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21.08.2011

Libya on my mind

 von Daniel Roters

Colonel Gaddafis Tage sind gezählt, wenn wir den Libyern glauben, die zu den Waffen gegriffen haben, und seit sechs Monaten gegen Libyens Machthaber und dessen Soldaten kämpfen. Die Rebellen kämpfen nun in der Hauptstadt und die Schlinge um Gaddafis Hals schließt sich langsam. Gaddafis Sohn bekräftigte am Samstag bei einer Veranstaltung einer libyschen Jugendorganisation die Durchhalteparolen seines Vaters und schloss eine Kapitulation aus.

Giuma Bukleb
Währenddessen sind wir erleichtert, dass eine gute Freundin, Kristin Jankowski, nach mehrstündiger Haft in Kairo wieder freigelassen wurde. Am Donnerstag (18.08.2011) wurden Frau Jankowski und ihre Begleiter von Soldaten in Haft genommen. Die Umstände der Verhaftung sind zur Stunde nicht näher bekannt.

Was Libyen angeht, so lassen wir doch den libyschen Dichter und Schriftsteller Giuma Bukleb (geb. 1952) zu Wort kommen, der seit diesem Frühling in seinen "Letters from London" regelmäßig über diese aufregende Zeit spricht. Es ist sozusagen eine Dokumentation über die Gedankenwelt eines Künstlers in London, der den arabischen Frühling aus der Ferne erlebt. Diese gesprochenen Briefe sind nicht nur Ausdruck einer Hilflosigkeit, sondern vorallem ein Ausdruck des Hoffens für das Libyen, welches Bukleb 1988 verließ.

In einem dieser gesprochenen Briefe sendet er eine Botschaft in Form eines Gedichtes nach Libyen:

إرحل كي يسرح دفء شمس صبحنا في التين والزيتون وهذا البلد الذي كان يُعرف قبل أن تحتله بالأمين.
وكي نتذوق، بلا وجل، طعم الخبز والزيت
ونعيد، بأمل، ترميم ما كسرت من أحلامنا

Verschwinde
Sodass die Wärme der Morgensonne frei umher ziehen kann zwischen den Feigen- und Olivenbäumen dieses Landes, welches friedlich und sicher war, bevor du es besetzt hast
Und wir den Geschmack des Brotes und des Öls ohne Furcht genießen können
Sodass wir das, was du uns an Träumen zerstört hast wieder auferstehen lassen können.

إرحل
كي يستريح خوفُنا منك للحظة،
وعشبنا ينام، لليلة واحدة، دون كوابيس
ونخلنا يمد ظلال جريده بلا توجس،
وسماؤنا تتنفس الصعداء
وبحرنا يستفيق من غفوته فيرانا، من دونك، واقفين
على أعتاب الصباح
في انتظاره

Verschwinde
Sodass unsere Angst vor dir für einen Augenblick ruhen kann
Und unser Gras für eine Nacht ohne Albträume schlummern kann
Sodass unsere Palmen die Schatten ihrer Blätter ohne Scheu ausdehnen können
Und unsere Himmel erleichtert aufatmen
Und unser Meer von einem Schläfchen aufwacht, uns stehend sehend ohne dich
Auf der Schwelle des Morgens
In Erwartung seiner


ثكلتك الليالي
وخذ معك:
كل ما جمّعت خزائنك من دموع أمهاتنا
وما بذرتَ فينا من أحقادك
رفات اجدادك
نذالات اولادك
أوتاد خيامك
أعواد مشانقك
أبراج معتقلاتك
نُباح كلابك
حرير قفاطينك
بهرج عباءاتك
فخامة تيجانك
نوق حليبك
ذرات الهواء الملوثة بأنفاسك
تصاويرك
أشلاء بطولاتك وأوهامك
جثث المرتزقة الذين اكتريتهم بأموالنا، من كل بلاد، لقتلنا
السوس الذي ينخر في خشب خطاباتك،

Mögen die Nächte dich verdammen
Nimm mit dir:
All das, was deine Tresore gesammelt haben von unserer Mütter Tränen
All das, was in uns gesät wurde durch deine Gehässigkeit
Die sterblichen Überreste deiner Vorfahren
Die Gemeinheiten deiner Söhne
Die Pflöcke deiner Zelte
Die Säulen deiner Galgen
Die Türme deiner Gefängnisse
Das Gebell deiner Hunde
Die Seide deiner Gewänder
Das Blenden deiner Umhänge
Die Erhabenheit deiner Kronen
Die Milch deiner Kamele
Die Teilchen der Luft, die durch deine Atenzüge verschmutzt wurden
Deine Bildnisse
Die Leichen deines Heldentums und deiner Illusionen
Die Leichen der Söldner, die du von jedem Land und von unserem Geld gekauft hast, um uns zu töten
Die Termiten, die am Holz deiner Reden nagen


حتى الزغاريد، إن وجدت، التي بشّرت بميلادك
خذها وارحل
 ودعنا
Sogar die Freudentriller, welche deine Geburt ankündigte - wenn es sie denn überhaupt gab -
Nimm sie und verschwinde!
Lass uns... 

19.06.2011

Khaled Saeed - Die Toten mahnen die Welt

Ein Mahnmal vor dem ägyptischen Innenministerium gedenkt Khaled Saeed, einem Opfer der ägyptischen Polizeibrutalität.

Von Daniel Roters


Unendlich traurig war Umm Saeed als sie mir auf meiner Taxifahrt im September 2009 erzählte, dass sie nun auf dem Weg zum ägyptischen Innenministerium am Lazoghly-Platz sei. Ich verstand damals nicht sofort, was dies bedeutete. Heute – nach der Revolution –  kann ich sie verstehen: Den Ausdruck in ihren Augen und die Wahl ihrer Worte. Vorsichtig hatte sie mir im Taxi mitzuteilen versucht, dass sie von der Festnahme ihres Sohnes ausging. Huwa ragel siyasiy (Er war ein politischer Mensch), sagte sie in einem breiten Ägyptisch. Sie schien darüber nicht wirklich erfreut. Sie erzählte mir, dass er in der Universität ständig mit Leuten über Politik gesprochen hatte. Er hatte Freunde Verwandte und Bekannte dazu aufgerufen, aktiv zu werden, Missstände anzuklagen und persönlichen Umfeld den Wandel voranzutreiben.

Ich wusste nun: Hört man von einer Festnahme eines Bekannten durch die Staatssicherheit fährt man zum Innenministerium, um mehr Informationen um den Verbleib der Verschwundenen zu erhalten. Seit der Begegnung mit Umm Saeed war mein Blick geschärft. Plötzlich sah ich jedes Mal eine Reihe von Müttern, die auf ihre Söhne oder Töchter warteten. Jedes Mal auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, wie viele junge Menschen wohl in irgendwelchen Verhörräumen ausgefragt wurden, wie viele Eltern keinen Schlaf fanden.

In diesem Frühling waren es die Gebäude der Staatssicherheit und des Innenministeriums, die von den Demonstranten belagert wurden. Die Angst vor dem Unterdrückungsapparat war gebrochen. Die Hilflosigkeit der Massen verwandelte sich in einen Volkszorn, den der alternde Pharaoh unterschätzt hatte. Sie waren erzogen worden, untätig zu sein, unpolitisch zu sein, sich nicht in die Angelegenheiten der Staatsführung einzumischen. 

Wir sind in Alexandria. Es ist der 6. Juni 2010. Der 28-jährige Khaled Saeed sitzt in einem Internetcafé. Polizeioffiziere betreten das Café, zerren den jungen Mann auf die Straße. Auf dem Weg zum Polizeiauto schleudern die Polizisten den jungen Mann gegen Wände, schlagen auf ihn ein, stoßen seinen Kopf gegen die Stufen einer Treppe. Khaled Saeed wird buchstäblich zu Tode geprügelt. Die Polizei hatte ihn angeblich wegen Waffenbesitzes und Diebstahls verhaften wollen. Später wurden Zeugen gekauft, die Aussagen sollten, dass Khaled mit Canabis gehandelt habe. Personen aus seinem Umfeld sagen, dass Khaled belastendes Material besaß, welches durch die Polizei begangene Straftaten dokumentierte. 

Wir wissen heute nur, dass Khaleds Fall in ganz Ägypten Aufsehen erregte. Fotos, die die Leiche des Jungen zeigten, verbreiteten sich wie ein Virus im Internet und in den sozialen Netzwerken. Unser Blog berichteteüber die Umstände, die die Revolution in Ägypten antrieben. 

Khaled Saeed ist zu einem Symbol für die Protestbewegung geworden. Der Fall Khaled Saeed hatte den Menschen gezeigt, dass sie im Grunde genommen hilflos waren, würden sie nicht auf die Straße gehen und gegen die ungeheuerliche unmenschliche Behandlung der Landsleute durch ihre eigene Regierung protestieren, im Bewusstsein, dass dies lebensgefährlich ist.

In Tunesien markierte der Selbstmord des Mohamed Bouazizi aus Sidi Bouzid den Auftakt für den arabischen Frühling. In der Folge ließen viele Menschen während der Proteste ihr Leben. Die Stimme des Protests verbreitete sich: Erst in der kleinen Stadt Sidi Bouzid, dann in Tunis und schließlich in der gesamten arabische Welt.

Während der revolutionären Unruhen in Ägypten versuchten die Demonstranten systematisch die Symbole der Macht und die Zentren des ägyptischen Unterdrückungsapparates auszuschalten. Polizeistationen wurden angezündet und Gebäude der Staatssicherheit gestürmt, um Dokumentesicherzustellen, die die Systematik der Menschenrechtsverletzungen durch dasägyptische Regime beweisen sollten. 

Uns erreichten unheimliche Bilder aus unterirdischen Verließen, in denen hunderte von Menschen Platz gefunden haben mussten. Dort wurden sie gefoltert, gedemütigt, bedroht, vergewaltigt durch Männer in Uniform. Es wurde bekannt, dass die ägyptische Regierung systematisch Ressentiments zwischen Muslimen und Kopten befeuerte, um das eigene Handeln zu rechtfertigen.Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass der ägyptische Untersrückungsapparat das ägyptische Volk mit finanziellen und materiellen Mitteln aus dem Ausland drangsaliert hatte.

Mubarak ist Geschichte. Die Armee übernahm die Staatsgeschäfte, aber auch vertrauensbildende Maßnahmen, wie eine Medienoffensive (Sawtuna berichtete) und die Kooperation mit den Untersuchungen gegen Mitglieder des alten Regimes können nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung liegen. Hatte man noch während der Massendemonstrationen gerufen „Die Menschen und das Militär sind eine Hand!“, so stellen sie nun ernüchternd fest, dass sie im Grunde genommen am Anfang einer langen Zeit des gesellschaftlichen und politischen Wandels stehen.

Genau ein Jahr nach dem Tod Khaled Saeeds besprühten nun Aktivisten die Außenmauern des Innenministeriums. Zu sehen ist Khaled, sein Mund ausgespart. Dort wo der Mund sein sollte liest man:
Khaled Saeed starb am 6. Juni 2010 durch Polizeigewalt.
Er wurde nur 28 Jahre alt. (Foto: Hossam El-Hamalawy)
Wird mein Blut - durch deine Augen - zu Wasser werden? Wirst du mein blutbeflecktes Gewand vergessen?
Khaled Saeed mahnt die Menschen über den Tod hinaus. Es darf nicht alles umsonst gewesen sein, scheint er ausdrücken zu wollen.

Die Zeilen an den Wänden des Innenministeriums stammen aus einem Gedicht des Ägypters Ahmad Dunqul (1940-1983), der in seinem Gedicht „La Tusalih“ („Macht keinen Frieden“), geschrieben vor Sadats historischem Besuch in Jerusalem, die durch harte Kompromisse erzielte Friedensvereinbarung zwischen Israel und Ägypten vorausahnend.

Die Botschaft der Stifter dieses einfachen Mahnmals ist deutlich: Macht keinen Frieden mit diesem Regime! Doch wie kann die Gesellschaft geheilt werden? Misstrauen und Angst vor der Zukunft lässt die Akteure des Wandels in Ägypten in eine Lethargie verfallen, so scheint es. 

Im Folgenden das Gedicht von Amal Dunqul in englischer Übersetzung, die 2009 für das Center for Intercultural Dialogue & Translation im Rahmen eines Papiers über die Rolle der Dichtung für den interkulturellen Dialog angefertigt worden ist.


Do not Reconcile!
By Amal Dunqul


(1)
Would they grant you gold.
Should I gouge your eyes,
Fix two jewels in their place
Could you still see?
Such are not to purchase:
You and your brother, your memories of childhood,
Your sudden feeling of manhood,
Longing suppressed by bashfulness, when you hug him.
Silence…smiling at your mother's scold
As if... you were still children!
Your eternal reassurance:
That two swords are your sword
And two voices are your voice
That if you die:
The house has a god
The child a father
"Will my blood -- through your eyes -- turn to water?
Will you forget my blood-stained robe?"

Wear a brocaded one with my blood underneath?
Such is war!
It may burden the heart
But the Arabs' shame is behind
Do not reconcile!
Nor seek to hide!

(2)
Do not reconcile!
Not even for blood!
Make no conciliation!
Would they say a head for a head!
Is one head like another?
Is the stranger's heart like that of your brother?
Has he your brother's eyes?
A hand whose sword was yours…
Could it even that whose sword bereaved you?

They would say:
We've come to you to spare blood
We've come, - O prince -  be our judge
They would say:
Now we're cousins.
Tell them: they trod on their cousinship to those they killed
And plant the sword into the front of the desert
Till echo repeats
That for you I was
A knight,
A brother,
A father,
And a king!

(3)
Make no conciliation…
If you're denied sleep by screams of remorse
And retain …
If women in black with their children bereft of smile soften your heart
That "El-Yamama" your niece
Is a flower, in her youth,
Garbed in a mourning dress
She used to run down the palace stairs
On my return,
And on my coming down hold my legs…
I lift her – while she smiles- on the back of the horse.
Here she is…silent
The hand of treason
Has deprived her of hearing her father's words,
Wearing the new dress,
Having one day a brother,
Or in her wedding a smiling father
To whom she returns when the husband is mad at her,
And to whose arms, his grandchildren race
To get their presents,
To pull the turban,
And to mess up his beard.

Do not reconcile!
This dove (El-Yamama) has committed no guilt
To suddenly see the burning nest
While she rests on the ashes!

(4)
Do not reconcile!
Would they crown you a prince
How could you step on the body of your father's son?
And on faces of fake joy…
Become a king?
How could you look in the hands you shake
Without noticing blood in every hand?
An arrow that caught me from behind …
Will catch you from a thousand sides
For blood has now become a badge of honor.
Do not reconcile!
Would they crown you a prince
Your throne is a sword,
And false is your sword
Shouldn't you, with its wisp, weigh moments of honor
And in luxury find rest.

(5)
Do not reconcile!
Should those who waver in battle say
" … we can not bear swords unsheathe …"
When truth fills your heart:
Fire erupts when you breathe
And the voice of treason gets dumb
Do not reconcile!
No matter how many words of peace they speak
How could the lungs breathe in the foul breeze?
How could you look a woman in the eye…
If you know you can not shield her?
How could you, in love, be her knight?
Or for a newborn sleeping and waiting for a tommorow?
How could you dream or sing of future for a boy
Who grows up between your hands with a weary heart?
Do not reconcile!
Nor share with your murderers food
And with blood,
Your heart waters
The holy soil,
And your resting ancestors
Until the bones do answer you

(6)
Do not reconcile!
Should the tribe beseech you
By El-Galila's sadness
To be a foxy fellow
And show acceptance.
They would say:
Here you seek a long vengeance;
Now take what you can:
A little right…
In these few years
The revenge is not only yours,
But the coming generations' too
And tomorrow…
Someone will be born to put on the full armor,
And a sweeping fire,
to demand vengeance
And to help the truth to come into life
From the heart of impossibility
Do not reconcile!
Should they say it is only a device
Such is revenge
Its flame in the heart fades away
As seasons pass by
And with its five fingers remains sealed the hand of disgrace
Upon disgraced brows!

(7)
Make no conciliation, though stars may warn you
And fortunetellers make you a prophecy
I would have forgiven had I died…
Perplexed between right and wrong.
I was not an invader,
Never sneaked near their camps,
Nor hovered around their borders,
Never approached their vineyards
Their garden I never trod.
My murderer did not shout: "watch out!“
He walked with me …
Then shook my hand …
Then hoofed a little
But in the bushes he hid!
Then all of a sudden:
A shudder riddled me between two ribs…
My heart shivered - as a bubble - and slacked!
I braced myself up, till on my arms I weighed
I saw my cruel cousin
With a sordid face, maliciously satisfied
I had no spear
Nor an old weapon,
Nothing but my rage complaining of thirst.

(8)
Do not reconcile…
Till existence returns to its cycle:
Till …
To their orbits, return the stars
To their twitter… the birds
To their grains… the sands
And the murdered to his waiting child
All was ruined in a fleeting second:
Youth, family joy, horse neigh, guests hosting, the heart murmur when a bud in the garden withers, prayer for seasonal rain
The heart dodges when the bird of death hovers over the savage wild
All was ruined in a flagrant slide
And who murdered me is not a god
To have me killed by his will
Not grander than me… to take my life with his sword
Nor smarter…to finish me off with his sly fraud
Do not reconcile!
For it's only an accord between two rivals…
Unbroken by the honor of the heart
And that who murdered me is a mere thief
He stole the land before my eyes
As silence broke into a mocking laugh!

(9)
Do not reconcile!
Though all sheikhs against your sword may stand
With shadow men whose souls are cracked
Those who love sopped bread and meat
And surmounting slaves
Those whose turbans dangled on their eyes,
And their Arab swords have forgot chivalry years
Do not reconcile!
This desire shall be odd
In this age you're the sole knight
Others…are freaks!
Do not reconcile ...
Do not reconcile ...

28.04.2011

Wir sind das Volk: Dichtung im Wandel der Zeit

Ein Brückenschlag von Abu Nuwas bis Ahmad Fouad Negm

Von Daniel Roters


Ahmad Fouad Negm, ein betagter
Volksdichter und Revolutionär im
Vorruhestand.
Dichtung hat in der arabischen Welt schon immer eine sehr große Rolle gespielt. In der vorislamischen Zeit waren es Dichter, die mit ihren Worten Kämpfe entscheiden konnten. Sie säten Liebe und Zwietracht und als Chronisten brachten sie die Erlebnisse der nomadischen Gesellschaft in eine angenehme Wortform. Wir wissen zum Beispiel durch den Kirchenhistoriker Sozmenos, wie Anhänger ihre Krieger-Königin Mawiyya nach dem Sieg über den römischen Kaiser Valens Flavius preisten.

Die Funktion des Dichters war innerhalb der Stammesgesellschaft vielseitig. Er war nicht nur Chronist. Manche sahen gar das Schicksal des Stammes in den Händen des Dichters. Abu Tamâm, ein großer Dichter der abbassidischen Zeit, sagte im 9. Jahrhundert, dass ein Stamm mit einem guten Dichter andere Stämme ohne weiteres dominieren könne.

Die vorislamische Dichtung drückt das aus, was man als kollektives Bewusstsein einer Stammesgesellschaft bezeichnen könnte. Sichtbar wird dies, wenn wir kein lyrisches Ich, sondern ein lyrisches Wir vorfinden. Der große arabische Dichter Adonis aus unserer Gegenwart sagte dazu, dass diese vorislamische Dichtung dadurch nicht weniger persönlich oder emotional sei. Hier habe nur das lyrische Wir (der Stamm )  das lyrische Ich (also das Individuum) überlagert.

13.03.2011

In Gedenken an Mahmoud Darwish - "Al Qurban"



Von Daniel Roters

Heute am 13. März 2011 wäre der unvergessene palästinensische Dichter Mahmoud Darwish 70 Jahre alt geworden. 

Am 9.  August 2008 starb Mahmoud Darwish, die “Stimme der Palästinenser”. Er wurde 1941 in Barwa bei Akkon (heute im Norden Israels) geboren. 1948 floh seine Familie in den Libanon. Als Kind lernte er Hebräisch, ging auf die Oberschule in Nazaret, dann nach Haifa. Bereits als Jugendlicher dichtete er, und so manches Mal wurde er für seine Zeilen bestraft, sprachen sie doch stets Wahrheiten aus, die unbequem schienen. So soll er als Junge ein Gedicht über einen Palästinenser geschrieben haben, der mit einem Israeli spielte. Als er sich 1973 der PLO anschloss, wurde ihm die Einreise in seine einstige Heimat verwehrt. 1995 durfte er sich vier Tage lang in Haifa aufhalten und erhielt schließlich die Genehmigung sich in Ramallah niederzulassen.

Eines seiner bekanntesten und beliebtesten Gedichte ist die “Identitätskarte” (1964). Mit der Zeit wurde Palästina immer mehr zur Metapher für den Verlust von Eden, für Geburt und Wiederauferstehung, für die unrechtmäßige Vertreibung und das Exil, seine Poesie, sich erst am klassisch-arabischen Ideal orientierend, zu einer machtvollen identitätsstiftenden Quelle für die Palästinenser und eine mahnende Stimme für die Weltöffentlichkeit.

In deutscher Übersetzung gibt es einige ausgewählte Gedichte, übersetzt von Stefan Weidner: "Wir haben ein Land aus Worten", ausgewählte Gedichte 1986-2002, arabisch und deutsch.

Ein Bespiel für die späte Dichtung des Darwish findet sich in “Das Opfer” (القربان) von 2002. Dies ist ein bisher unveröffentlichtes Gedicht, von dem es meines Wissens nach noch keine Übersetzung gibt. Darwish hat es aber  bei verschiedenen Lesungen vorgetragen, so zum Beispiel in Jordanien.

Ich habe mir die Mühe gemacht eine Übersetzung anzufertigen, die sicherlich nicht die Bedeutungsvielfalt der Bilder wiedergibt, die für Darwish so kennzeichnend sind, daher wird jeder diesen Text anders lesen können: Religiös, politisch, philosophisch, rein ästhetisch…
Nachfolgend haben Sie die Möglichkeit sich den Vortrag anzusehen. Danach folgt meine Übersetzung.





Das Opfer (القربان)
von Mahmoud Darwish


Vorwarts, schreit’ voran allein
Um dich herum warten die Hohepriester auf Gottes Befehl
So steig’ auf
Oh du Opfergabe, zugewandt dem steinernen Altar
Oh du Opferhammel
Unsere Erlösung
Steig auf stark
Dein ist unsere Liebe
Unsere heiseren Lieder in der Wüste
Bring’ das Wasser aus dem Zwielicht der Fata Morgana
Und erwecke die Toten
In deinem Blut ist die Antwort
Wir töteten dich nicht
Töteten nicht einen Propheten.
Außer, um die Auferstehung auf die Probe zu stellen

So stell’ du uns auf die Probe in diesem stählernen Staub
Sterbe, um zu wissen, wie sehr wir dich lieben
Sterbe, um zu wissen
Wie dein volles Herz auf unsere Gebete fällt
Reife Datteln
Dein ist die Gestalt des Sinnes
So kehre nicht zurück zu deinen Gebeinen
Lass’ deinen Namen zurück im Echo
Eine Eigenschaft für etwas
Sei eine Ikone für die Irrenden
Und eine Zierde für die Schlaflosen
Sei ein Märtyrer, bezeugend mit einem fröhlichem Gesicht
Welche der Wohltaten sind es, die wir leugnen?
Wer läutert uns außer du?
Und wer befreit uns außer du?
Du wurdest geboren an unserer Stelle
Wurdest geboren aus Licht und Feuer

Und wir waren die Tischler
Talentiert
Das Kreuz zu fertigen
So nimm das Kreuz und steig’ auf über die Plejaden
Vorwärts, schreit’ voran allein
Oh du unsere einzige Metapher
Über dem Abgrund der Poeten
Wir sind schlafende Nichtsnutze
Auf den Rücken der Pferde
Wir ersuchen dich um Loyalität
So sei treu der Menschheit und der Botschaft
Sei treu der schönen Mythen, sei treu
Welche der Wohltaten sind es, die wir leugnen?
Die Planeten sind in deinen Händen
So sei unser letztes Zeichen
Sei unsere letzte Äußerung in den Trümmern des Alphabets
Wir hören nicht auf zu leben, auch wenn wir tot sind
Auf dein Blut haben wir vertraut

Führe uns
Und lasse dein reines Blut für uns scheinen
Niemand bat um Vergebung für deine Wunden
Wir alle sagten zu den Römern: Wir sind nicht mit ihm
Und übergaben dich dem Henker
So vergib uns unseren kleinen Verrat
Oh Bruder, gesäugt an derselben Brust
Wir wussten nicht was passierte
So sei gnädig und zufrieden
Wir werden die Vision für glaubwürdig erachten
Werden an die ungewöhnliche Ehe glauben
Zwischen dem Geist und dem heiligen Körper
Alle Rosen der Erde genügen nicht deinem Thron
Die Erde wurde leicht, rund
Dann flog sie wie eine Taube in deinen Himmel

Oh du edles Opfer
Brenne
Um uns zu entzünden, um einen fernen Stern zum Blühen zu bringen.
Höher und höher
Du bist nicht von uns, solltest du herabsteigen und sagen:
Mein ist ein Leib, mich quälend am Holze des Kreuzes
Und solltest du sprechen, du würdest erwachen
Und unsere Realität enthüllen
Sei ein Traum, den wir träumen dürfen
Sei nicht menschlich
Oder ein Baum
Sei ein unzugängliches Rätsel
Möge dich zelebrieren all’ das, was grünt
Von den Bäumen und den Steinen
Von den Dingen, welche der Schmetterling vergisst
In der Stunde des jüngsten Gerichts
Ein Gedicht
Und mögen dich zelebrieren all diejenigen, die ohne Erinnerung sind
Oder ein glänzender Mond

Zerbrich’ nicht
Siege nicht
Sei schwebend zwischen beidem
Wenn du brichst, besiegst du uns
Und wenn du siegst, dann zerbrichst du uns
Also sei ein toter Lebender
Und ein lebendiger Toter
Sodass die Hohepriester ihr Handwerk fortsetzen mögen
Sei eine verborgene Erscheinung
Mögest du allein bleiben, erhaben
Die schwere Zeit berührt nicht deinen Lebensbereich
So steig auf, so hoch du kannst
Denn du bist der schönste von uns, wenn du ein Märtyrer bist
Sei so weit entfernt, wie du kannst
Sodass wir in der Offenbarung deinen Schatten erblicken
Eine purpurne Karte
Friede sei mit dir am Tag an dem du geboren wurdest
Im Land des Friedens
Und am Tag an dem du gestorben bist
Und am Tage an dem du auferstehst
Aus der Dunkelheit des Todes
Lebend