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23.04.2011

Zur Geschichte des Islams in Tunesien, Folge 5

Šuqrân und der Weltentsager aus Ägypten

Von Marco Schöller


Abû `Alî Šuqrân (gest. 802) lebte in Kairouan und war ein Freund von Buhlûl ibn Râšid (st. 799). Buhlûl war ein kauziger »Gottesmann«, dessen Bittgebete, wie fast jedermann glaubte, von Gott erhört wurden. Ein späterer Biograph charakterisierte Šuqrân wie folgt:
»Er betete und fastete viel. Er lebte in ständiger Trauer und war von Furcht erfüllt. Sein Herz war leicht erregbar, seine Tränen flossen oft und reichlich. Von Kindheit an sprach er Worte der Weisheit und brachte die Menschen zum Dienst an ihrem Herrn zurück, indem er sie mit guten Worten ermahnte. Ein Gefährte Šuqrâns erzählte später, ein grünliches Licht habe über seinem Kopf geleuchtet, wann immer ihm eine Bitte, die er Gott vorgetragen hatte, erfüllt worden war.«
Der nachmals berühmte Weltentsager Dhû n-Nûn al-Misrî (st. 859) soll einst den weiten Weg von Ägypten nach Kairouan auf sich genommen haben, um Šuqrân zu sehen und von ihm zu hören. Über das Zusammentreffen Dhû n-Nûns mit Abû `Alî Šuqrân gibt es zahlreiche, teils legendenhafte Berichte in den historischen Quellen.
* * *

Nach dem Bericht von Abû l-`Abbâs al-Ibyânî war Dhû n-Nûn zu Abû `Alî Šuqrân nach Kairouan gereist, um von ihm zu hören. Šuqran verließ jedoch sein Haus nur zum Freitagsgebet, und als er wieder einmal aus der Tür getreten war, sprach Dhû n-Nûn zu ihm:
     »Ich bin aus einem fernen Land gekommen, um dich um eine Gabe zu bitten.«
Da hob Šuqrân ein paar Kieselsteinchen von der Erde auf und gab sie Dhû n-Nûn in die Hand. Als Dhû n-Nûn in seine Hand blickte, sah er, daß sich die Kiesel in Diamanten verwandelt hatten.
     »Nicht deshalb bin ich gekommen!« protestierte Dhû n-Nûn.
     »Weshalb sonst?« fragte Šuqrân.
     »Damit du mir eine Ermahnung gibst!« sprach Dhû n-Nûn.
     Da sagte Šuqrân zu ihm:
Iß nur von dem, was deine Rechte erarbeitet und wofür deine Stirn geschwitzt hat!
Iß jedoch nicht von dem, wofür du bei anderen Schulden machtest!
Sobald deine Glaubensgewißheit an Stärke verliert, suche Hilfe bei Gott, deinem Helfer!
* * *

Ein anderer Bericht erzählt, Dhû n-Nûn sei zu Ohren gekommen, daß es im Maghreb einen Gottesdiener namens Šuqrân gebe, der sich nur jeden vierzigsten Tag den Leuten zeige. Als Dhû n-Nûn in den Maghreb (also nach Ifrîqiyah) gereist und in Šuqrâns Wohnort angekommen war, fragte er nach ihm und erhielt die Auskunft: »Gerade hat er sich wieder zurückgezogen. Er wird erst in vierzig Tagen wieder erscheinen.«

Dhû n-Nûn wartete vierzig Tage lang vor seiner Tür.

Als die vierzig Tage um waren, kam Šuqrân heraus, erblickte Dhû n-Nûn und sprach zu ihm:
     »Du kommst aus dem Osten?«
     Dhû n-Nûn bejahte, und Šuqrân fragte weiter:
     »Was hat dich veranlaßt, hierher zu kommen?«
     Dhû n-Nûn sagte: »Man hat mir von dir erzählt, also machte ich mich auf, dich zu besuchen, damit du mir eine Ermahnung gibst. Gott wird dann vielleicht dafür sorgen, daß mir deine Worte nützlich sind!«
     Da sprach Šuqrân:
Mein Junge! Wandere über die Erde und bediene dich dabei der Kräuter, sie zu essen, um der Pflicht (dich am Leben zu erhalten) zu genügen!
Nimm von niemandem ein Geschenk oder eine Leihgabe an!
Wenn du aber fürchtest, doch etwas borgen zu müssen, dann suche Hilfe bei dem, dem man jede Bitte vortragen kann (= Gott)!
Dann ging er wieder hinein, und Dhû n-Nûn saß für weitere vierzig Tage vor seiner Tür.

Nach Ablauf der vierzig Tage kam Šuqrân wieder heraus und sagte zu Dhû n-Nûn:
     »Hat dir meine Ermahnung denn gar nichts genützt?«
     Dhû n-Nûn erwiderte: »Ich will noch mehr hören!«
     Da sprach Šuqrân: »Du bist nicht einer derer, die mehr vertragen, und so wird dich, was ich zu sagen habe, nicht mehren, sondern mindern! Gleichwohl:
Mein Junge! Iß von dem, was deine Rechte erarbeitet und wofür deine Stirn geschwitzt hat!
Iß jedoch nicht von dem, wofür du bei anderen Schulden machtest!
Wenn du fürchtest, daß deine Glaubensgewißheit schwindet, dann suche Hilfe bei Gott, deinem Helfer!
Wisse, daß du und ich morgen vor dem Angesicht Gottes, des Erhabenen, stehen werden, also fürchte Gott und beschwere dich nicht über den, der Sich deiner erbarmt (= Gott), bei dem, der sich deiner nicht erbarmt!
«
     Dann ging er wieder hinein, und Dhû n-Nûn saß für weitere vierzig Tage vor seiner Tür.

Als Šuqrân wieder herauskam, sagte er zu Dhû n-Nûn:
     »Hat dir meine Ermahnung nichts genützt?«
     Dhû n-Nûn erwiderte: »Ich will noch mehr hören!«
     Da sprach Šuqrân: »Du bist nicht einer derer, die mehr vertragen, und so wird dich, was ich zu sagen habe, nicht mehren, sondern mindern! Gleichwohl:
Mein Junge! Wenn du dich mit dem zufrieden gibst, was Gott dir zugeteilt hat, so wirst du der enthaltsamste aller Menschen sein!
Wenn du befolgst, was Gott dir befohlen hat, so wirst du der beste Seiner Diener sein!
Wenn du unterläßt, was Gott, der Erhabene, dir untersagt hat, dann wirst du der gewissenhafteste aller Frommen sein!«
Als Šuqrân Anstalten machte, ein weiteres Mal hineinzugehen, packte ihn Dhû n-Nûn am Gewand und sagte:
     »Gib mir von deinem Proviant (für die Reise ins Jenseits) etwas ab, das mir Gott, der Erhabene, von Nutzen sein läßt!«
     Da steckte Šuqrân dem Dhû n-Nûn etwas in die Hand, das die Form eines Dinars (einer Goldmünze) oder eines Dirhams (einer Silbermünze) hatte. Als Dhû n-Nûn darauf blickte, sah er, daß einer der Namen Gottes, des Erhabenen, darauf stand. Später sagte er: »Immer, wenn ich in diesem Namen etwas von Gott erbat, hat Er es mir gewährt!«

Nach anderen soll Šuqrân dem Dhû n-Nûn einen Zettel gegeben haben, auf dem geschrieben stand:
     »O Immerwährend-Beständiger! O Hervorbringer aller Pflanzen! O Hörer aller Stimmen! O Erfüller aller Bitten!«
* * *

Eine weitere Erzählung vom Zusammentreffen Dhû n-Nûns mit Šuqrân berichtet uns folgendes:

Eines Tages wurden Dhû n-Nûn die weisen Worte eines Mannes aus dem Maghreb vorgetragen. Dhû n-Nûn war von ihnen so eingenommen, daß er beschloß, diesen Mann aufzusuchen. Er reiste also in den Maghreb und ließ sich für vierzig Tage vor der Tür seines Hauses nieder.

     Der Mann – es handelt sich um Šuqrân – ging jeden Tag fünf Mal zum Gebet in die Moschee und kehrte dann mit sorgenvollem Gesicht nach Hause zurück. Doch sprach er weder zu Dhû n-Nûn noch zu jemandem sonst ein einziges Wort. Dhû n-Nûn verlor deshalb die Zuversicht und wußte nicht mehr, was er machen sollte. In seiner Not sprach er Šuqrân schließlich an:
     »O du! Ich sitze hier seit vierzig Morgen, doch sagtest du nie ein Wort zu mir!«
     Šuqrân entgegnete: »Du mußt wissen, meine Zunge ist ein reißendes Tier: Wenn ich sie losließe, würde sie mich auffressen!«
     Doch Dhû n-Nûn insistierte: »Gott möge Sich deiner erbarmen! Gib mir eine mahnende Unterweisung, die ich von dir mitnehmen und im Gedächtnis bewahren kann!«
     »Wirst du denn danach handeln?« fragte Šuqrân.
     »Ja, so Gott, der Erhabene, will!« antwortete Dhû n-Nûn.

Šuqrân hob also an und sprach:
Liebe nicht das Diesseits!
Halte die Armut für Reichtum!
Halte die Prüfung, die dir Gott, der Erhabene, schickt, für eine Gnade!
Halte den Verzicht, den Gott dir auferlegt, für eine Bereicherung, die Einsamkeit mit Gott für Geselligkeit!
Halte die Erniedrigung für Erhöhung, das hohe Ansehen für eine Verfehlung!
Halte die Verzweiflung für eine Tugend, den Gehorsam (gegenüber Gott) für einen Beruf!
Halte das Gottvertrauen für dein täglich Brot!
Und halte Gott, den Erhabenen, für einen Ausweg in jeder Lage!
Danach sprach Šuqrân einen ganzen Monat lang kein Wort mehr zu Dhû n-Nûn. Dieser sagte schließlich zu ihm:
     »Gott möge Sich deiner erbarmen! Ich möchte in mein Land zurückkehren. Wenn du mir also eine weitere Ermahnung geben willst, dann tu es jetzt!«
     Šuqrân sprach: »Hast du nicht bereits genug gehört?«
     Doch Dhû n-Nûn erwiderte: »Gott, der Erhabene, möge Sich deiner erbarmen! Ich bin ein Mann, der ganz am Anfang steht, und besitze noch kein Wissen!«
     »Ist das so?« fragte Šuqrân.
     »Ja, das ist so« sagte Dhû n-Nûn.

Šuqrân also sprach:
Wisse, daß dem Weltentsager im Diesseits das Nahrung ist, was er gerade findet!
Seine Wohnung ist dort, wo er sich gerade aufhält, und seine Kleidung das, was ihn eben bedeckt!
Das Alleinsein ist seine gesellige Runde, der Koran sein Zwiegespräch!
Gott, der mächtige Zwingherr, ist sein Vertrauter, das Gott-Gedenken sein Gefährte!
Der Weltverzicht ist sein innerster Begleiter, das Schweigen sein Schutzschild!
Die Furcht ist sein Weg, die Liebe sein Reittier!
Der aufrichtige Rat ist seine größte Begierde, das Reflektieren über den Tod sein einziger Gedanke!
Das geduldige Ertragen ist sein Ruhekissen, die Erde seine Bettstatt!
Die Hochwahrhaftigen sind seine Brüder!
Die Weisheit ist seine Rede, der Verstand sein Führer!
Die Milde ist sein bester Freund, das Gottvertrauen sein größter Gewinn!
Stets hungert und stets weint er!
Und Gott ist sein Beistand!
Dhû n-Nûn fragte noch nach und sagte:
     »Gott möge Sich deiner erbarmen! Wie aber weiß ich in diesen Dingen, daß ich übertreibe, und wie, daß ich zuwenig tue?«
     Šuqrân erwiderte: »Dadurch, daß du dir in deiner Seele Rechenschaft über dich selbst gibst und mit ihr in ständiger Zwiesprache stehst. Doch Schluß jetzt! Du hast genug gehört!«

* * *

Anmerkung:
Über die wahrscheinliche Legendenhaftigkeit des Berichteten ist kein endgültiger Aufschluß zu erhalten. Die genannten Personen sind aber historisch mehr (im Fall von Dhû n-Nûn) oder weniger (im Fall Šuqrâns) gut bezeugt.
     Die Passagen sind aus folgenden Werken übersetzt: al-Mâlikî, Kitâb Riyâd an-nufûs, Band I; Ibn ad-Dabbâgh, Ma'âlim al-îmân fî ma'rifat ahl al-Qairawân, Band I.

18.03.2011

Zur Geschichte des Islams in Tunesien, Folge 3

Historische Anekdoten über Muslime und Christen im 8. Jahrhundert

Von Marco Schöller


Die Meuterei der Leibwache
Der neu eingesetzte umaiyadische Kalif Yazîd ibn 'Abd-al-Malik (reg. 720–724) hatte schon wenige Wochen nach seinem Herrschaftsantritt den Anhänger seines Vorgängers und amtierenden Gouverneur Ifrîqiyahs, Ibn Abî l-Muhâjir, abberufen und durch seinen Günstling Yazîd ibn Abî Muslim ersetzen lassen. Yazîd ibn Abî Muslim war ein Klient des für seine Grausamkeit berüchtigten al-Hajjâj ibn Yûsuf, der im Irak ein Schreckensregiment errichtet hatte. Yazîd war aus dem gleichen Holz geschnitzt, doch formierte sich im tunesischen Kairoaun bald der Widerstand gegen ihn und er wurde bereits nach wenigen Monaten ermordet. Folgende Episode wird uns als Anlaß für seine Ermordung berichtet:

Yazîd hatte sich mit einer Leibwache aus Berbern umgeben, da er den arabischen und persischen Truppen nicht recht traute. Eines Tages soll er von der Kanzel der Großen Moschee Kairouans gesagt haben: »Ich habe beschlossen, die Hände meiner Leibwächter zu tätowieren, wie es die byzantinischen Könige zu tun pflegen. Auf die rechte Hand soll der Name des jeweiligen Leibwächters, auf die linke sollen die Worte ›Meine Leibwache‹ tätowiert werden, damit sie daran unter allen Leuten erkannt werden!« Als die Männer der Leibwache dies hörten, waren sie nicht einverstanden und sprachen unter sich: »Er will uns wie Christen behandeln!« Sie kamen deshalb überein, Yazîd zu ermorden. Als dieser auf dem Weg von seinem Amtssitz in die Moschee war, fielen sie über ihn her. Man hieb ihn an der Gebets- stätte in Stücke.

(Aus Ibn 'Idhârî al-Marrâkushî, al-Bayân al-muhgrib fî akhbâr al-Andalus wa-l-Maghrib)

* * *
Ein Richter in christlicher Gefangenschaft
Der Richter 'Abd ar-Rahmân ibn Ziyâd ibn An'um (gest. 778), der in Kairouan ansässig war, geriet während eines Kriegszugs in christliche Gefangenschaft. Das soll sich im Jahr 734 auf einer Expedition gegen Sizilien zugetragen haben. Sizilien gehörte zu dieser Zeit zum Herrschaftsbereich der Byzantiner.

An einem christlichen Festtag wurden die muslimischen Gefangenen in Sizilien dem dortigen byzantinischen Gouverneur – in den Quellen »König« genannt – vorgeführt, und es wurde ihnen ein üppiges Mahl aufgetischt. Eine noble Dame, die von der guten Behandlung der Araber durch den König erfuhr, trat vor ihn hin, zerriss ihr Gewand, raufte sich die Haare aus und schwärzte ihr Gesicht. Der entsetzte König fragte sie nach dem Grund für ihr Verhalten, und sie entgegnete: »Die Araber töteten meinen Sohn, sie töteten meinen Mann, sie töteten meinen Vater und sie töteten meinen Bruder! Und dir fällt nichts besseres ein, als sie so gut zu behandeln?« Da verdüsterte sich das Gemüt des Königs und sein Herz verhärtete sich. Er befahl, die Araber zu ihm zu bringen, und ordnete an, daß sie alle zu köpfen seien, einer nach dem anderen.

Ibn An'um erzählte später, daß einige seiner Kameraden bereits hingerichtet waren, als die Reihe an ihn kam. Da bewegte er seine Lippen und sprach: »Gott, Gott, Gott! Mein Herr: ich geselle Gott nichts bei, und ich nehme nur Gott zum Freund und Beschützer!« Das sagte er dreimal. Der König hatte bemerkt, daß Ibn An'um etwas gesprochen hatte, und ließ deshalb einen Gelehrten rufen, um den Wortlaut zu erfahren. Als dem König dann mitgeteilt worden war, was Ibn An'um gesagt hatte, fragte er: »Woher hast du gelernt, solches zu sagen?« Ibn An'um antwortete: »Unser Prophet – Gott segne ihn und gebe ihm Heil! – hat es uns so befohlen.« Der König erwiderte, auch Jesus habe den Christen im Neuen Testament dasselbe befohlen. Daraufhin ließ er Ibn An'um und seine noch lebenden Gefährten frei.

Ob diese Geschichte freilich der Wahrheit entspricht, wurde schon von einigen muslimischen Historikern angezweifelt, die berichten, daß auch erzählt werde, Ibn An'um sei tatsächlich von einem abbasidischen Kalifen aus der Gefangenschaft freigekauft worden. Nach anderen kehrte Ibn An'um bereits im Jahr 739 aus der Gefangenschaft nach Ifrîqiyah zurück.

(Aus Abû l-'Arab, Tabaqât 'ulamâ' Ifrîqiyah wa-Tûnis; al-Mâlikî, Kitâb Riyâd an-nufûs; Ibn ad-Dabbâgh, Ma'âlim al-îmân fî ma'rifat ahl al-Qairawân)

* * *
Öl ist nicht gleich Öl
Ahmad ibn Ibrâhîm erzählte, daß Buhlûl ibn Râšid (gest. 799) eines Tages einem Mann zwei Golddinar in die Hand drückte und ihn dann losschickte, damit er von diesem Geld Öl einkaufe. Besonders süß schmeckendes Öl von der Küste sollte es sein, das Buhlûl besonders gern mochte. Der Mann ging also auf den Markt und fragte, wo das süßeste Öl zu haben sei. Man schickte ihn zu einem Christen, der dafür bekannt war, das beste und süßeste Öl zu verkaufen. Der Mann ging also zu dem Christen und verlangte Öl im Wert von zwei Dinaren. Er sagte noch: »Ich kaufe es für Buhlûl ein!« Da sprach der Christ: »Wir sind dank Buhlûl Gott ebenso nahe, wie ihr dank ihm Gott, dem Erhabenen, nahe seid!« Er gab ihm also für zwei Dinar vom süßesten Öl, und zwar soviel, wie man sonst kaum vom schlechtesten Öl für vier Dinar zu kaufen bekam.

Der Mann kehrte zu Buhlûl zurück, übergab ihm das Öl und erzählte, wie es ihm auf dem Markt mit dem Christen ergangen war und was dieser über Buhlûl Gutes gesagt hatte. Er erwähnte auch, daß ihm der christliche Händler viel mehr von dem süßen Öl gegeben hatte, als er für zwei Dinar eigentlich hätte kaufen können. Da sprach Buhlûl: »Gut! Eine Aufgabe hast du erledigt, und nun mußt du noch etwas anderes erledigen: Gib mir die zwei Dinar zurück!« Der Mann erwiderte entsetzt: »Warum in aller Welt, möge Gott es dir wohl ergehen lassen!?« Buhlûl sagte: »Es kam mir gerade in den Sinn, daß Gott, der Erhabene, spricht: Du wirst keine Leute finden, die an Gott und den Jüngsten Tag glauben und zugleich diejenigen lieben, die sich Gott und Seinem Gesandten widersetzen! (Koran 58:22) Ich fürchte aber, daß ich in meinem Herzen Liebe zu diesem Christen entwickeln werde, wenn ich erst von seinem köstlichen Öl gegessen habe. Dann wäre ich selbst einer derjenigen, die die Widersacher Gottes und Seines Gesandten lieben – und das nur eines so banalen weltlichen Genusses wegen!«

Ibn Nâjî (gest. 1433/4) kommentierte zu dieser Geschichte, Buhlûl habe nur aus Frömmigkeit so gehandelt. Tatsächlich aber, so schreibt Ibn Nâjî, beziehe sich der zitierte Koranvers nur auf die Liebe oder Zuneigung im religiösen Sinn, nicht aber auf die Liebe, die das Zusammenleben im Diesseits mit sich bringe: Ein Beispiel dafür sei ja auch, daß es einem Muslim erlaubt sei, eine Christin zu heiraten, und es keinen Zweifel gebe, daß er sie dann, wenn er sie geheiratet habe, auch lieben werde.

(Aus Abû l-'Arab, Tabaqât 'ulamâ' Ifrîqiyah wa-Tûnis; al-Mâlikî, Kitâb Riyâd an-nufûs; Ibn ad-Dabbâgh, Ma'âlim al-îmân fî ma'rifat ahl al-Qairawân)

* * *
Der freundliche Bischof
Im April 793 zog der neue, vom abbasidischen Kalifen Hârûn ar-Rashîd ernannte Gouverneur von Ifrîqiyah, al-Fadl ibn Rauh ibn Hâtim, in Kairouan ein. Keinem Statthalter war zuvor ein so festlicher und freudiger Empfang bereitet worden wie eben diesem Fadl. Verschiedene Festzelte waren errichtet worden, und der Vertreter der christlichen Gemeinde – vermutlich der Bischof, aber in der Quelle einfach »Priester« genannt – hatte über dem Weg einen hölzernen Bogen aufstellen lassen, der mit Duftkräutern behängt war – wohl eine Anspielung auf den Paradiesesgarten. An dem Bogen hing ein Spruchband, auf dem in krakeligen arabischen Buchstaben geschrieben stand: Wir haben dich einen offenkundigen Sieg erringen lassen, * Auf daß dir Gott dir deine vergangenen und künftigen Sünden vergeben möge! (Koran 48:1-2)

Als Fadl den Bogen passierte, fragte er, wer ihn errichten ließ. Man sagte ihm, es sei der Vertreter der Christen gewesen. Fadl sprach: »Bei Gott! Das hat der Christ sehr schön gemacht!« Dann gelangte er bei seinem Einritt in die Stadt zur Moschee von Abu Fihr. Dort erblickte er eine große, nach unten spitz zulaufende Vase aus Glas, die man aufgehängt hatte. Die Vase war mit Wasser gefüllt, und zwei Schlangen (?!) schwammen darin. Fadl erkundigte sich, wer dafür verantwortlich war, und man sagte ihm erneut, es sei der Vertreter der Christen gewesen. Da rief Fadl aus: »Bei Gott, das hat er gut gemacht!«

Fadl hatte schon vor seinem Einzug einen seiner Sekretäre angewiesen, er möge alles aufschreiben, was für seinen Empfang vorbereitet und ausgerichtet werde, damit er sich dafür erkenntlich zeigen könne. Als nun Fadl im Palast des Gouverneurs angekommen war, ließ er sich von seinem Sekretär unterrichten. Da kam der Vertreter der Christen herein, und Fadl sprach sogleich zu ihm: »Wünsch dir etwas!« Da sagte der Christ: »Möge er mir gestatten, eine neue Kirche zu bauen!« Fadl gestattete ihm dies, und so wurde in Kairouan eine neue Kirche errichtet.

(Aus Raqîq al-Kâtib al-Qairawânî, Târîkh Ifrîqiyah wa-l-Maghrib)

09.03.2011

Presseschau: Nachtrag zum Weltfrauentag

Deutschland: „Vorm Herrgott simmer gleich“
Füsun I., die erste türkische Karnevalsprinzessin in Deutschland, spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Erfahrungen ihrer bisherigen Amtszeit, die Reaktionen in der Türkei auf ihre Tätigkeit und deutsch-türkische Klischees.

Muslimische Mädchen und junge Frauen in der aktuellen Jugendliteratur: Vier Autorinnen und ihre Werke
So unterschiedlich wie die Ansichten über das alltägliche Leben muslimischer Mädchen und junger Frauen mit und ohne Kopftuch sind, so vielstimmig und lebensnah sind die Romane und Sachbücher, die über sie geschrieben werden.

Die Avantgarde-Künstlerin Ré Soupault (Ausstellung Kunsthalle Mannheim)
Soupaults fotografisches Werk, das zwischen 1934 und 1952 auf Reisen in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Schweden, Norwegen, Finnland, den USA und Tunesien mit einer 6x6- und 4x4-Rolleiflex-Kamera und einer Leica entstand, ist von enormer Vielfalt. Da gibt es etwa die vollendet komponierten Arbeiten aus dem „Quartier résérvé“, dem „verbotenen Viertel“ von Tunis, würdevolle Bilder aus einer Tabu-Zone: Soupault zeigt hier, wirklichkeitsgetreu und sozial couragiert, verstoßene, rechtlose Frauen vor ihren ärmlichen Häusern, die sich ihren Lebensunterhalt nur durch Betteln oder Prostitution verdienen können.

International: Der unvermeidliche Frauenaufstand
Bei den Revolten in Nordafrika und im Nahen Osten sind Frauen aktiv beteiligt: als Koordinatorinnen, Internet-Aktivistinnen und auf den Straßen. Das ist das Resultat eines Modernisierungsprozesses.

Revolution der Frauen
Es ist offen, wie viele Herrscher der "wind of change" noch hinwegwehen wird. Eins aber ist jetzt schon klar: Nur wenn die Reformer auch die anhaltende Diskriminierung von Frauen in der arabischen Welt abbauen, kann es gelingen, die verschütteten Entwicklungspotenziale der arabischen Welt zu heben.

Feminismus im Islam: Jung, gläubig und emanzipiert
Muslimische Frauen werden in der Öffentlichkeit vor allem als Opfer betrachtet. Viele von ihnen wehren sich gegen dieses Bild – sie sehen sich als Feministinnen in der Tradition des Propheten Mohammed.

Vous avez dit féministe et musulmane?
Quarante ans après la constitution du Mouvement de libération des femmes, le féminisme pourrait-il trouver un nouveau souffle, avec d’autres protagonistes et dans un autre contexte?

Business.com: 100 Most Powerful Arab Women 2011

The Arab Woman You Don't See (by Queen Noor of Jordan)
On this anniversary of International Women's Day, almost a century since those Arab feminists raised their voices, it is time for women everywhere to take their proper place beside men as equal parents of new societies born in democracy and justice.

Marokko: Die Caférevolution
Marokkanische Frauen kämpfen für ihren Platz in den Straßencafés des Landes – trotz reformierten Familienrechts noch immer eine Männerdomäne. Das Goethe-Institut Rabat unterstützt die Gleichberechtigung im öffentlichen Raum mit performativen Interventionen unter dem Titel „Happy Hour“. In Rabat, Salé und Casablanca ist die Café-Präsenz der Frauen bereits erfolgreich erprobt worden. Zum Internationalen Frauentag am 8. März und jeden Monat einmal werden nun zeitgleich in mehreren Städten rund um das Mittelmeer Tische für die „Happy Hour“ bereitgestellt.

Tunesien: Frauen an die Macht

Feminismus in Tunesien: Die Frauen der Revolution
Sie gelten als stark, modern und selbstbewusst - tunesische Frauen haben die Macht des Autokraten aller Autokraten aktiv bekämpft. Nun lassen sie sich nichts mehr wegnehmen.

Ägypten: »Von Gender-Fragen sind wir noch entfernt«
Aida Saif al-Dawla gründete 1984 das New Woman Research Center, die einzige ägyptische Institution, die sich in den vergangenen Jahrzehnten für Frauenrechte eingesetzt hat. Sie ist Mitgründerin des Nadim-Zentrums für psychologische Betreuung von Opfern von Gewalt, das sich um Opfer von Folter und häuslicher Gewalt kümmert. 2003 wurde al-Dawla von Human Rights Watch geehrt für ihren Einsatz ­gegen Folter und für Frauenrechte.

Women Fight to Maintain Their Role in the Building of a New Egypt

How Egyptian Women Took Back the Street Between Two “Black Wednesdays”: A First Person Account

Imperial Feminism, Islamophobia and the Egyptian Revolution

The Marriage of Sexism and Islamophobia
I find myself intermittently infuriated and nauseated by the news coverage of the sexual assault on a female CBS reporter in Tahrir Square during the celebrations the day that Husni Mubarak resigned. This coverage has ranged from the disappointing silence of Al-Jazeera to the blatant racism of Fox News.

Frauentag in Ägypten: Die Revolution ist ihre Chance
Zum ersten Mal findet der Frauentag in Kairo auf der Straße statt. Die Aktivistinnen fordern auf dem Tahrir-Platz, dass sich jetzt endlich auch für sie etwas ändert. 

Women's demo outlines controversial demands
In celebration of the 100th International Women’s Day, a group of women’s rights activists organized a One Million Women March this afternoon at the heart of the Egyptian capital, Tahrir Square. The turnout did not exceed a few hundred people, which Aalam Wassef, one of the organizers of the march, concedes matched their expectations.

Egypt's female authors write history, and their future

Irak:  Nordirakerinnen zwischen Gewalt und Reform
Auf den ersten Blick hat sich viel getan für die Frauen im Nordirak: Fast ein Drittel der Abgeordneten in irakisch Kurdistan sind Frauen. Doch noch immer ist die Anzahl der Ehrenmorde und der Selbstverbrennungen hoch.

Jemen: A woman leading change in Yemen
Journalist Alice Hackman, who recently returned to London after two years as reporter and Features Editor for The Yemen Times in Sana’a examines the role that female activists, particularly Tawakkul Karman, are playing in Yemen's protests, highlighting the importance of women's activism in Yemen's uncertain future.

Bahrain: Personal Revolutions: One Woman's View from the Bahrani Frontline
Since February 14th 2011, Bahrain has been experiencing a massive popular uprising in which large numbers of women from different socio-economic, political and religious backgrounds have taken to the streets to demand greater rights, freedom and democracy.

Dubai: "Wir profitieren von Ägypten"
Ebtissam al Khitbi, Politikdozentin an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate, ist Dubais bekannteste Aktivistin für Demokratie und Frauenrechte. Die Umwälzungen in Tunesien und Ägypten sowie die Revolten in Bahrain, Libyen und im Jemen geben ihr neue Hoffnung.

Oman: Männerquote an der Universität im Sultanat Oman
Inzwischen liegt die Alphabetisierungsquote der jungen und mittleren Generation mit der in Deutschland auf Augenhöhe. An der Universität musste eine Männerquote eingeführt werden und der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist deutlich höher als in Deutschland - auch die omanische Botschaft in Berlin wird von einer promovierten Frau geleitet.

18.02.2011

Gegen Auslegungswillkür imprägniert?

Von Marco Schöller

Heute hat Hartmut Krauss unter dem Titel "Chancengleichheit für die kritische Vernunft" eine Antwort auf Sabine Leutheuser-Schnarrenbergers FAZ-Artikel "Jeder Religion die gleiche Chance" vom 10. Februar 2011 veröffentlicht.

In seiner Antwort, ja tatsächlich einer Widerrede, führt er zahlreiche Argumente ins Feld, die zum größten Teil fragwürdig sind. Ich möchte hier nur auf einen Punkt eingehen, der mir besonders wichtig erscheint, zumal er immer wieder in der Islam-Debatte auftaucht. Dieser Punkt liest sich im Text von Krauss wie folgt: