31.03.2011

Kinder der Revolution - Maikel Nabil aus Ägypten droht mehrjährige Haft

Maikel Nabil Sanad (25)
Über den jungen Friedensaktivisten Maikel Nabil und eine Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst...

Ein Gastbeitrag von Kristin Jankowski

"Ich bin sehr traurig und wütend", sagt Kirolos Nagy. Seine Stimme zittert. Er holt tief Luft : "Ich verstehe nicht, warum die Armee Maikel Nabil einsperrt. Nach welchem Gesetz hat das Militär gehandelt? Maikel ist seit vielen Jahren mein Freund. Ich weiss nicht, was mit ihm passieren wird. Das macht mir grosse Angst."

In der Nacht vom 28. auf den 29. März 2011 hat das ägyptische Militaer den Blogger und Antimilitaristen Maikel Nabil festgenommen.

Maikel Nabil saß oft mit seinen Freunden in einem Strassencafe in der Nähe der Börse in Kairo. Es ist Cafe mit bunten Stühlen und Plastiktischdecken. Maikel hat seinen Tee immer mit einem Löffel Zucker getrunken. Wenn er jemandem zur Begrüssung die Hand gereicht hat, lächelte er und seine grossen braunen Augen funkelten.

"Er war mit jedem befreundet. Ich habe viel mit ihm über Gott und Frieden gesprochen. Unsere Unterhaltungen waren immer sehr tief", erinnert sich Kirolos Nagy. "Und jetzt ist er weg. Zuerst haben wir dem Militär vertraut. Und nun haben sie unseren Freund festgenommen. Ich bin wirklich sehr enttäuscht", so der 21-jährige. "

Angeblich kam die Militärpolizei zwischen 3 Uhr und 4 Uhr morgens zu Maikels Wohnung. Er war alleine Zuhause. Ich weiß leider auch nicht, was genau passiert ist", sagt Amr Bakly. "Ich kenne Maikel seit vielen Jahren. Wir haben uns aufgrund unserer politischen Arbeit kennengelernt", erzählt er. "Ich denke, dass er festgenommen wurde, weil er über die Armee geschrieben hat. Er war immer gegen die Armee. Maikel ist ein Friedensaktivist", weiss der 29-jährige. "Ich bin wirklich sehr besorgt. Wir wissen, dass die Armee viele Leute gefoltert hat. Ich habe Angst um meinen Freund und ich kann ihm nicht helfen."

Amr Bakly hat durch das soziale Netzwerk Facebook von der Festnahme Maikel Nabils erfahren. "In dem Moment war ich wirklich sehr wütend" erinnert er sich. "Maikel ist immer direkt, er ist immer klar in seinen Worten. Das mag ich an ihm. Maikel ist mutig, niemand kann ihn kontrollieren. Maikel ist ein Kämpfer", so Amr Bakly.

Maikel Nabil ist am 1. Oktober 1985 in Assuit geboren. Dort hat er Tiermedizin studiert. Maikel Nabil war Mitglied in verschiedenen politischen Parteien und hat sich in zahlreichen Nichtregierungsorganisationen engagiert. Im Jahr 2006 begann er Texte auf seinem Blog (http://www.maikelnabil.com) zu veröffentlichen.

Am 9. April 2009 gründete er die Bewegung "No for Compulsory Military Service". Es ist die erste Organisation in Ägypten, die sich gegen die allgemeine Militärpflicht einsetzt. Maikel Nabil ist Kriegsdienstverweigerer. Im November 2010 wurde er von der Armee befreit. In einer Erklärung beschreibt er, warum er nicht von dem Militär eingezogen werden will. Er sieht sich selbst als Pazifisten, er will keine Waffe in der Hand halten. "Ich bin nicht bereit etwas gegen meinen Willen zu tun - ganz egal welcher Preis dafür zu bezahlen ist", schreibt er auf seiner Internetseite. Das Rekrutieren bezeichnet er als eine Art Sklaverei und er sei ein freier Mensch. "Momentan bin ich nicht bereit meine Freheit aufzugeben und sie in die Hände von militärischen Gangs zu geben. Alles was sie tun können ist zu töten, zu schlachten und Blutbäder anzurichten."

Während des Aufstandes in Ägypten wurde Maikel Nabil am 4. Februar 2011 für zwei Tage festgenommen. Er war auf dem Weg zum Tahrir-Platz - zur Demonstration gegen das Mubarak Regime. Doch er wurde von der Militärpolizei aufgehalten und festgenommen. Maikel Nabil behauptet, er wurde während der Haft geschlagen. Mehrmals wurden seine Augen verbunden. Zudem gibt er an, er wäre sexuell genötigt worden."Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens" beschreibt Maikel Nabil.

Einige Wochen später wurde Maikel Nabil wieder festgenommen. Einige seiner Freunde behaupten, die Militärpolizei sei am frühen morgen des 29. März 2011 zu seiner Wohnung gekommen und habe ihn von dort weggebracht.

"Ich habe am Abend des 29. März mit Maikels Bruder Mark und seinem Vater in einem Cafe in Downtown gesessen", erzählt Sahar Mahar. Sie kennt Maikel Nabil seit rund 1,5 Jahren. "Maikel hatte Glück und konnte zwei Anrufe machen. Heimlich. Angeblich war es das Telefon eines Offiziers. Maikel hat seinen Bruder angerufen. Einmal um etwa 8 Uhr morgens und um ungefähr 12 Uhr. Beim ersten Anruf hatte er Mark erzählt, was passiert sei. Beim zweiten Anruf sagte Maikel, dass er innerhalb der kommenden zwei Stunden vor ein Militärgericht gestellt wird", so die 21-jährige. "Hätte er die Anrufe nicht machen dürfen, dann würden wir gar nicht wissen, wo er ist" sagt sie besorgt. "Als Maikel zum zweiten Mal bei seinem Bruder anrief, war er sehr verängstigt und erzählte, dass er wahrscheinlich für 18 Jahre ins Gefängnis kommen wird. Wir haben kurz danach mit einem Anwalt gesprochen und er sagte uns, dass sich Maikels Höchststrafe auf drei Jahre belaufen kann", erzählt Sahar Maher weiter. "Beschuldigt wird er angeblich wegen Verbreitung von Lügen ueber das Militär, Beleidigung der Armee und das Gefährden der Inneren Sicherheit."

Am 8. März 2011 hatte Maikel Nabil auf seinem Blog einen Artikel über das aegyptische Militär veroeffentlicht. Darin geht es um das brutales Vorgehen der Armee gegen friedliche Demonstranten.

"Vor einigen Tagen hatte Maikel während eines Treffens im Hisham Mubarak Center - einer Rechtsanwaltskanzlei, die sich mit Menschenrechten beschaeftigt- erzählt, dass er bald den zweiten Teil seines Artikels über die Verbrechen der Armee veröffentlichen will", weiß Sahar Maher. "Wer weiss, wer ihm dabei zugehört hat".

Derzeit befindet sich Maikel Nabil angeblich in dem Militärgefaengnis in dem Stadtteil Nasr City in Kairo. "Innerhalb der nächsten 14 Tage soll eine endgültige Entscheidung über Maikel gefaellt werden", sagt Sahar Maher. "Wir sind alle wirklich sehr besorgt um ihn."

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