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04.10.2011

Maikel Nabil Sanad: Ein Tod auf Raten

Von Daniel Roters, Kairo

Sahar Maher (21),
festgenommen am 4. Oktober 2011, sagte uns am 10. Februar 2011:
"Ich nehme an diesen Demonstrationen teil, weil ich meine Würde
und meine Freiheit verteidigen muss."
Am 4. Oktober 2011 sollte die Wende im Fall Maikel Nabil Sanad erfolgen. Nicht zuletzt aufgrund des wachsenden internationalen Drucks hofften seine Unterstützer, dass der Militärgerichtshof den sich seit mehr als 40 Tagen im Hungerstreik befindenden Blogger freilassen würde. Hoffnungen, die jäh zerschlagen wurden.

Sie veranstalten stille Demonstrationen, stehen mit ihren Schildern auf Brücken, in den Straßen und vor den Machtzentren der ägyptischen Militärregierung, um Maikel Nabil Sanad freizubekommen, der seit Ende März in Militärhaft ist.

Heute wurde Sahar Maher festgenommen. Zusammen mit Maikels Bruder Mark hatte sie vor dem Militärgericht für die Freilassung Maikels demonstriert. Sie habe eine Konfrontation zwischen Militär und Demonstranten mit ihrem Handy gefilmt. Beobachter vor Ort berichten auch, dass ein Journalist des Christian Science Monitor festgenommen wurde. Sahar Maher wird zur Stunde verhört. 

Am 04. Oktober 2011 sollte vor dem Militärgericht eine Anhörung stattfinden, die über Maikels Verfahren entscheiden sollte. Es ist der Tag 43, an dem Maikel keine Nahrung und keine Flüssigkeit mehr zu sich nimmt. Ein Tod auf Raten und ein Hilfeschrei, der in den letzten Wochen auch ausländische Medien auf seinen Fall aufmerksam machte.

Erst kürzlich hatte Ruprecht Polenz (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des deutschen Bundestages, in einem Brief an den ägyptischen Botschafter in Deutschland, Ramzy Ezzeldin Ramzy, die Freilassung Maikel Nabil Sanads gefordert:

Es muss sichergestellt sein, dass der Inhaftierte angemessen medizinisch versorgt wird und von jeglicher Art der Misshandlung geschützt ist. Handelt es sich bei Maikel Nabil Sanad um einen politischen Gefangenen, ist er unverzüglich freizulassen.

Heute wurde der Fall Maikel Nabil Sanad auf den 11. Oktober vertagt. Die Begründung für die Verzögerung: Die Akte sei dem Gericht nicht rechtzeitig zugetragen worden. Eine weitere Woche, die Maikel Nabil Kraft kosten wird und ihn in Lebensgefahr schweben lässt. Dies passiert circa eine Woche nachdem der de facto Präsident Ägyptens Feldmarschall Tantawi erklärt hatte, er werde sich für die Beendigung der Militärgerichtsverfahren einsetzen.

Tantawi hatte bei einer Anhörung zum Verfahren gegen Ex-Präsident Mubarak und Omar Suleiman außerdem bekundet, er selbst und das ägyptische Miliär habe nie Befehle erhalten, auf Demonstranten zu schießen. Das sei nicht passiert und es werde nicht passieren.

Sahar Maher wird wahrscheinlich offiziell vorgeworfen werden, sie habe Militäreigentum fotografiert, was in Ägypten illegal ist. Sie könnte im günstigsten Fall mit einer Geldstrafe davonkommen. Inoffiziell könnten Aktionen der Militärregierung gegen Sahar Maher als Drohung und Exempel gegen die Demokratiebewegung in Ägypten verstanden werden.

Und es wird noch viele Freitage geben, an denen sich der Tahrir-Platz mit Demonstranten füllen wird, um für das Ende der Militärherrschaft zu demonstrieren.

Aktualisierung: Sahar Maher ist nach drei Stunden inzwischen wieder freigelassen worden. Sie wird sich am Tag der Anhörung im Fall Maikel Nabil (11. Oktober) ebenfalls vor dem Militärgericht verantworten müssen. Die Vorwürfe: Teilnahme an einer Versammlung an einem Gebäude des Militärs, das Filmen bzw. Fotografieren militärischen Personals.


19.06.2011

Khaled Saeed - Die Toten mahnen die Welt

Ein Mahnmal vor dem ägyptischen Innenministerium gedenkt Khaled Saeed, einem Opfer der ägyptischen Polizeibrutalität.

Von Daniel Roters


Unendlich traurig war Umm Saeed als sie mir auf meiner Taxifahrt im September 2009 erzählte, dass sie nun auf dem Weg zum ägyptischen Innenministerium am Lazoghly-Platz sei. Ich verstand damals nicht sofort, was dies bedeutete. Heute – nach der Revolution –  kann ich sie verstehen: Den Ausdruck in ihren Augen und die Wahl ihrer Worte. Vorsichtig hatte sie mir im Taxi mitzuteilen versucht, dass sie von der Festnahme ihres Sohnes ausging. Huwa ragel siyasiy (Er war ein politischer Mensch), sagte sie in einem breiten Ägyptisch. Sie schien darüber nicht wirklich erfreut. Sie erzählte mir, dass er in der Universität ständig mit Leuten über Politik gesprochen hatte. Er hatte Freunde Verwandte und Bekannte dazu aufgerufen, aktiv zu werden, Missstände anzuklagen und persönlichen Umfeld den Wandel voranzutreiben.

Ich wusste nun: Hört man von einer Festnahme eines Bekannten durch die Staatssicherheit fährt man zum Innenministerium, um mehr Informationen um den Verbleib der Verschwundenen zu erhalten. Seit der Begegnung mit Umm Saeed war mein Blick geschärft. Plötzlich sah ich jedes Mal eine Reihe von Müttern, die auf ihre Söhne oder Töchter warteten. Jedes Mal auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, wie viele junge Menschen wohl in irgendwelchen Verhörräumen ausgefragt wurden, wie viele Eltern keinen Schlaf fanden.

In diesem Frühling waren es die Gebäude der Staatssicherheit und des Innenministeriums, die von den Demonstranten belagert wurden. Die Angst vor dem Unterdrückungsapparat war gebrochen. Die Hilflosigkeit der Massen verwandelte sich in einen Volkszorn, den der alternde Pharaoh unterschätzt hatte. Sie waren erzogen worden, untätig zu sein, unpolitisch zu sein, sich nicht in die Angelegenheiten der Staatsführung einzumischen. 

Wir sind in Alexandria. Es ist der 6. Juni 2010. Der 28-jährige Khaled Saeed sitzt in einem Internetcafé. Polizeioffiziere betreten das Café, zerren den jungen Mann auf die Straße. Auf dem Weg zum Polizeiauto schleudern die Polizisten den jungen Mann gegen Wände, schlagen auf ihn ein, stoßen seinen Kopf gegen die Stufen einer Treppe. Khaled Saeed wird buchstäblich zu Tode geprügelt. Die Polizei hatte ihn angeblich wegen Waffenbesitzes und Diebstahls verhaften wollen. Später wurden Zeugen gekauft, die Aussagen sollten, dass Khaled mit Canabis gehandelt habe. Personen aus seinem Umfeld sagen, dass Khaled belastendes Material besaß, welches durch die Polizei begangene Straftaten dokumentierte. 

Wir wissen heute nur, dass Khaleds Fall in ganz Ägypten Aufsehen erregte. Fotos, die die Leiche des Jungen zeigten, verbreiteten sich wie ein Virus im Internet und in den sozialen Netzwerken. Unser Blog berichteteüber die Umstände, die die Revolution in Ägypten antrieben. 

Khaled Saeed ist zu einem Symbol für die Protestbewegung geworden. Der Fall Khaled Saeed hatte den Menschen gezeigt, dass sie im Grunde genommen hilflos waren, würden sie nicht auf die Straße gehen und gegen die ungeheuerliche unmenschliche Behandlung der Landsleute durch ihre eigene Regierung protestieren, im Bewusstsein, dass dies lebensgefährlich ist.

In Tunesien markierte der Selbstmord des Mohamed Bouazizi aus Sidi Bouzid den Auftakt für den arabischen Frühling. In der Folge ließen viele Menschen während der Proteste ihr Leben. Die Stimme des Protests verbreitete sich: Erst in der kleinen Stadt Sidi Bouzid, dann in Tunis und schließlich in der gesamten arabische Welt.

Während der revolutionären Unruhen in Ägypten versuchten die Demonstranten systematisch die Symbole der Macht und die Zentren des ägyptischen Unterdrückungsapparates auszuschalten. Polizeistationen wurden angezündet und Gebäude der Staatssicherheit gestürmt, um Dokumentesicherzustellen, die die Systematik der Menschenrechtsverletzungen durch dasägyptische Regime beweisen sollten. 

Uns erreichten unheimliche Bilder aus unterirdischen Verließen, in denen hunderte von Menschen Platz gefunden haben mussten. Dort wurden sie gefoltert, gedemütigt, bedroht, vergewaltigt durch Männer in Uniform. Es wurde bekannt, dass die ägyptische Regierung systematisch Ressentiments zwischen Muslimen und Kopten befeuerte, um das eigene Handeln zu rechtfertigen.Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass der ägyptische Untersrückungsapparat das ägyptische Volk mit finanziellen und materiellen Mitteln aus dem Ausland drangsaliert hatte.

Mubarak ist Geschichte. Die Armee übernahm die Staatsgeschäfte, aber auch vertrauensbildende Maßnahmen, wie eine Medienoffensive (Sawtuna berichtete) und die Kooperation mit den Untersuchungen gegen Mitglieder des alten Regimes können nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung liegen. Hatte man noch während der Massendemonstrationen gerufen „Die Menschen und das Militär sind eine Hand!“, so stellen sie nun ernüchternd fest, dass sie im Grunde genommen am Anfang einer langen Zeit des gesellschaftlichen und politischen Wandels stehen.

Genau ein Jahr nach dem Tod Khaled Saeeds besprühten nun Aktivisten die Außenmauern des Innenministeriums. Zu sehen ist Khaled, sein Mund ausgespart. Dort wo der Mund sein sollte liest man:
Khaled Saeed starb am 6. Juni 2010 durch Polizeigewalt.
Er wurde nur 28 Jahre alt. (Foto: Hossam El-Hamalawy)
Wird mein Blut - durch deine Augen - zu Wasser werden? Wirst du mein blutbeflecktes Gewand vergessen?
Khaled Saeed mahnt die Menschen über den Tod hinaus. Es darf nicht alles umsonst gewesen sein, scheint er ausdrücken zu wollen.

Die Zeilen an den Wänden des Innenministeriums stammen aus einem Gedicht des Ägypters Ahmad Dunqul (1940-1983), der in seinem Gedicht „La Tusalih“ („Macht keinen Frieden“), geschrieben vor Sadats historischem Besuch in Jerusalem, die durch harte Kompromisse erzielte Friedensvereinbarung zwischen Israel und Ägypten vorausahnend.

Die Botschaft der Stifter dieses einfachen Mahnmals ist deutlich: Macht keinen Frieden mit diesem Regime! Doch wie kann die Gesellschaft geheilt werden? Misstrauen und Angst vor der Zukunft lässt die Akteure des Wandels in Ägypten in eine Lethargie verfallen, so scheint es. 

Im Folgenden das Gedicht von Amal Dunqul in englischer Übersetzung, die 2009 für das Center for Intercultural Dialogue & Translation im Rahmen eines Papiers über die Rolle der Dichtung für den interkulturellen Dialog angefertigt worden ist.


Do not Reconcile!
By Amal Dunqul


(1)
Would they grant you gold.
Should I gouge your eyes,
Fix two jewels in their place
Could you still see?
Such are not to purchase:
You and your brother, your memories of childhood,
Your sudden feeling of manhood,
Longing suppressed by bashfulness, when you hug him.
Silence…smiling at your mother's scold
As if... you were still children!
Your eternal reassurance:
That two swords are your sword
And two voices are your voice
That if you die:
The house has a god
The child a father
"Will my blood -- through your eyes -- turn to water?
Will you forget my blood-stained robe?"

Wear a brocaded one with my blood underneath?
Such is war!
It may burden the heart
But the Arabs' shame is behind
Do not reconcile!
Nor seek to hide!

(2)
Do not reconcile!
Not even for blood!
Make no conciliation!
Would they say a head for a head!
Is one head like another?
Is the stranger's heart like that of your brother?
Has he your brother's eyes?
A hand whose sword was yours…
Could it even that whose sword bereaved you?

They would say:
We've come to you to spare blood
We've come, - O prince -  be our judge
They would say:
Now we're cousins.
Tell them: they trod on their cousinship to those they killed
And plant the sword into the front of the desert
Till echo repeats
That for you I was
A knight,
A brother,
A father,
And a king!

(3)
Make no conciliation…
If you're denied sleep by screams of remorse
And retain …
If women in black with their children bereft of smile soften your heart
That "El-Yamama" your niece
Is a flower, in her youth,
Garbed in a mourning dress
She used to run down the palace stairs
On my return,
And on my coming down hold my legs…
I lift her – while she smiles- on the back of the horse.
Here she is…silent
The hand of treason
Has deprived her of hearing her father's words,
Wearing the new dress,
Having one day a brother,
Or in her wedding a smiling father
To whom she returns when the husband is mad at her,
And to whose arms, his grandchildren race
To get their presents,
To pull the turban,
And to mess up his beard.

Do not reconcile!
This dove (El-Yamama) has committed no guilt
To suddenly see the burning nest
While she rests on the ashes!

(4)
Do not reconcile!
Would they crown you a prince
How could you step on the body of your father's son?
And on faces of fake joy…
Become a king?
How could you look in the hands you shake
Without noticing blood in every hand?
An arrow that caught me from behind …
Will catch you from a thousand sides
For blood has now become a badge of honor.
Do not reconcile!
Would they crown you a prince
Your throne is a sword,
And false is your sword
Shouldn't you, with its wisp, weigh moments of honor
And in luxury find rest.

(5)
Do not reconcile!
Should those who waver in battle say
" … we can not bear swords unsheathe …"
When truth fills your heart:
Fire erupts when you breathe
And the voice of treason gets dumb
Do not reconcile!
No matter how many words of peace they speak
How could the lungs breathe in the foul breeze?
How could you look a woman in the eye…
If you know you can not shield her?
How could you, in love, be her knight?
Or for a newborn sleeping and waiting for a tommorow?
How could you dream or sing of future for a boy
Who grows up between your hands with a weary heart?
Do not reconcile!
Nor share with your murderers food
And with blood,
Your heart waters
The holy soil,
And your resting ancestors
Until the bones do answer you

(6)
Do not reconcile!
Should the tribe beseech you
By El-Galila's sadness
To be a foxy fellow
And show acceptance.
They would say:
Here you seek a long vengeance;
Now take what you can:
A little right…
In these few years
The revenge is not only yours,
But the coming generations' too
And tomorrow…
Someone will be born to put on the full armor,
And a sweeping fire,
to demand vengeance
And to help the truth to come into life
From the heart of impossibility
Do not reconcile!
Should they say it is only a device
Such is revenge
Its flame in the heart fades away
As seasons pass by
And with its five fingers remains sealed the hand of disgrace
Upon disgraced brows!

(7)
Make no conciliation, though stars may warn you
And fortunetellers make you a prophecy
I would have forgiven had I died…
Perplexed between right and wrong.
I was not an invader,
Never sneaked near their camps,
Nor hovered around their borders,
Never approached their vineyards
Their garden I never trod.
My murderer did not shout: "watch out!“
He walked with me …
Then shook my hand …
Then hoofed a little
But in the bushes he hid!
Then all of a sudden:
A shudder riddled me between two ribs…
My heart shivered - as a bubble - and slacked!
I braced myself up, till on my arms I weighed
I saw my cruel cousin
With a sordid face, maliciously satisfied
I had no spear
Nor an old weapon,
Nothing but my rage complaining of thirst.

(8)
Do not reconcile…
Till existence returns to its cycle:
Till …
To their orbits, return the stars
To their twitter… the birds
To their grains… the sands
And the murdered to his waiting child
All was ruined in a fleeting second:
Youth, family joy, horse neigh, guests hosting, the heart murmur when a bud in the garden withers, prayer for seasonal rain
The heart dodges when the bird of death hovers over the savage wild
All was ruined in a flagrant slide
And who murdered me is not a god
To have me killed by his will
Not grander than me… to take my life with his sword
Nor smarter…to finish me off with his sly fraud
Do not reconcile!
For it's only an accord between two rivals…
Unbroken by the honor of the heart
And that who murdered me is a mere thief
He stole the land before my eyes
As silence broke into a mocking laugh!

(9)
Do not reconcile!
Though all sheikhs against your sword may stand
With shadow men whose souls are cracked
Those who love sopped bread and meat
And surmounting slaves
Those whose turbans dangled on their eyes,
And their Arab swords have forgot chivalry years
Do not reconcile!
This desire shall be odd
In this age you're the sole knight
Others…are freaks!
Do not reconcile ...
Do not reconcile ...

31.03.2011

Kinder der Revolution - Maikel Nabil aus Ägypten droht mehrjährige Haft

Maikel Nabil Sanad (25)
Über den jungen Friedensaktivisten Maikel Nabil und eine Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst...

Ein Gastbeitrag von Kristin Jankowski

"Ich bin sehr traurig und wütend", sagt Kirolos Nagy. Seine Stimme zittert. Er holt tief Luft : "Ich verstehe nicht, warum die Armee Maikel Nabil einsperrt. Nach welchem Gesetz hat das Militär gehandelt? Maikel ist seit vielen Jahren mein Freund. Ich weiss nicht, was mit ihm passieren wird. Das macht mir grosse Angst."

In der Nacht vom 28. auf den 29. März 2011 hat das ägyptische Militaer den Blogger und Antimilitaristen Maikel Nabil festgenommen.

Maikel Nabil saß oft mit seinen Freunden in einem Strassencafe in der Nähe der Börse in Kairo. Es ist Cafe mit bunten Stühlen und Plastiktischdecken. Maikel hat seinen Tee immer mit einem Löffel Zucker getrunken. Wenn er jemandem zur Begrüssung die Hand gereicht hat, lächelte er und seine grossen braunen Augen funkelten.

"Er war mit jedem befreundet. Ich habe viel mit ihm über Gott und Frieden gesprochen. Unsere Unterhaltungen waren immer sehr tief", erinnert sich Kirolos Nagy. "Und jetzt ist er weg. Zuerst haben wir dem Militär vertraut. Und nun haben sie unseren Freund festgenommen. Ich bin wirklich sehr enttäuscht", so der 21-jährige. "

Angeblich kam die Militärpolizei zwischen 3 Uhr und 4 Uhr morgens zu Maikels Wohnung. Er war alleine Zuhause. Ich weiß leider auch nicht, was genau passiert ist", sagt Amr Bakly. "Ich kenne Maikel seit vielen Jahren. Wir haben uns aufgrund unserer politischen Arbeit kennengelernt", erzählt er. "Ich denke, dass er festgenommen wurde, weil er über die Armee geschrieben hat. Er war immer gegen die Armee. Maikel ist ein Friedensaktivist", weiss der 29-jährige. "Ich bin wirklich sehr besorgt. Wir wissen, dass die Armee viele Leute gefoltert hat. Ich habe Angst um meinen Freund und ich kann ihm nicht helfen."

Amr Bakly hat durch das soziale Netzwerk Facebook von der Festnahme Maikel Nabils erfahren. "In dem Moment war ich wirklich sehr wütend" erinnert er sich. "Maikel ist immer direkt, er ist immer klar in seinen Worten. Das mag ich an ihm. Maikel ist mutig, niemand kann ihn kontrollieren. Maikel ist ein Kämpfer", so Amr Bakly.

Maikel Nabil ist am 1. Oktober 1985 in Assuit geboren. Dort hat er Tiermedizin studiert. Maikel Nabil war Mitglied in verschiedenen politischen Parteien und hat sich in zahlreichen Nichtregierungsorganisationen engagiert. Im Jahr 2006 begann er Texte auf seinem Blog (http://www.maikelnabil.com) zu veröffentlichen.

Am 9. April 2009 gründete er die Bewegung "No for Compulsory Military Service". Es ist die erste Organisation in Ägypten, die sich gegen die allgemeine Militärpflicht einsetzt. Maikel Nabil ist Kriegsdienstverweigerer. Im November 2010 wurde er von der Armee befreit. In einer Erklärung beschreibt er, warum er nicht von dem Militär eingezogen werden will. Er sieht sich selbst als Pazifisten, er will keine Waffe in der Hand halten. "Ich bin nicht bereit etwas gegen meinen Willen zu tun - ganz egal welcher Preis dafür zu bezahlen ist", schreibt er auf seiner Internetseite. Das Rekrutieren bezeichnet er als eine Art Sklaverei und er sei ein freier Mensch. "Momentan bin ich nicht bereit meine Freheit aufzugeben und sie in die Hände von militärischen Gangs zu geben. Alles was sie tun können ist zu töten, zu schlachten und Blutbäder anzurichten."

Während des Aufstandes in Ägypten wurde Maikel Nabil am 4. Februar 2011 für zwei Tage festgenommen. Er war auf dem Weg zum Tahrir-Platz - zur Demonstration gegen das Mubarak Regime. Doch er wurde von der Militärpolizei aufgehalten und festgenommen. Maikel Nabil behauptet, er wurde während der Haft geschlagen. Mehrmals wurden seine Augen verbunden. Zudem gibt er an, er wäre sexuell genötigt worden."Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens" beschreibt Maikel Nabil.

Einige Wochen später wurde Maikel Nabil wieder festgenommen. Einige seiner Freunde behaupten, die Militärpolizei sei am frühen morgen des 29. März 2011 zu seiner Wohnung gekommen und habe ihn von dort weggebracht.

"Ich habe am Abend des 29. März mit Maikels Bruder Mark und seinem Vater in einem Cafe in Downtown gesessen", erzählt Sahar Mahar. Sie kennt Maikel Nabil seit rund 1,5 Jahren. "Maikel hatte Glück und konnte zwei Anrufe machen. Heimlich. Angeblich war es das Telefon eines Offiziers. Maikel hat seinen Bruder angerufen. Einmal um etwa 8 Uhr morgens und um ungefähr 12 Uhr. Beim ersten Anruf hatte er Mark erzählt, was passiert sei. Beim zweiten Anruf sagte Maikel, dass er innerhalb der kommenden zwei Stunden vor ein Militärgericht gestellt wird", so die 21-jährige. "Hätte er die Anrufe nicht machen dürfen, dann würden wir gar nicht wissen, wo er ist" sagt sie besorgt. "Als Maikel zum zweiten Mal bei seinem Bruder anrief, war er sehr verängstigt und erzählte, dass er wahrscheinlich für 18 Jahre ins Gefängnis kommen wird. Wir haben kurz danach mit einem Anwalt gesprochen und er sagte uns, dass sich Maikels Höchststrafe auf drei Jahre belaufen kann", erzählt Sahar Maher weiter. "Beschuldigt wird er angeblich wegen Verbreitung von Lügen ueber das Militär, Beleidigung der Armee und das Gefährden der Inneren Sicherheit."

Am 8. März 2011 hatte Maikel Nabil auf seinem Blog einen Artikel über das aegyptische Militär veroeffentlicht. Darin geht es um das brutales Vorgehen der Armee gegen friedliche Demonstranten.

"Vor einigen Tagen hatte Maikel während eines Treffens im Hisham Mubarak Center - einer Rechtsanwaltskanzlei, die sich mit Menschenrechten beschaeftigt- erzählt, dass er bald den zweiten Teil seines Artikels über die Verbrechen der Armee veröffentlichen will", weiß Sahar Maher. "Wer weiss, wer ihm dabei zugehört hat".

Derzeit befindet sich Maikel Nabil angeblich in dem Militärgefaengnis in dem Stadtteil Nasr City in Kairo. "Innerhalb der nächsten 14 Tage soll eine endgültige Entscheidung über Maikel gefaellt werden", sagt Sahar Maher. "Wir sind alle wirklich sehr besorgt um ihn."

12.02.2011

Kinder der Revolution: Ali Zakaria Mohammed aus Ägypten

Von Daniel Roters

Ali Zakaria Mohammed (21): "Ich will
unsere neue Freiheit mit jedem auf der
Welt teilen!"
Viele Ägypter gingen in den letzten Tagen auf die Straßen, um zu demonstrieren. Über zwei Wochen lang haben sie sich unter Lebensgefahr für eine bessere Zukunft stark gemacht. Nach dem Rücktritt Präsident Mubaraks durch die Stimme des ägyptischen Volkes, fängt die Arbeit für die Bürger und ihre Interessenvertreter erst an. In den Massen gehen Einzelne dieser Bewegung unter. Wir erfahren selten mehr über ihre Beweggründe und ihre Geschichten. In dieser Serie möchte ich Ihnen einige dieser Menschen vorstellen. Dieses Mal hat mir Ali Zakaria Mohammed mehr über sich erzählt.

Ali Zakaria Mohammed (21) ist Student an der Pharmazeutischen Fakultät der Kairo Universität und engagiert sich als Schatzmeister für die liberale Jugendunion, die der Ghad-Partei von Ayman Nour nahe steht. Er war einer derjenigen, die am 25. Januar 2011 ab 12 Uhr in den Seitenstraßen Kairos demonstrierten, nicht ahnend, dass bereits Geschichte geschrieben wurde. Er sagt:
Wir wussten nicht, ob wir Erfolg haben würden oder diejenigen, die sich uns entgegenstellten. Wir wurden Tausende und dann Millionen. Mit der Anzahl der Demonstranten mehrten sich unsere Träume und Hoffnungen, dass dieses System bald der Vergangenheit angehören könnte. Es war verantwortlich für Arbeitslosigkeit, Armut, Ungerechtigkeit, Tod, Terrorismus, Ignoranz, Analphabetismus, Diebstahl, Korruption und den Zusammenbruch der Wirtschaft. Wir sind am Ziel und doch am Anfang. Als ich erfuhr, dass er (Mubarak) aufgegeben hatte, konnte ich es garnicht fassen! Ich lief durch die Straßen und wir tanzten, weinten und lachten zusammen. Ich will unsere neue Freiheit mit jedem auf der Welt teilen! Auf ein freies Ägypten!

11.02.2011

Kinder der Revolution: Salam Tarek aus Ägypten

Salam Tarek (25): "Wir brauchen eine
pluralistische, zivile Regierung, die an
bürgerliches Engagement glaubt."
Von Daniel Roters

Viele Ägypter gehen in diesen Tagen jeden Tag auf die Straßen, um zu demonstieren. Oft gehen sie in den Massen unter. Wir erfahren selten mehr über Einzelne, ihre Beweggründe und ihre Geschichte. In dieser Serie möchte ich Ihnen einige dieser Menschen vorstellen. Dieses Mal hat mir Salam Tarek mehr über sich erzählt.

Salam Tarek ist Medienkoordinator bei der Egyptian Democratic Agency und ist 25 Jahre alt. Er ist einer der Teilnehmer der "Revolution des 25. Januars", wie er sie nennt. Er sagt:
"Mein Wunsch ist, dass dieses Land sich verändert. Wir brauchen eine pluralistische, zivile Regierung, die an bürgerliches Engagement glaubt. Wir brauchen eine neue Kultur des Dialogs und der Nicht-Diskriminierung. Wir brauchen eine Regierung, die die Würde von Ägyptern in Ägypten und außerhalb Ägyptens nicht untergräbt, auch nicht in Bezug auf gesetzliche Aspekte. Ein solches System wäre in der Lage Ägypten zu erneuern, damit alle Ägypter im Lichte der friedlichen Koexistenz mit allen Menschen der freien Welt zusammenleben können."

10.02.2011

Kinder der Revolution: Sahar Maher aus Ägypten

Sahar Maher (21): "Ich habe schon
einmal eine Revolution vollbracht...
gegen mein Elternhaus."
Von Daniel Roters

Viele Ägypter gehen in diesen Tagen jeden Tag auf die Straßen, um zu demonstieren. Oft gehen sie in den Massen unter. Wir erfahren selten mehr über Einzelne, ihre Beweggründe und ihre Geschichte. In dieser Serie möchte ich Ihnen einige dieser Menschen vorstellen. Dieses Mal hat mir Sahar Maher mehr über sich erzählt.

Sahar Maher ist 21 Jahre alt, und studiert Ingenieurswesen mit dem Schwerpunkt Textiltechnik. Sahar ist seit zwei Jahren politische Aktivistin. Sie und viele ihrer Freunde wurden angegriffen, viele von ihnen inhaftiert. Deswegen sagt sie:
"Ich nehme an diesen Demonstrationen teil, weil ich meine Würde und meine Freiheit verteidigen muss. Ich möchte in einem freien Land leben, ein Land mit einem modernen Bildungs- und Rechtssystem. Vor einem Jahr habe ich eine Revolution gegen mein Elternhaus vollbracht, um frei zu sein. Ich werde auch in dieser Revolution nicht vor dem Regime zurück weichen bis unsere Forderungen erfüllt sind: Mubarak und seine Familie müssen sich aus der Politik zurückziehen. Die Menschen, die unser Vermögen gestohlen haben, müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Wir wollen keine Militärregierung und auch keine Herrschaft der Religionsgelehrten. Wir sehnen uns nach einer liberalen Regierung."