staatsmedien haben derweil die Protestbewegung zur bewaffneten  Verschwörung aus dem Ausland erklärt. 

Die Opposition stellt ununterbrochen Amateurvideos von Protesten und gewaltsamen Auseinandersetzungen ins Internet, die man u.a. über Facebook und Twitter verfolgen kann. Insbesondere der Nachrichtensender al-Jazeera hat sich von Beginn der Proteste an auf die Seite der Demonstranten geschlagen und sendet hauptsächlich eben solches Videomaterial. (Der Syrien-Live-Blog von al-Jazeera lässt sich unter der Adresse http://blogs.aljazeera.net/liveblog/syria verfolgen). Obwohl ich davon ausgehe, dass diese verwackelten und verpixelten Videos uns Dinge zeigen, die tatsächlich vorfallen, sind sie doch eben nur kleine Ausschnitte aus der Wirklichkeit. Überspitzt gesagt sieht ein al-Jazeera-Gucker das Land überrollt von einer Protestbewegung, die Freiheit fordert, ein Staatsmedien-Gucker sieht Syrien dagegen von ausländischen Mächten bedroht und von einem reformbereiten Präsidenten nach bestem Bemühen gegen diese Verschwörung beschützt. Wahrscheinlich gibt weder ersteres noch letzteres auch nur annähernd ein Bild davon ab, was tatsächlich geschieht. Vor allem aber habe ich immer mehr das Gefühl, dass es in einem Fall wie Syrien, wo uns (und auch den Syrern selbst) meist die harten Fakten fehlen, eben auch nicht mehr entscheidend sein kann, was diese harten Fakten sind. Viel mehr zählt dann der subjektive Eindruck, den der Einzelne von der Lage hat und was er aus diesem Eindruck für Konsequenzen zieht. Und wie so oft sehen die meisten Leute ja das, was sie sehen wollen. So wundert ein Satz wie „Hier ist alles wieder normal“ aus Syrien vielleicht auch nicht mehr. Es gibt immer so viele Wirklichkeiten, wie es Menschen gibt, die diese wahrnehmen. 

Nur unterscheiden sich diese Wirklichkeiten selten so sehr voneinander wie derzeit in Syrien. (Gründe hierfür gibt es zahlreiche, und eine besondere Stellung kommt wohl einer Art „Medienkrieg“ zu, den v.a. al-Jazeera und die Staatsmedien ausfechten. Hierum wird es in Folge 2 ausführlich gehen).

Dieser Tage steigt die Zahl der Todesopfer in Syrien zwar stetig, aber doch recht langsam, die Lage beruhigt sich also nicht eigentlich, eskaliert aber zumindest im Augenblick auch nicht. Gekocht wird auf vergleichsweise kleiner Flamme und vielerorts mag man in Syrien das Gefühl haben, das Leben sei zur Normalität zurückgekehrt. Ich denke aber doch, dass jeder Syrer weiß, dass es dort nie wieder sein wird wie vorher – das Undenkbare ist geschehen: die Macht des seit 40 Jahren herrschenden Assad-Clans ist in Frage gestellt worden, ein Schlag, von dem er sich, wenn überhaupt je wieder, nur schwer erholen wird. 

***

Eine „syrische Revolution“ hatte wohl niemand erwartet, selbst nach dem Umbruch in Tunesien und Ägypten nicht. In meinem Bekanntenkreis wurden die dortigen Ereignisse aufmerksam verfolgt. Vor allem bei der ägyptischen Revolte fieberten wir mit, klebten fast täglich stundenlang vor dem Fernseher, warteten gespannt auf angekündigte Reden Mubaraks, berauschten uns an diesem unglaublichen Gefühl der Macht der Masse, die man ununterbrochen live auf dem Tahrir-Platz sah. Die Witze, die über Mubarak kursierten, machten auch in Syrien die Runde, wenn sie auch eher hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Fast unvorstellbar blieb, dass es in Syrien zu ähnlichen Entwicklungen kommen könnte. Zu flächendeckend schienen die Überwachung der Bevölkerung und die brutale Unterdrückung jeglicher Opposition. Ich selbst weiß bis heute nicht, ob meine Freunde recht hatten, wenn sie mir rieten (und das auch schon lange vor den Protesten), auf der Straße und am Telefon, ebenso auch in Emails, niemals über politische Ereignisse, die Syrien betreffen, zu sprechen, im Internet bestimmte Seiten nicht zu besuchen. Obwohl ich mich dementsprechend sehr zurückhielt, blieb ein Rest Angst.  Ich erlebte zum ersten Mal dieses beklemmende und einengende Gefühl, mich nicht offen über Dinge äußern zu dürfen, die mich beschäftigten. Ich fühlte mich nicht direkt überwacht, aber wie in Benthams Panopticum reicht ja schon das Gefühl einer potentiellen Überwachung aus, um den Menschen in seinem Tun einzuschränken. Und etwas beunruhigte es mich doch, dass meine Eltern, wenn sie mich in den letzten zwei Monaten auf meinem syrischen Handy anriefen, immer wieder einen unbekannten Mann an die Leitung bekamen.
 
Baschar al-Assad und seine Frau
Zu groß schien auch der Rückhalt des Präsidenten Baschar Al-Assad in der Bevölkerung. „Unser Präsident ist gut, nur die Leute um ihn herum sind schlecht“, war das, was ich in letzter Zeit von vielen Bekannten und auch Unbekannten ungefragt zu hören bekam. Man kann sich hier angesichts der jetzigen Vorfälle kaum mehr trauen, so etwas zu sagen, aber: auf den ersten Blick ist er wirklich eine eher sympathische Erscheinung. Er wirkt eben genau wie das, was er eigentlich einmal war: ein Augenarzt, der in England studiert hat. Im Fernsehen sieht er aus wie ein strebsamer, harmloser Schuljunge mit schmalem Gesicht und kaum Kinn, nervös und aufgeregt, wenn er eine Rede halten muss. Auch sonst gibt er sich gerne volksnah: Freunde erzählten mir, man könne ihm manchmal im Park oder im Restaurant begegnen.



Ich selbst habe ihn einmal kurz vor Weihnachten im Damaszener Opernhaus erlebt, wo es ein unsäglich kitschiges Weihnachtsmusical der christlichen Gemeinden von Damaskus zu sehen gab. Er und seine bildhübsche Frau waren, so schien es zumindest, ganz ohne Sicherheitskräfte da, als sie in den Saal kamen, stand das gesamte Publikum auf und begrüßte sie mit tosendem Applaus. Die beiden nahmen diesen Applaus bescheiden und freundlich lächelnd und winkend entgegen. Meine syrischen Freunde hatten einen ganz seligen Blick…Und, das muss ich hier glaube ich doch betonen: diese Begeisterung schien mir absolut nicht gespielt, das ganze erschien mir eben nicht wie die gezwungene Hulderweisung eines durch und durch unterdrückten Volkes. Das mag freilich auch damit zusammenhängen, dass hauptsächlich Christen anwesend waren. Sie gehören zu einer der Minderheiten in Syrien, der es unter Assad stets verhältnismäßig gut ging.

Ganz abgesehen von seiner Ausstrahlung rechnet man Baschar al-Assad hoch an, dass es ihm gelungen ist, Syrien zu einem Land der „Sicherheit“ und „Stabilität“ zu machen – ob das wirklich sein Verdienst ist, sei einmal dahingestellt – und das inmitten zwischen den instabilen Nachbarländern Libanon und vor allem Irak (aus dem seit 2003 Hunderttausende Flüchtlinge nach Syrien kamen und Miet- und Lebensmittelpreise in die Höhe trieben) und trotz des angespannten Verhältnisses zu Israel, das noch immer Teile des Golan besetzt hält. Auch mit seiner (nach außen hin) harten Linie gegen Israel und seiner (zumindest rhetorischen) Solidarität, ja geradezu Verbrüderung mit Palästina – an jedem offiziellen Gebäude in Syrien hängen nicht nur syrische, sondern auch palästinensische Fahnen – fand und findet Baschar al-Assad  Zustimmung in vielen Teilen der Bevölkerung.


„Anzeige“ auf der Titelseite der Tishreen-Zeitung
vom 14.04.2011: „Gott ist mit dir…dein Volk ist mit dir -
Die Nation ist stärker als die Fitna (gemeint ist damit
hier der ausländischen Gruppierungen
zugeschriebene Versuch, Zwietracht zu säen) -
Syrien vereint uns - Sicherheit und Stabilität
sind unser Fundament.“


Ein weiterer Grund, warum eine Revolution in Syrien eher unwahrscheinlich schien, war, dass Armut, Arbeitslosigkeit und willkürliche Schikane, im Gegensatz zu Ägypten und Tunesien, noch nicht die kritische Grenze überschritten hatten. Ich muss allerdings dazu sagen, dass meinem Eindruck nach viele Syrer auch einfach nicht auf die Idee kamen, gewisse Probleme der Regierung zuzuschreiben. Das mag damit zusammenhängen, dass Politik stets ein Tabuthema war und dementsprechend der Grad der Informiertheit in der Bevölkerung eher gering war. Viele meiner syrischen Freunde lernen deutsch, englisch oder französisch und planen, nach Europa zu gehen – möglicherweise dauerhaft. Dort könne man besser leben und arbeiten. „Und warum nicht anschließend nach Syrien zurückkehren und sich bemühen, die Umstände dort zu verbessern?" war dann immer meine Frage. Ich glaube, kaum einer dieser Freunde würde auf die Idee kommen, hier eine Verbindung zu ziehen und seine schlechten Arbeitsaussichten der langsamen und korrupten Regierung zuzuschreiben. Das mag freilich nur für meinen Freundeskreis gelten, mit Verallgemeinerungen muss ich mich hier zurückhalten.

Dennoch war die syrische Regierung sichtlich beunruhigt, als es zu den Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen kam, und unternahm vorsorglich einige Schritte, wie um einem Protest den Wind aus den Segeln zu nehmen: YouTube und Facebook wurden legalisiert, Angestellte bekamen eine Lohnerhöhung „aufgrund der gestiegenen Heizkosten“, vor allem aber kündigte Baschar al-Assad am 31. Januar in einem Interview mit demWall-Street-Journal an, dass die Zeit für Reformen gekommen sei.
Es hat alles nichts geholfen – Syrien ist mitten in einem Umbruch begriffen. Doch gestaltet sich der, wie ja nicht anders zu erwarten, ganz verschieden von anderen arabischen Ländern. 

***

Dass in Syrien wirklich „etwas“ am Laufen war, bekam ich erst ca. 10 Tage nach Beginn der Unruhen zu spüren, und zwar in der Küstenstadt Latakia. Ich studierte zu dieser Zeit an der Universität Damaskus, war aber nun unterwegs auf einer kleinen Reise durch Syrien mit einem deutschen Freund. Wir hatten die Ereignisse über das Internet verfolgt, das Auswärtige Amt hatte bereits die übliche Warnung herausgegeben, sich von größeren Menschenansammlungen fernzuhalten. Aus irgendeinem Grund hielten wir jedoch Latakia für besonders sicher, wohl wegen seines sehr hohen alawitischen und christlichen Bevölkerungsanteils – von diesen Konfessionen war kaum Protest zu erwarten. 

Nun war Latakia auf einmal eine ganze Nacht lang (es war die Nacht vom 24. auf den 25.03.) ununterbrochenen von Autohupen und vom Krachen von Feuerwerkskörpern erfüllt. Am früheren Abend hatten wir noch gescherzt, es gäbe heute wohl außergewöhnlich viele Hochzeiten zu feiern. Gegen zwei Uhr nachts war ich so beunruhigt von diesem ohrenbetäubenden Lärm, dass ich im Schlafanzug auf die Straße vor dem Hostel lief und zwei Männer anhielt, die vorbeiliefen. Auf die Frage, was los sei, sagten sie. „Ein Fest! Wir feiern alle unseren Präsidenten!“ Diese Autokorsos und nächtlichen Feste für den Präsidenten wurden wenig später ganz alltäglich. Immer wieder sah man Autokolonnen voller junger Männer und Frauen, die sich aus den Fenstern und aus der Dachluke hängten oder auf der Ladefläche von Kleinlastern drängten, vollbehängt mit syrischen Fahnen und Portraits des Präsidenten. Sie hupten, grölten, machten das Victory-Zeichen. Diese Feierei hatte manchmal etwas extrem Aggressives an sich, und wie sollte sie auch nicht, schließlich wurde in diesen Tagen auf einmal eine jahrzehntealte Ordnung in Frage gestellt, auf der das Leben dieser Menschen aufbaute.

Gegen-Demonstration für al-Assad
Die Gegenstimme zu dieser Baschar-Huldigung ließ nicht auf sich warten. Am nächsten Tag, einem Freitag, kam es in Latakia zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, unter anderem in der Nähe des Tetrapylons, eines der wenigen Relikte, das dieser modernen Küstenstadt aus seiner antiken Tradition als Handelsstadt geblieben ist. Noch am Abend zuvor hatten wir unter den Säulen Thymianbrot gegessen, nun sahen wir auf Amateurvideos im Internet, wie eine lärmende Menschenmenge daran vorbeizog und ihre Solidarität mit Der’a kundtat. Abends schlug uns ein Pole aus dem Hostel vor, die Straßen anzuschauen, in denen die Demonstrationen stattgefunden hatten und vielleicht noch stattfanden. Die Innenstadt von Latakia war nahezu menschenleer, die meisten Geschäfte geschlossen. In der Hauptstraße war die Stimmung gespenstig, vor allem wahrscheinlich, weil der Strom abgeschaltet worden war. Der Boden war bedeckt von Scherben und herausgerissenen Steinen, mitten auf der Straße lag ein umgedrehtes Auto, an mehreren Stellen qualmten noch Barrikaden aus Mülleimern vor sich hin. Wir begegneten mehreren jungen Männern, die uns sagten, wir sollten auf keinen Fall weiter die Straße hinunter gehen. In der Ferne, am Ende der Straße, konnte man vereinzelt Schüsse und Krankenwagensirenen hören. Mir für meinen Teil reichte das völlig, aber die beiden anderen wollten noch weiter, der Pole machte Fotos. An einer Straßenecke sah ich in dann auf einmal einige dieser durchsichtigen Schutzschilde für Polizisten an der Wand lehnen. Auf dem Boden davor stapelten sich Helme. 

Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass hinter den Schilden Männer auf dem Boden kauerten, an die Hauswände gedrängt, zum Teil schlafend. Das sollten also die Männer sein, die heute gewaltsam gegen die Proteste vorgingen und einige Demonstranten töteten? Wenn man sie hier so schlafen sah, konnte man sie eher für arme Kerle halten. Wenige Meter weiter standen mehrere Busse und Autos voller schlafender Männer, offensichtlich Sicherheitskräfte und Männer vom Geheimdienst. Vielleicht mussten sie hier in Erwartung der Demonstrationen des nächsten Tages schlafen. Auf dem Rückweg begegneten wir noch Männern vom Geheimdienst, die auch Passanten anzuhalten schienen, doch ließ man uns unbehelligt weiterziehen.
Die Stimmung in Latakia war aufgeladen und angespannt, Größeres schien sich anzubahnen. So reisten wir am nächsten Mittag Richtung Damaskus ab, noch am selben Tag eskalierte die Lage in Latakia und wenig später wurde die Stadt vom Militär abgeriegelt.

Dieses Erlebnis blieb das Aufregendste, das ich von der syrischen Revolte mitbekommen habe. Auf verstörende Weise bekam ich schon hier zu spüren, dass sich ein zunehmend tieferer Graben durch die Bevölkerung zu ziehen begann, ein Graben, an dessen Rändern sich sowohl die Pro-Assad-Aktivisten als auch die Oppositionellen zu radikalisieren begannen.

16.05.2011

Händchenhaltende Syrer

Von Paula Manstetten

Vorbemerkung der Redaktion:
Der folgende Text bezieht sich auf den Artikel »Ein kurzes Jahr an der Uni Damaskus«, der am 10. Mai 2011 auf ZEIT-Online veröffentlicht wurde. Frau Manstetten ist Studentin an unserem Institut.

Letztes Wochenende erschien in der Onlineausgabe der ZEIT ein Artikel über mich – als deutsche Studentin an der Universität Damaskus.  Zeitungsartikel sind, wenn man sie nicht selbst schreibt, nie ganz so, wie man es sich gewünscht hätte. Daher möchte ich im Folgenden einige Anmerkungen loswerden und manches klarstellen.

Der Kontakt zu der Journalistin, die übrigens selbst  noch eine Studentin ist, kam zufällig zustande, und ich sah ihre Anfrage, einen Artikel über mich schreiben zu dürfen, als Chance, mit einigen Vorurteilen über Syrien aufzuräumen. Ich nahm sie in eine Vorlesung an der Uni und auch zu mir nach Hause in meine Gastfamilie mit. Wir führten ein langes Gespräch, insbesondere darüber, wie sich der Alltag in Syrien meistern lässt und wie es einer Ausländerin wie mir gelingen kann, sich in Syrien zu »integrieren« – wenigstens bis zu dem Grade, dass man sich nicht mehr als Außenseiter fühlt. Aufgrund der politischen Lage änderte sich im Nachhinein das Thema des Artikels, und von unserem Gespräch blieben leider nur einige Marginalien stehen, die, wie ich meine, doch ein etwas verzerrtes Bild von Syrien (und vielleicht auch von mir) vermitteln könnten.